HANDSCHRIFTEN »Unser Gedächtnis zerfällt«
So stirbt ein Meisterwerk: Anfangs blutet sanft die Schrift auf dem Notenblatt aus. Dunkle Höfe bilden sich an den Stellen, wo viel Tinte auf dem Papier sitzt. Dann wird das Papier braun und hart.
»Die Note zerbröselt und fällt raus, das ist das Ende«, sagt Hartmut Böhrenz, Leiter der Restaurationswerkstatt der Staatsbibliothek zu Berlin düster. Im finalen Stadium sieht der Tintenfraß ungefähr so aus, als habe ein Bach-Verächter Zigaretten in den Manuskripten des »fünften Evangelisten« ausgedrückt.
Die Autografe des Thomaskantors sind vom Zerfall bedroht. Rund 300 Werke, insgesamt 7784 Blatt von Bachs Hand, besitzt die Staatsbibliothek zu Berlin - etwa jedes fünfte davon ist bereits schwer geschädigt. Auch prominente Werke zählen zu den musikalischen Opfern: Das »Sanctus« der Messe in h-Moll zeigt sich ebenso zerlöchert wie die erste Seite des »Credo«, von Bach einst in seiner tintenreichen Konzeptschrift zu Papier gebracht.
Die Schadensursache wurde schon Ende des 19. Jahrhunderts diagnostiziert; aber erst seit wenigen Jahren ist Genaues über den chemischen Prozess bekannt: Eisen-Gallus-Tinte, wie Bach und seine Zeitgenossen sie benutzten, setzt mit den Jahren eine aggressive, schweflige Säure frei, die das mit Hasenknochenleim gefestigte Papier zerfrisst.
Nur sorgsame Aufbewahrung konnte das Tempo der Zerstörung in den letzten Jahren verringern. Im Allerheiligsten der Musikabteilung der Berliner Staatsbibliothek sieht es aus wie in einer Firmenregistratur: ein fensterloser, weiß getünchter Raum, UV-strahlenfreie Neonröhren an der Decke, hellgraue Stahlspinde auf dunkelgrauem Nadelfilz. In den Schränken lagert - wohl temperiert bei 18 Grad Celsius und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit - das nach der Wende aus Ost- und West-Magazinen zusammengeführte mürbe Notenmaterial, Blatt für Blatt vorsichtig in Leinenkassetten zwischen Säure abpufferndes Papier gebettet.
Das war nicht immer so. Bis Anfang der neunziger Jahre wurden die Notenpapiere in ihren alten, säurehaltigen Pappumschlägen einfach dicht an dicht in Regale gestopft - aus Sicht der Restauratoren ein schlimmer Fehler, der die unersetzliche Substanz schneller aus den Mappen rieseln ließ.
Noch schädlicher für die fragilen Reliquien war nur der Publikumsverkehr. »Der größte Feind der Autografen«, seufzt Werkstattleiter Böhrenz, »ist der Benutzer. Er beugt sich darüber, atmet oder niest sogar.« Gelangt Feuchtigkeit auf das alte Tintensediment, ist der rasende Zerfall nicht mehr aufzuhalten. Deswegen hat seit Jahren kaum jemand mehr Bachs Originale zu Gesicht bekommen.
»Das ist nicht Sinn der Sache«, meint Antonius Jammers, seit 1995 Generaldirektor der Berliner Staatsbibliothek. »Welchen Wert haben Autografe, die kein Mensch anschauen darf?«
Im Kampf gegen den Tintenfraß hat Jammers deshalb jetzt eine Entscheidung getroffen: »Bach wird gespalten.« Gemeint ist damit eine brachial anmutende Technik, mit der sich Restauratoren über die fragilen Papiere hermachen sollen. Der Verein der Freunde der Staatsbibliothek trommelt derzeit Sponsoren zusammen, um an die für die Bach-Rettung erforderlichen zwei Millionen Mark zu kommen.
