Üble Brühe - DER SPIEGEL
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Atomkraft Üble Brühe

Nach langem Streit wurde jetzt beschlossen, 80 Kubikmeter flüssigen Atommülls in Karlsruhe zu verglasen. Kostenpunkt: 400 Millionen Mark.
• aus DER SPIEGEL 39/1996
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Endlich gibt es ihn, den Atomkonsens - zumindest in Karlsruhe. Jahrelang schoben die Politiker die Entscheidung vor sich her. Jetzt sind sie einig: Die heißeste Brühe, die Nukleartechniker je auf deutschem Boden anrührten, soll dort »endlagergerecht« verfestigt werden, wo sie einst entstanden ist - auf dem Gelände der 1990 eingemotteten Pilot-Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK).

Im Frühjahr hatte Zukunftsminister Jürgen Rüttgers (CDU) alle Beteiligten zur nuklearen Vergangenheitsbewältigung aufgerufen. Vorletzte Woche war es dann entschieden: Das christlich-liberale Kabinett im Ländle nickte die Vor-Ort-Verglasung ab, ein Konzept, das sogar die Grünen nicht grundsätzlich bekritteln mochten; sie seien schon immer der Meinung gewesen: »Wer so eine Suppe anrührt, muß sie auch selbst auslöffeln.«

Entsorgt werden müssen hochradioaktive Flüssig-Abfälle aus der WAK, in der die Karlsruher Atomtechniker von 1971 bis 1990 einen Ernstfall probten, der dann im oberpfälzischen Wackersdorf nie stattfand.

Die giftige Brühe entstand als unerwünschtes Nebenprodukt beim Recycling verbrauchter Reaktorbrennelemente. Der Strahlenschrott wurde von Robotern zersägt, in konzentrierter Salpetersäure aufgelöst und schließlich das bei der Kernspaltung im Reaktor gebildete Plutonium nebst Resturan aus der Flüssigkeit ausgeschieden.

In 20 Jahren sammelten sich dabei in den Katakomben der Karlsruher Demonstrationsanlage rund 80 Kubikmeter »Spaltproduktlösung« an. Eine überschaubare Menge zwar, aber eine, die es in sich hat: Rund acht Tonnen Feststoffe sind in der salpetersauren Brühe noch gelöst, neben hochaktiven Strahlenisotopen wie Cäsium und Strontium auch ein Rest von 16,5 Kilogramm Plutonium und 504 Kilogramm Uran.

Die brisante Flüssigkeit lagert derzeit, abgeschirmt hinter meterdickem Stahlbeton, in zwei Spezial-Stahltanks. Bei einer Gesamtaktivität von 1018 Becquerel - das entspricht der Hälfte der in Tschernobyl in die Luft geblasenen Radioaktivität - entwickelt die Suppe soviel Wärme, daß sie auch heute noch ständig gekühlt werden muß.

Ursprünglich hatten die WAK-Betreiber vor, die Strahlenbrühe auf dem Gelände ihrer Anlage in eigens dafür entwickelte »Castor«-Behälter abzufüllen, um sie dann mit etwa 30 Fuhren per Bahn und Lkw ins belgische Mol zu verfrachten. Dort sollte der Flüssigmüll in der Verglasungsanlage »Pamela« verfestigt, dann nach Deutschland zurücktransportiert und schließlich - irgendwann, irgendwo - endgelagert werden.

Doch dieser Plan erwies sich bald als Wunschtraum: Schon gegen den Bau der geplanten »Abfüllanlage« hagelte es Proteste aus der Bevölkerung. Entlang der vermuteten Transportroute nach Belgien schlossen sich Initiativen gegen die Strahlentransporte zusammen - Jahre bevor auch nur ein ungefährer Termin für die Castor-Reise bekannt war.

Auch das Öko-Institut in Darmstadt nannte den Plan der Karlsruher »die schlechteste aller Möglichkeiten": Die radioaktive Verstrahlung nach einem schweren Unfall sei in keiner Weise zu beherrschen. »Kein vernünftiger Mensch«, echauffierte sich Öko-Gutachter Lothar Hahn, »kommt auf die Idee, mit so was in der Gegend rumzufahren.«

Zudem mußten die Atomentsorger einsehen, daß ihre belgische Lösung ein komplexes, länderübergreifendes Genehmigungsverfahren erforderte. Ihr Alptraum: Die Aktion könnte erst nach der Jahrhundertwende anlaufen und noch nicht beendet sein, wenn im Jahr 2002 in Belgien die »Pamela«-Genehmigung endgültig ausläuft.

Als Alternative blieb nur die Vor-Ort-Verglasung: Vorgesehen ist jetzt die Errichtung eines Glasschmelzofens in unmittelbarer Nähe der gegenwärtigen Lagerbehälter. Bei 1150 Grad soll die Strahlenbrühe dann ab dem Jahr 2003 in etwa 130 Kokillen aus einem speziellen Bor-Silikat-Glas eingeschmolzen, gasdicht in Edelstahlbehälter verpackt und später auf dem Gelände des Forschungszentrums in Castor-Behältern zwischengelagert werden (siehe Grafik). Am Ende sollen die Glaszylinder im Salzstock Gorleben ihre letzte Ruhestätte finden.

Daß man sich wenigstens darauf hat einigen können, ist für Bernhard Kuczera, Pressemann am Forschungszentrum, bereits ein Grund, »ein bißchen stolz zu sein«. Selbst die Kosten trüben sei- nen Stolz wenig: Das nun beschlossene Entsorgungskonzept, das noch die atomrechtliche Genehmigungsprozedur durchlaufen muß, wird nach aktuellen Schätzungen mindestens 400 Millionen Mark verschlingen.

Neben den Kosten für den gesamten »Rückbau« der Pilot-Wiederaufarbeitungsanlage nimmt sich dieser Betrag geradezu moderat aus: Bis auf der von den Verantwortlichen versprochenen »grünen Wiese« im Jahre 2010 wieder die Gänseblümchen blühen, werden dort nach Berechnungen des Bonner Forschungsministeriums mindestens 3,4 Milliarden Mark versickern - 17mal mehr, als einst die Errichtung der Anlage gekostet hat. Daß es bei dieser Summe bleibt, glauben nicht einmal die Rüttgers-Ministerialen - noch 1993 hatten sie mit einer Milliarde weniger kalkuliert.

Damit gebührt der WAK ein Spitzenplatz unter den deutschen Atomruinen - in der Kategorie Kosten wie in der Kategorie Sinnlosigkeit: In 20 Betriebsjahren durchliefen die Karlsruher Pilotanlage rund 208 Tonnen Reaktorbrennstoff. Das entspricht nicht einmal dem halben Jahresdurchsatz der zur Zeit in Deutschland betriebenen Reaktoren. Gewonnen wurden dabei 1,1 Tonnen Plutonium - ein Stoff, der inzwischen selbst zur teuren Altlast geworden ist.

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Geplante Verglasungseinrichtung Karlsruhe

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