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COMPUTER »Unsere Blume blüht«

Das frühere Wissenschaftsstädtchen Akademgorodok im fernen Sibirien ist zur Hochburg für Softwarefirmen geworden. Trotz verlockender Angebote aus dem Westen wollen die russischen Computerfreaks lieber in der Einöde bleiben und dort an Programmen für Weltfirmen schreiben.
• aus DER SPIEGEL 3/2000
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Manchmal ist Oleg Schatochin, 33, sogar dankbar für die Krisen, die Russland heimsuchen: »Das hat uns gezwungen, selbst zu denken.«

Schatochin ist Physiker, Mitbesitzer der Softwarefirma »Avalon's Tree« und zugleich »Generaldirektor der russischen Niederlassung«. Die Geschäfte laufen gut. Kürzlich hat ein deutsches Unternehmen ein Zusatzprogramm für Mikrochips in Auftrag gegeben, die das Bremsverhalten bei Fahrzeugen steuern. Und für eine Online-Bank tüfteln die Russen gerade an einer bequemeren Benutzeroberfläche.

Schatochin residiert in einem Landstrich, den sich die meisten Menschen im Westen als Wildnis vorstellen, mit klirrend kalten Wintern und mehr Wölfen als Menschen: Der breitschultrige Manager arbeitet im Rechenzentrum von Akademgorodok.

Mehr als 40 Jahre war dieser Ort im fernen Sibirien für viele sowjetische Wissenschaftler ein Paradies. Hier bekamen sie, wovon die meisten Russen sonst nur träumen konnten: hohe Gehälter, große Wohnungen und Läden, die so gut gefüllt waren, dass sie selbst Käufer aus der 40 Kilometer entfernten Hauptstadt Sibiriens, Nowosibirsk, anlockten.

Die Forschungsgelder flossen fast unbegrenzt, denn in der 1957 gegründeten Reißbrett-Siedlung sollte eine Elite von Chemikern, Physikern und Mathematikern herangezüchtet werden - für die sozialistische Wissenschaft genauso wie für die Rüstungsindustrie.

Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Die bunten Häuserfassaden des 50 000-Seelen-Städtchens halten nur noch mit Mühe dem Wetter stand. Schrottreife Busse keuchen die Hauptstraße entlang. 35 zerfallene Institutsgebäude reihen sich wie vergilbte Perlen auf einer Schnur.

Nach dem Niedergang der Sowjetunion haben sich viele Wissenschaftler aus Akademgorodok auf der Suche nach Wohlstand dem ehemaligen Klassenfeind zugewandt, allen voran die Atomexperten, aber auch Mediziner und Computerspezialisten.

»Es war jedes Mal eine Tragödie«, sagt Schatochin, »für die, die gegangen sind, und für die, die geblieben sind.« Zwölf Leute, die halbe Anfangsbelegschaft seiner Firma, hat er in den letzten fünf Jahren davonziehen sehen: »Vor allem Microsoft hat uns die besten Programmierer weggefressen.«

Doch nun scheint es in Akademgorodok wieder aufwärts zu gehen. Gut 1500 Leute arbeiten in dem Wissenschaftsstädtchen als Programmierer, Web-Designer, aber auch als Buchhalter oder Sekretäre. Knapp 50 neue Computerfirmen sind in den letzten zehn Jahren entstanden.

Die meisten der sibirischen Softwareexperten kennen sich seit ihren gemeinsamen Studientagen, als sie noch richtige Computerfreaks waren, mit langer Mähne und nichts als Bauplänen und Algorithmen im Kopf. An eigene PC allerdings war 1983, zu einer Zeit, als selbst Schokoladenbonbons in sowjetischen Läden als Mangelware galten, nicht zu denken. Also verbrachten Schatochin und seine Freunde ganze Nächte bastelnd und lötend im Rechenzentrum von Akademgorodok, bis sie ihren Eigenbau namens »Kronos« einschalteten und sahen, »dass wir ein furchtbares Monster geschaffen hatten - umständlich und überhaupt nicht lebensfähig«.

Aber die Studenten ließen sich nicht entmutigen. Längst hatte sie der Ehrgeiz gepackt, einen eigenen, vollkommenen Computer zu entwickeln, der, wie sie überzeugt waren, nur in der Atmosphäre von Akademgorodok entstehen konnte.

»Wir waren keine Dissidenten«, erzählt Wladimir Maluch, einer der Kronos-Entwickler, »gerade weil hier die Parteifunktionäre und auch sonst keiner kontrolliert hat, was wir dachten oder lasen.« Man studierte von Kollegen eingeschmuggelte westliche Fachzeitschriften, hörte amerikanischen Rock und stieß mit verdünntem Spiritus an, der zur Reinigung von technischen Geräten gedacht war.

Im April 1985 präsentierten die Studenten ihren nächsten Entwurf: Kronos-2. Der funktionierte endlich zur Zufriedenheit seiner Erfinder und avancierte zum einzigen sowjetischen PC, der ein paar Jahre lang serienmäßig hergestellt wurde. Selbst das Militär meldete Interesse an. »Die fassten unsere Entwicklung als Teil des Bordcomputers für ferngesteuerte Raketen ins Auge. Damit wurde alles Weitere ganz geheim«, erinnert sich Wladimir Filippow. Der heute 37-Jährige war für die Hardware des Studenten-Computers zuständig. Mit heiligem Eifer im Herzen habe er das »Dingelchen« nächtelang im Wohnheim zusammengebastelt.