Die Papierspaltung hat schon andere kostbare Schriftstücke vor dem Säuretod bewahrt. Zwar fordern Bach-Banausen regelmäßig, das ganze geheiligte Altpapier doch einfach still verrotten zu lassen. Wäre es nicht damit getan, so fragen sie, die löchrigen Blätter vor ihrem Verfall noch einmal auf den Farbkopierer zu legen?
Doch das sehen Musikwissenschaftler völlig anders. Abgesehen vom »Reliquiencharakter« (Jammers) ginge mit den Autografen unersetzliches Forschungsmaterial verloren.
Nur an den Originalen sind die Wasserzeichen der Papiermühlen erkennbar, die Aufschluss über die Entstehungszeit einzelner Werke geben; und selbst das beste Faksimile kann die feinen Korrekturschichten nicht reproduzieren.
Mit jeder neuen Tintenmischung kreierte Bach auch eine ganz bestimmte Tintenfarbe, wobei die Unterschiede mit bloßem Auge kaum zu erkennen sind. Erst unter Infrarotlicht vermögen intime Bach-Kenner wie Hans-Joachim Schulze, der Direktor des Leipziger Bach-Archivs, aus der Reflexion der Tintenmoleküle Details des Kompositionsprozesses herauszulesen. »Jede Handschrift«, sagt Schulze, »erzählt ihre Geschichte, wenn man sie nur lange genug anschaut.«
Als Bach zum Beispiel die Kantate für den 19. Sonntag nach Trinitatis des Jahres 1724 komponierte, hatte er es vermutlich ziemlich eilig. Gut ein Jahr zuvor war er 38-jährig auf die renommierte Stelle als Thomaskantor in Leipzig berufen worden. Seither verfasste er Kantaten im Wochentakt. Beinahe nebenbei waren zwischen Singstunden für die Knaben, Orgelprüfungen und Leichenbegängnissen das »Magnificat« und die »Johannespassion« entstanden. Verglichen damit war »Wo soll ich fliehen hin« (BWV 5) reine Routine.
Während Bach die Partitur mit den Chor- und Instrumentalstimmen zu Papier brachte, zogen seine Kopisten, darunter seine Frau Anna Magdalena, mit einer fünfzinkigen Feder, dem »Rastral«, Notenlinien über das dicke, teure Papier und schrieben die Orchesterstimmen heraus.
Den Oboenpart krakelte Christian Gottlob Meißner, in der Musikwissenschaft als »Bachs nervöser Hauptschreiber« bekannt, mit tiefschwarzer Tinte aufs Blatt. Dabei aaste er mit dem Platz - ganz anders als der sparsame Kantor selbst, der seine Notenköpfe stets eng nebeneinander setzte und damit störendes Blättern vermied. Bach muss Meißners Gekritzel überflogen und redigiert haben. In einem geringfügig lichteren Farbton heben sich seine Bindebögen und Staccatopunkte ab.
Auch Fremdeintragungen lassen sich anhand der Tinte auf dem Autograf eindeutig identifizieren. In den Handschriften des Meisters herumzumalen war keineswegs unüblich. Carl Friedrich Zelter etwa, Leiter der Berliner Singakademie, hielt den Leipziger Kantor zwar für eine »Erscheinung Gottes«. Dessen Werk kam Zelter gleichwohl verbesserungswürdig vor. Die teils raue Chromatik in Bachs Alterswerk schmirgelte der Lehrer Mendelssohns kurzerhand glatt.
An Zelters Einschätzung hegt die heutige Forschung jedoch begründete Zweifel. »Durch die umstürzenden Erkenntnisse, die man für die neue Bach-Ausgabe aus den Autografen gewonnen hat«, erläutert Helmut Hell, Leiter der Musiksammlung der Berliner Staatsbibliothek, »haben wir begriffen, welches Glück es ist, dass wir die Originale noch zur Verfügung haben.«
Auch deshalb soll die Rettungsaktion Bach nun zügig beginnen. Jahrelang hatten Experten auf Tintenfraß-Konferenzen einen Glaubenskrieg über die richtige Methode zur Erhaltung der Autografen ausgefochten; mit seiner Entscheidung für die Papierspaltung hat Staatsbibliotheks-Generaldirektor Jammers dem Streit ein Ende gesetzt. Im Juni sollen die ersten restaurierten Stücke präsentiert werden.
