AUTOMOBILE Tränen auf der Parkbank
Vor dem Kauf des Ferrari 575 M Maranello muss der Kunde sich entscheiden: Handschaltung oder Halbautomatikgetriebe?
Mit klassischem Schaltknauf ist der 515 PS starke Sportwagen günstiger (188 000 Euro). Ohne Kupplungspedal kostet er 8000 Euro mehr.
Die teurere Option stammt aus der Formel 1 und heißt »F1-Getriebe": Die Schaltbefehle werden wie im Rennsport über Zughebel am Lenkrad erteilt. Das Aus- und Einkuppeln übernimmt das Auto dann selbst.
Mit der Halbautomatik schaltet jeder Immobilienmakler schneller als Michael Schumacher am traditionellen Gangknüppel - wenn auch nicht sehr viel schneller: Den Spurt auf 100 km/h erledigt der neue Ferrari mit F1-Getriebe in 4,2 Sekunden; mit herkömmlicher Schaltung schafft das ein Profi immerhin in 4,25 Sekunden.
Das neue Spitzenmodell erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 325 Stundenkilometer und ist damit das derzeit schnellste Straßenauto von der Stange, das Ferrari anbietet.
Für treue oder prominente Kunden sind 300 Exemplare aus der Sonderserie FX vorbehalten. Zum Stückpreis von etwa 500 000 Euro wird der 650 PS starke und über 340 km/h schnelle Wagen ab Oktober dann das potenteste Straßenfahrzeug sein, das Ferrari je gebaut hat.
Der Zweisitzer aus Kohlefaserwerkstoff soll in der Tradition der Jubiläumsrenner F40 und F50 stehen und wird deshalb voraussichtlich F60 heißen. Eigentlich ist er dafür jedoch fünf Jahre zu früh; das Unternehmen wird erst 2007 den 60. Geburtstag feiern. Geduld ist nicht die höchste Tugend eines Autoproduzenten, dessen Absatz boomt wie nie.
Im Glanz ihrer Formel-1-Triumphe erlebt die Firma aus Maranello bei Modena auch als Sportwagenmarke die erfolgreichste Zeit ihrer Geschichte. Der Jahresverkauf liegt bei weit über 4000 Fahrzeugen. Ferrari ist derzeit das einzige kerngesunde Unternehmen unter dem Dach des multimorbiden Fiat-Konzerns - für den 1988 verstorbenen Firmengründer Enzo Ferrari ein später Triumph.
Bittere Tränen weinte Ferrari der Legende zufolge an einem eisigen Wintertag nach Ende des Ersten Weltkriegs, als er in zerschlissenem Anzug auf einer Turiner Parkbank saß. Fiat hatte den Arbeit suchenden Halbwaisen abgewiesen.
Mangels solider Ausbildung (den Ingenieurtitel bekam Ferrari später ehrenhalber) verdingte er sich zunächst mit mäßigem Erfolg als Rennfahrer, stieg später zum Rennleiter von Alfa Romeo auf und gründete 1947 die heute legendäre Autofirma. Sein gänzlich unexotischer Name (auf deutsch hieße Enzo Ferrari etwa Heinz Eisenschmidt) wurde bald zur Ikone mediterraner Motorenmythen.
Der passionierte Griesgram - Biograf Griff Borgeson konnte sich nicht erinnern, »je ein freundliches Wort« aus Ferraris Mund gehört zu haben - sah im Bau von Straßenautos eher ein notwendiges Übel, um den geliebten Rennsport zu finanzieren. Die Sportwagen der Marke waren durchweg schlecht verarbeitet, unkomfortabel und nur von kundigen Fahrern beherrschbar.
Verglichen mit den frühen Modellen, ist der neue 575 M Maranello ein Musterbeispiel an Qualität und Bedienungsfreundlichkeit. Dank Servolenkung lässt er sich einparken wie ein VW Golf. Rührig weist die Begleitbroschüre darauf hin, dass die Knöpfe zur Fern-Entriegelung von Kofferraumhaube und Tankdeckel weitaus ergonomischer platziert wurden und nun auch von außen erreichbar sind.
Während die Straßenautos also zunehmend für verweichlichte Kunden gemacht sind, wird der Mythos der Marke von einer archaischen Strahlkraft getragen. Der Produktionsstandort Maranello, architektonisch so reizvoll wie Gütersloh, zieht als Pilgerstätte Millionen Enthusiasten an, die beim Erwerb von Devotionalien respektable Kaufkräfte freisetzen.
16 Millionen Euro hat Ferrari im vergangenen Jahr mit dem Vertrieb von Kleidung und Spielzeug eingenommen. Um diese Geldströme besser zu kanalisieren, eröffnete das Unternehmen am 11. April in Maranello den ersten »Ferrari Store« - eine Gasfuß-Apotheke für Hochinfizierte. Weitere sollen folgen, unter anderem in New York und Tokio.
Beim Betreten der blitzblanken PS-Boutique aktiviert jeder Besucher eine Lichtschranke und wird sogleich aus Lautsprechern mit dem schrillen Jjiiiieeeääääännng eines imaginären Rennmotors begrüßt. Neben Jacken, Kappen und Modellautos erwarten ihn bizarre Tabernakel des Motorenkults, etwa eine Boxenstopp-Puppenstube mit Plastikmechanikern in Wuselpose.
Ferrari-Freunden, die gern selbst schrauben, dabei aber nicht unbedingt Geld sparen wollen, empfiehlt der Hersteller einen Werkzeugsatz im naturgegerbten Lederhalfter mit eingeprägtem Firmenpferd - für 1980 Euro. CHRISTIAN WÜST