ERDBEBEN Unberechenbare Kraft
Alle Bewohner der Apenninen-Zone »zwischen Emilia und der Toskana«, so die wiederkehrende Warnung der italienischen Rundfunk- und Fernsehanstalten am Mittwoch vorletzter Woche, müßten sich »auf ein schweres Erdbeben vorbereiten«. Experten hatten ein leichtes
Erdbeben in der Toskana als Vorboten eines möglicherweise katastrophalen Erdstoßes gedeutet: Die Schulen der Gegend blieben zwei Tage lang geschlossen; Hilfsmannschaften machten sich auf den Weg in das bedrohte Gebiet; rund hunderttausend Menschen verbrachten Nächte trotz Kälte und Schnee im Freien. Doch der erwartete Erdstoß blieb aus.
Drei Tage später zerstörte ein Beben der Stärke sieben mehrere Gebäude und das 100 Jahre alte Krankenhaus des Ortes Godoy Cruz nahe der westargentinischen Provinzhauptstadt Mendoza. Sechs Menschen starben, mindestens 150 wurden verletzt - eine Warnung hatte es nicht gegeben, der Erdstoß kam völlig überraschend.
Wieder einmal, das bewiesen die beiden Ereignisse, blieben die Erwartungen unerfüllt, welche die Erdbebenforscher in den letzten Jahren in ihre Wissenschaft gesetzt hatten: mit modernster Technik, so hatten sie gehofft, müsse es möglich sein, Ort, Zeit und Stärke von Erschütterungen der Erdkruste rechtzeitig genug vorherzusagen, um die Bewohner der gefährdeten Gebiete zu warnen oder notfalls zu evakuieren.
Mit einem Arsenal empfindlicher Gerätschaften hatten sie sich im letzten Jahrzehnt für diese Aufgabe gerüstet: Noch kleinste Erdbewegungen werden an den bekannten Bruchzonen der Erdrinde mit Hilfe von Laser und Nivelliergeräten registriert; unterirdisch installierten Seismometern entgeht keine Erschütterung im Erdinnern - gleich, ob sie von Sprengungen in Bergwerken, von unterirdisch gezündeten Atombomben oder Erdbeben herrührt.
Spezial-Apparaturen zeichnen in gefährdeten Gebieten jede Änderung der elektrischen Leitfähigkeit des Gesteins sowie des lokalen Erdmagnetismus auf - beides untrügliche Anzeichen, daß verkantetes Gestein sich unter dem Druck aus dem Erdinnern seinem Bruchpunkt nähert.
Fast 500 seismologische Beobachtungsstationen verfolgen allein im traditionell erdbebengefährdeten China das Geschehen unter der Erde. Hilfe erhalten die Forscher von 16 000 Laienhelfern - und eigens für diesen Zweck gehaltenen Tieren: Wie die kapitolinischen Gänse haben Vierbeiner und Schlangen, Vögel und Fische - offenbar auf die einem Beben meist vorausgehenden Vibrationen empfindsamer reagierend als der Mensch - immer wieder durch auffallendes Verhalten vor dem drohenden Rütteln der Erde gewarnt.
Dicht an dicht stehen Erdbebenwarngeräte längst des kalifornischen San-Andreas-Grabens, einer rund 1000 Kilometer langen Bruchspalte in der Nähe der Millionenstädte Los Angeles und San Francisco, und im Raum um Tokio. Doch aller technischer Aufwand konnte bislang die Treffsicherheit der Vorhersagen nicht wesentlich verbessern.
Auch Erkenntnisse der Forscher über Veränderungen im Untergrund vor den meisten Erdstoß-Katastrophen - plötzliches Ausbleiben von Mikro-Beben oder ein plötzlicher Anstieg des Helium-Anteils im Grundwasser - halfen kaum weiter. Das Zentrum eines Bebens lag oft Hunderte Kilometer vom vorausberechneten Ort entfernt.
Immer wieder zerbarst auch 1984 die Erdhülle ohne die geringste Vorwarnung. *___Im März erschütterte ein Beben der Stärke neun auf der ____in der Sowjet-Union geltenden zwölfteiligen Skala die ____Erdgasarbeiter-Stadt Gasli in der mittelasiatischen ____Kysylkumwüste; Eisenbeton-Bauten zerbrachen unter der ____Wucht der Erdstöße; über 100 Menschen wurden verletzt. *___Im April zerstörte ein Erdstoß der Stärke sechs auf der ____Richter-Skala an der »Calaveras«-Falte, nur wenige ____Meilen von San Francisco entfernt, Ladeneinrichtungen ____und Fensterscheiben, fegte schwere Gegenstände von ____Tischen und schüttelte Bilder von der Wand. *___Im Mai wurden die chinesischen Seismologen von schweren ____Erschütterungen in der südchinesischen Provinz Kiangsu ____überrascht, in der seit Jahrhunderten Ruhe geherrscht ____hatte. *___Im September schüttelte ein Erdbeben der Stärke 6,9 auf ____der Richter-Skala ganz Zentraljapan; weder Bewohner ____noch Wissenschaftler waren auf die Katastrophe ____vorbereitet; dreißig Menschen starben. *___Im Oktober verursachte ein Erdstoß der Stärke 5,5 mit ____dem Zentrum in Wyoming Zerstörungen in sechs ____US-Bundesstaaten. *___Im November verwüstete ein Beben der Stärke 5,7 in ____Kalifornien und Nevada Supermärkte und legte das ____Telephonnetz zeitweise lahm.
»Es gibt derzeit noch keine zuverlässige Methode, um Erdbeben vorherzusagen«, resümierten die amerikanischen Seismologen Haresh Shah und James Gere in einem Mitte letzten Jahres erschienenen Buch: »Terra non firma: Understanding and Preparing for Earthquakes«. Mit genauen Prognosen über Ort und Zeitpunkt der verhängnisvollen Druckstaus und ihrer plötzlichen Entladung
könne die Disziplin erst »in vielen Jahren, wenn überhaupt« dienen.
Was aber, so dämpfen Shah und Gere die Hoffnung auf ein wirksames Erdbeben-Frühwarnsystem, wäre wirklich damit gewonnen, wenn Ameisenstädte wie San Francisco oder Los Angeles noch rechzeitig von einem drohenden Unheil unterrichtet würden? Ob eine Evakuierung »wirklich durchführbar« wäre, erscheint ihnen zumindest zweifelhaft.
Nach dem Fehlalarm im Grenzgebiet zwischen Emilia und Toskana mehrten sich letzte Woche auch in Italien die Zweifel, ob es nicht besser gewesen wäre, die Vorkehrungen für den Ernstfall in aller Stille zu treffen, ohne eine ganze Region in Panik zu versetzen.
Erfahrungen in China andererseits könnten solche Zweifel zerstreuen helfen. Im Februar 1975 waren in der Provinz Liaoning zwei Millionen Menschen knapp sechs Stunden vor einem Beben der Stärke 7,3 rechzeitig gewarnt worden. Durch diesen - bislang allerdings einmaligen - Erfolg der Seismologen wurde schätzungsweise 100 000 Menschen das Leben gerettet.
Eineinhalb Monate zuvor hatten die Bewohner der Provinz zwei Nächte bei klirrender Kälte im Freien verbracht - da war das Beben noch ausgeblieben.