Die Methode ist seit etwa 1870 bekannt. Für Nichteingeweihte grenzt es noch immer an ein Wunder, dass die zerbrechlichen Schriftstücke die Attacke überleben (siehe Grafik). »Am Ende bewegt sich im Papier nichts mehr«, verspricht Wolfgang Wächter, technischer Leiter des Leipziger Zentrums für Bucherhaltung und designierter Bach-Spalter. »Das können Sie problemlos wieder anfassen und blättern.«
Seit Mitte der sechziger Jahre tüftelte Wächter gemeinsam mit seinem Jenaer Kollegen Günter Müller an der Perfektionierung des Verfahrens, das bis heute die Restauratorenzunft spaltet. Nach der Wende blieb der Streit um die DDR-Methode fester Bestandteil des Ost-West-Gerangels um Bachs Rettung.
Auf den gespaltenen Originalen, geben Skeptiker wie der Kölner Professor Robert Fuchs zu bedenken, könnten Kleber und Gelatine unschöne Rückstände hinterlassen. Tatsächlich schimmert auf einzelnen, in den siebziger Jahren probeweise gespaltenen Blättern des Bachschen »Magnificat« ein weißlicher Belag.
»Damals saßen wir mit Packpapier, Pinsel und Leimtopf da«, rechtfertigt sich Wächter. Heute ist das Bucherhaltungszentrum, das Wächter mit einem schwäbischen Ingenieur aufgebaut hat, ein hoch spezialisierter Hightech-Betrieb.
Viel zu spät, rügt der Papierexperte, habe sich die Restauratorenzunft der modernen Technik bedient: »Wer heute noch glaubt, er könne mit den beseelten Händen einer Madonna die Bestandserhaltung sichern, lebt in einer Traumwelt.«
In allen Bibliotheken der Welt zerbröselt säurehaltiges Papier mittlerweile schneller, als die Restauratoren mit der Arbeit nachkommen. »Unser Gedächtnis zerfällt«, beklagt Bibliotheksdirektor Jammers den Schwund im Regal. »Bach ist nur die Spitze des Eisbergs.« Um alle alten Handschriften zu retten, brauchte Jammers etwa 200 Millionen Mark. Mengenmäßig ist dem Verfall, beschleunigt von gierig nagenden Mikroben und Silberfischchen, nur noch mit fabrikmäßigen Mitteln beizukommen.
Nur wenige fast völlig zerstörte Schriften werden im Leipziger Bucherhaltungszentrum deshalb noch per Hand gespalten. Alles andere erledigt mittlerweile eine weltweit bislang einzigartige Maschine - präziser als von Hand und in großem Stil.
Bis zu 400 000 Blatt pro Jahr, säuberlich gespalten und entsäuert, kommen vom Gummi-Laufband der 22 Meter langen Walzenstraße. Vor allem ausländische Kunden zeigen sich begeistert: Das Bucherhaltungszentrum, von der Stadt Leipzig als Expo-Projekt nominiert, bearbeitet längst Bücher aus aller Welt. In Kürze wird die Bibliothèque Nationale in Paris das Verfahren übernehmen.
Der weltweite Erfolg der Leipziger Pioniere hat letztlich auch die Berliner Staatsbibliothek von der Papierspaltung überzeugt. Bei allem Getrommel für Bach sprang schon eine eigene Werkstatt heraus. Zu Übungszwecken spalten die Mitarbeiterinnen dort von Hand noch Exemplare der »Berliner Zeitung«. Doch unter Wächters Anleitung sollen sie schon bald erste Autografe aus der Bach-Zeit auseinander nehmen.
Verglichen mit wurmstichigen Koranabschriften aus Timbuktu sind Bachs Noten ohnehin eher unproblematische Fälle. »Ihr Zustand würde auch die Maschinenspaltung erlauben«, glaubt Wächter. Nur sei das aus »psychologischen Gründen« vorerst undenkbar. »Bach in der Maschine«, spöttelt der Pragmatiker, »das wäre Blasphemie.« BEATE LAKOTTA