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Training im Kopf

Psychologen betreuen Hochleistungssportler. Durch mentale Arbeit lernt der moderne Athlet, unter Druck cool zu bleiben. VON JÖRG KRAMER
Von Jörg Kramer
• aus SPIEGEL Wissen 1/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Warum kommen manche Fußballprofis mit der Geschwindigkeit des modernen Spiels besser zurecht als andere, warum spielen sie den Ball auch unter Druck mit kühlem Kopf, angemessen hart und präzise, auch wenn der Gegner blitzartig die Räume verstellt? Weil sie es trainieren. Sie trainieren den kühlen Kopf oder, wie es Jan Mayer ausdrückt, »die kognitiven Anteile einer Bewegung«.

Mayer, 36, ist Sportpsychologe, er hat eine Professur an der privaten Hochschule für Gesundheit & Sport in Berlin und ist Dozent an der Universität Heidelberg. Zusammen mit seinem Kollegen Hans-Dieter Hermann leitet er in Schwetzingen ein Institut für Sportpsychologie und mentales Coaching. In der Praxis betreut er derzeit vier Jugendauswahlmannschaften des Deutschen Fußball-Bundes, den Nachwuchs des Bundesligaclubs 1899 Hoffenheim sowie die deutschen Nationalmannschaften im Skisprung, Handball und Basketball. Er hat auch mit Eishockeyspielern und Skifahrern gearbeitet, sein Werdegang zeigt, dass mentale Arbeit im Sport in Mode gekommen ist.

Mehr als 30 Psychologen betreuen deutsche Spitzenathleten in olympischen Disziplinen. 80 Prozent der Arbeit befasst sich mit Training für den Kopf. Es geht darum, bestimmte Fertigkeiten zu automatisieren, etwa dadurch, dass sich der Sportler seine Handlungen wiederholt vorstellt, ohne die Handlungen praktisch auszuführen. Das funktioniert zum Beispiel mit Schlagwörtern, die im Bewegungsrhythmus gesprochen werden. Für wichtige Phasen der Bewegung, im Videostudium herausgefiltert, werden dabei individuelle Kurzformeln gefunden: »Vor«, »Hoch«, »Stand« zum Beispiel bei Skifahrern; »Schieben«, »Raus«, »Schließen« beim taktischen Positionsspiel im Fußball.

Auf das schnelle Fußballspiel bei engem Raum übertragen, heißt das: Mayers Klienten stellen sich für bestimmte Spielsituationen die gefragten Bewegungen und taktischen Handlungen so intensiv vor, dass sie sogar die jeweiligen Bewegungsgefühle in die Vorstellung integrieren, das Ballgefühl, das Tastempfinden. Dabei werden auch jene Hirnregionen aktiviert, die diese Bewegungen tatsächlich ausführen lassen würden, die Tendenz dieser Bewegungen wird bereits sichtbar.

Es ist wie beim Fallen in einem Traum, wenn im Schlaf der Körper zuckt. So lernen die Spieler, auf ihre Wahrnehmungen schneller situationsbezogen zu reagieren, den Stress zu reduzieren. Im Wettkampf ruft der Sportler nur noch gespeichertes Verhalten ab, er überlegt nicht mehr.

Man kennt die Übung von Skifahrern, die vor dem Start mit geschlossenen Augen konzentriert die Strecke durchgehen und dabei in Beinen oder Armen unwillkürlich die Schwünge andeuten. Mit der Methode kann ein Tennisspieler seinen Aufschlag automatisieren, ein Judoka kann seine Kampftechnik üben oder verändern. »Mentale Stärke ist ein trainierbarer Muskel«, sagt der Heidelberger Sportpsychologe Hans Eberspächer.

Die Sportler lernen, sich und ihre Gedanken zu regulieren, durch Selbstgespräche, durch Mobilisations- wie Entspannungstechniken - und eben durch Vorstellungen von Wettkampf- und Krisensituationen. Mit mentalem Training soll die Überzeugung wachsen, die Situationen zu bewältigen, denn der Athlet hat sie zuvor ja bereits im Kopf gemeistert. Mayer und Hermann nennen das in ihrem neuen Buch »Mentales Training"* die »Selbstwirksamkeitsüberzeugung«.

