Trübe Wasser - DER SPIEGEL
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Geologie Trübe Wasser

Mit dem U-Boot in die Unterwelt - ein Höhlentaucher fahndet in Süddeutschland nach einem Labyrinth aus Wassergrotten.
• aus DER SPIEGEL 10/1996
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Behutsam wurde der querschnittsgelähmte Höhlenforscher in den »Speleonaut« gesetzt. Kameras surrten, Zuschauer klatschten Beifall, als das 2,50 Meter lange Gefährt die letzten sichtbaren Runden im Blautopf drehte. Dann verschwand Jochen Hasenmayer, 54 ("Das ist die Stunde der Wahrheit"), in der Tiefe.

Seit seinem Wiederauftauchen nach vier kurzen Testfahrten am vorletzten Sonntag steht der Süßwasser-Akrobat aus Pforzheim im Mittelpunkt journalistischen Interesses. Durch Schlamm getrübte Bilder von der Jungfernfahrt waren bei ARD, ZDF und Stern-TV zu sehen. »Eine abenteuerliche Reise ins Innere der Erde«, übertrieb Bild.

Mit seinem Vehikel (9 Elektromotoren, 16 Scheinwerfer, 8 km/h Spitzengeschwindigkeit) will Hasenmayer eine langgehegte Mutmaßung beweisen. Seit nunmehr 17 Jahren verficht er die Idee, der Blautopf, ein 40 Meter breiter Quellteich bei Blaubeuren, sei der Einstieg in ein unterirdisches, mit Wasser vollgelaufenes System aus Karsthöhlen, das sich auf einer Fläche von 30 000 Quadratkilometern bis an die Alpen erstrecke. Bereits im Jahr 1985 war der Hohlraum-Experte in den irisierenden Quellteich gesprungen und durch eine Engstelle, die »Düse«, gekrabbelt, die den Wassertrichter in 20 Meter Tiefe gefährlich verjüngt. Dahinter öffnete sich dem Taucher ein rostroter, mit Eisenoxid überzogener Kalksteintunnel, der nach 1250 Metern in eine große, mit Luft gefüllte Tropfsteinhöhle mündete, den Mörike-Dom (siehe Grafik). »Ich tauchte in einer Höhle auf, einer gewaltigen Kathedrale«, erzählt der Eindringling, »das Wasser leuchtete tiefblau. Wie ein Märchenpalast.« Hasenmayers Fazit: Der Blautopf sei eine »Schleuse in die Unterwelt« und der Zugang zum »größten nutzbaren Heißwasserfeld der Erde«. So märchenhaft die These klingt, so bizarr wirkt der neuerliche Vorstoß in den Süßwasser-Orkus. Wenn der Kommandant des »Speleonaut« auf dem Sagenquell Wellen schlägt, verbindet sich schwäbisches Tüftlertum mit nautischer Tollkühnheit, Versehrtensport mit der Hoffnung auf ökologischen Fortschritt. Von den tektonischen Bewegungen der Erdkruste scheint der Autodidakt nicht viel zu verstehen. »Hasenmayer ist ein begnadeter Taucher«, räumt Diethard Storch vom Geologischen Landesamt in Freiburg ein, »von Geologie hat er aber keine Ahnung.« Auf mehreren Symposien haben die Experten die Entstehung der Blauhöhle analysiert. Demnach wurde der Felsschlauch vor rund 500 000 Jahren ausgewaschen, als das Flußbett der Donau 32 Meter tiefer lag als jetzt. Regenwasser höhlte den porösen Kalkstein der Schwäbischen Alb aus. Als Ätzsubstanz diente Kohlensäure. Solche Verkarstungen können gewaltige Ausmaße erreichen. Der Flint-Ridge-Mammoth-Cave, eine Tropfstein-Kaverne in Kentucky, erstreckt sich über eine Länge von 500 Kilometern. Auch in der Schwäbischen Alb ist der Kalkstein an vielen Stellen durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Vor wenigen Wochen wurde ein neu entdecktes Grottensystem, die Wulfbachquellhöhle bei Tuttlingen, dokumentiert und vermessen. Sie ist 4,3 Kilometer lang. Weiter südlich dagegen, Richtung Alpenvorland, können sich nach Ansicht der Geologen keine großen unterirdischen Höhlungen im Gestein gebildet haben. Der Grund: Dieses Gebiet liegt unter _(* Mit dem zu Wasser gelassenen ) _("Speleonaut«. ) einer Schicht aus schlecht wasserdurchlässigem Geröll, Molasse genannt. Der Schuttpanzer entstand, als sich die Alpen vor rund 50 Millionen Jahren auffalteten und die Schwäbische Alb niederdrückten.

Bohrungen in Saulgau ergaben, daß das poröse Kalkgestein dieser Uralb heute über 500 Meter tief in der Erde liegt. In Schichten zwischen 580 bis 600 Metern stießen die Bohrmeißel auch auf Höhlungen, in denen sich Wasser befand. Große sprudelnde Erdblasen, gefüllt mit heißem Frischnaß, wie Hasenmayer hofft, wurden allerdings nicht angetroffen. Weil die Molasse kaum Schmelzwasser durchläßt, fehlt es an Wasserwucht. Die Hohlräume können sich nicht weiten. Die in Saulgau in großer Tiefe angetroffene Flüssigkeit hatte fast keine Fließgeschwindigkeit. Chemische Analysen ergaben, daß sie seit 8000 Jahren im Gestein eingekesselt ist.

Hasenmayer, mit den Wissenschaftlern heillos zerstritten, tut solche Fakten als Unsinn ab. 25 Millionen Jahre sei seine Höhle alt, und nicht rund 500 000 Jahre, wie die Geologen versichern. Quacksalber seien die Beamten aus Freiburg. Während er »Sensationen« aus dem Uterus der Erdmutter hervorzaubere, ergingen sich die Staatsdiener in praxisferner Rabulistik.

Die taz pflichtete dem Erbosten bei. Von oben angepikst, werde das Thermalreservoir »Heißwasser im Überfluß« bieten, schwärmte das Blatt: »Ganz Süddeutschland brauchte keinen Atomstrom mehr.«

Begeistert durch solche Aussichten forderte der Stuttgarter Wirtschaftsminister Dieter Spöri letzten Donnerstag eine Stellungnahme von seinen Beamten. Was ist dran am Thermalparadies? Antwort der Experten: »Nichts.« Hasenmayers Theorien seien längst überprüft und für »abwegig« befunden worden.

Hasenmayer, der weltweit über 200 Höhlen erkundete, oszilliert zwischen Jules Verne, Jacques-Yves Cousteau und Daniel Düsentrieb. »Streng wissenschaftlich«, wie er sagt, strebt der bebrillte Thermalsucher nun den ultimativen Beweis an.

Weil die vorgelegten Fotos und Videobilder die Gelehrtenzunft nicht überzeugen, will der Mann im Spätsommer seine mit sieben unabhängigen Atemsystemen bestückte Polyesterröhre bis zum Mörike-Dom lenken und von dort tiefer in den Blautopf eindringen.

Beim Dichter Eduard Mörike ist nachzulesen, wen der Tüftler auf seiner waghalsigen Propellerfahrt in den unergründeten Feuchtraum antreffen könnte.

Der 1853 geschriebenen Geschichte vom »Stuttgarter Hutzelmännlein« zufolge wohnt in dem Sagenquell eine humorlose Nixe mit Schwimmhäuten.

[Grafiktext]

Kavernen im Karst - Längsschnitt durch die Blauhöhle bei Blaubeuren

[GrafiktextEnde]

* Mit dem zu Wasser gelassenen »Speleonaut«.

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