Mayer arbeitet bei Lehrgängen und in Trainingslagern mit seinen Klienten, in Gruppen oder in Einzelsitzungen. Er

studiert mit ihnen Merksätze ein. Das können Metaphern sein, die Mut machen: »Ich bin heute geschmeidig wie ein Panther«, sagen sich Boxer. »Tief durchatmen«, das lernen Fußballprofis, die bei vermeintlich ungerechten Schiedsrichterentscheidungen zum Jähzorn neigen. Die Sportpsychologen warnen davor, sich negative Botschaften einzureden wie: »In diesem Stadion habe ich noch nie gewonnen.« Man müsse Sätze sagen wie: »In diesem Stadion will ich heute zum ersten Mal gewinnen.«

Mit Tennisspielern hat Mayer geübt, sich einen sogenannten Fluch- und Schimpfraum hinter der Grundlinie zu denken. Wenn sie schon hadern müssen, dann nicht auf dem Spielfeld, dort sollen sie nur handlungsorientiert, positiv sein.

Mit Skispringern zum Beispiel geht der Psychologe die einzelnen Arbeitsschritte durch: Auf dem Schanzentisch optimal die Kante treffen, ein Luftpolster erwischen, die Telemarklandung. Es bringe nichts, sagt Mayer, sich eine bestimmte Weite vorzunehmen. Die Skispringer sollen sich zum Ziel setzen, die jeweils nächste Aktion zu meistern, wie auch Fußballspieler nicht an die Meisterschaft denken sollen, sondern an den nächsten Zweikampf.

* Jan Mayer, Hans-Dieter Hermann: »Mentales Training. Grundlagen und Anwendung in Sport, Rehabilitation, Arbeit und Wirtschaft«. Springer Verlag, Berlin; 252 Seiten; 34,95 Euro.

Skispringer haben manchmal schwere Sturzerlebnisse zu verarbeiten. Es geht dann darum, die Angst zu bewältigen. Der Psychologe wendet eine Technik an, die man die systematische Desensibilisierung nennt. Dabei soll sich der Athlet die angsteinflößende Tätigkeit im entspannten Zustand vorstellen. Langsam wird er an sein gewohntes Tun wieder herangeführt, zum Beispiel erst einmal nur mit dem Bus bis zur Schanze gefahren.

Grenzerfahrungen dienen auch der Motivation. Das können ganz simple Läufe den Berg hinauf sein, im Extrembereich und in der Gruppe erlebt. Jan Mayer erinnert seine Klienten auch gern an Highlights der Sportgeschichte, etwa den »Rumble in the Jungle«, den Box-Weltmeisterschaftskampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman 1974 in Kinshasa. Im Eingangsbereich des Schwetzinger Instituts hängt das weltberühmte Foto, auf dem Ali 1964 von oben herab seinen gestrauchelten Kontrahenten Sonny Liston anherrscht. Und Mayer fragt seine Athleten, um sie anzustacheln: »Wie viel Ali steckt in dir?«

In manchen Sparten ist die Sportpsychologie auch ein Hilfsmittel zur Talentsichtung. Kognitive Tests bei jungen Fußballern bieten Proficlubs ein Auswahlkriterium. Motorisch stark seien viele, sagt der Psychologe Hermann. Nach oben komme, »wer im Kopf am stabilsten ist«.

Von der Psycho-Welle profitieren im Sport allerdings auch manche schrägen Typen. Sogenannte Motivationstrainer flüstern Sportlern öffentlichkeitswirksam vor dem Wettkampf schnell noch etwas ins Ohr, viele seriöse Sportpsychologen belächeln das. Sie nennen das abschätzig Marketing.

Es gab schon Motivationsgurus, die Fußballer barfuß über Scherben laufen ließen, sogenannte Fachmänner für Selbstheilungsmanagement überführten ihre Schützlinge in tranceartige Alphazustände. Ein Bioenergetiker behandelte während der letzten Fußball-WM deutsche Nationalspieler mit Trinkwasser, das angeblich mit positiven Schwingungen angereichert war. Und sogenannte Kinesiologen oder Gehirntrainer lehren Stressresistenz und bessere Aufnahmefähigkeit.

Schaden, meint der Psychologe Mayer, muss das zwar alles nicht. »Von einem Sportpsychologen sollte man verlangen, dass er über eine langjährige akademische Ausbildung und entsprechende Fachkenntnisse verfügt«, gibt er allerdings zu bedenken. »Bei sogenannten Mentaltrainern ist die Vorbildung oft nicht zwingend nachvollziehbar, ich habe bei manchen den Eindruck, die Ausbildung stützt sich auf das Lesen von drei Büchern.«

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