Als die Sowjetunion 1991 unterging, geriet Kronos-2 in Vergessenheit - und für seine Erfinder interessierte sich auch keiner mehr. Mit einem Monatsgehalt, das »für zwei Hühner auf dem Markt« reichte, mussten Spezialisten wie die Filippows zurechtkommen. »Wir haben mit unserem Auto Leute durch die Gegend kutschiert und so das erste Mal im Leben echte Dollars verdient«, erzählt Marina, Filippows Ehefrau, eine schmale Person mit Mireille-Mathieu-Frisur. Die 38-Jährige ist ausgebildete Mathematikerin, Spezialgebiet Wahrscheinlichkeitsrechnung. Zufällig stieß sie zur Kronos-Gruppe und schrieb dort eine Reihe von Benutzerhandbüchern.

Heute stehen zwei der sibirischen PC im Londoner National Museum of Science and Industry, und die Filippows verdienen ihr Geld inzwischen mit ihrer 1992 gegründeten Softwarefirma »xTech«.

Für die Stadtverwaltung von Nowosibirsk hat »xTech« unlängst ein Statistikprogramm erstellt, das nicht nur sämtlichen privaten Grundbesitz der Stadt verwaltet, sondern auch Geburtsdatum und Arbeitsplatz der Besitzer erfasst. Die Hafenbehörde der russischen Stadt Nachodka gab ein Datenerfassungs-Programm in Auftrag, mit dem sie Herkunft, Weg und Ziel von Schmuggelwaren, wie etwa japanischen Gebrauchtwagen, verfolgen kann.

Neuerdings bieten die Filippows und ihre 15 Angestellten ihre Dienste auch international per Internet an. Und über ihre Monatsgehälter klagen sie auch nicht mehr. Nur genaue Zahlen nennen sie nicht so gern: »Wir sind hier in Russland, da soll man nicht zu konkret werden«, murmelt Wladimir Filippow, aber es reiche, um sich eine Eigentumswohnung zu gönnen.

Immer wieder versuchen Freunde, das Ehepaar nach Kalifornien zu locken. Gut die Hälfte der ehemaligen Kronos-Gruppe hat dort einen neuen Job gefunden und schwärmt per E-Mail vom sonnigen Klima, von den guten Straßen und vom unkomplizierten Leben. Doch die Filippows wollen lieber in Sibirien bleiben. »Wirtschaftlich gesehen ist das vielleicht dumm«, erklärt Wladimir Filippow Schulter zuckend, »aber wir haben hier alles, was wir brauchen: den Wald, die Altai-Berge gleich in der Nähe und die alten Freunde, unsere Brüder im Geist.«

Einer davon hat seine Firma nur ein paar Meter weiter, ebenfalls auf dem Flur des Rechenzentrums von Akademgorodok. Als Student hatte Wladimir Maluch ein Grafikprogramm für den Kronos-PC geschrieben. Auch er wollte, als die Entwicklungsgruppe 1991 zerfiel, in Akademgorodok bleiben - und trotzdem überleben. Also gründete er zusammen mit drei anderen Kollegen die Firma »ProPro-Group«.

Das Geld für die ersten eigenen Computer verdienten sich die Männer mit Auslandsjobs. Ein Jahr lang arbeitete Maluch als Programmierer bei einer Londoner Consulting-Firma. Seine Erscheinung vermittelt seither britische Seriosität: passend zur Bügelfaltenhose ein blauweiß gestreiftes Hemd, die dunkle Krawatte säuberlich mit einer Nadel fixiert; seinen dunklen Zopf hat der 33-Jährige durch einen gepflegten Stoppelschnitt ersetzt. Gemeinsam mit den 16 Angestellten hat er sein Grafikprogramm weiterentwickelt und immer wieder auf besondere Kundenwünsche zugeschnitten. Inzwischen bedient »ProPro« italienische Möbeldesigner und das Konstruktionsbüro des Kampfflugzeug-Herstellers Suchoi.

Im vergangenen Jahr setzte seine Firma 350 000 Dollar um und stellte acht weitere Programmierer ein, nach Maluchs Ansicht nur der erste Schritt zum wahren Durchbruch: »Erst wenn wir mindestens fünf Prozent des Marktes beherrschen, können wir wirklich von Erfolg sprechen.«

Andere Firmen setzen bereits zum ganz großen Sprung an. »Wir konnten unseren besten Leuten nicht genug bieten, damit sie bleiben«, berichtet »Avalon's Tree«-Manager Schatochin. »Also mussten wir uns von Grund auf ändern.«

Als erstes dachten sich die Manager der bis dahin XDS heißenden Computerfirma einen neuen Namen aus: Avalon, die keltische Insel der Glückseligkeit, erschien den Sibiriern als gutes Symbol - und das bestätigte sich Anfang November beim ersten Auftritt der umbenannten Firma in London: »Kaum hörten die Engländer unseren Namen«, sagt Schatochin, »tauten sie auf, erzählten pausenlos von König Artus und wollten alle Schlösser zeigen, die mit der Sage zusammenhängen.«

Weil die Computerspezialisten bei westlichen Kunden immer wieder auf Misstrauen gegenüber russischen Firmen gestoßen waren - Unzuverlässigkeit, schlechte Qualität, fehlende Kundenbetreuung wurden regelmäßig bemängelt - verlegten sie ihre Firmenzentrale nach Kanada.

Zehn Leute arbeiten seither in Ottawa, die meisten von ihnen emigrierte Russen, sogar ein paar Mitarbeiter seien wieder dabei, die vor ein paar Jahren zu West-Firmen gegangen waren. »Deshalb können wir unseren Klienten die Wahl lassen«, sagt Schatochin: »Sie können den Auftrag zu marktüblichen Preisen im Westen erledigen lassen oder viel billiger in Russland - die Qualität bleibt dabei gleich.«

Dazu haben sich die Chefs des Unternehmens zu einer für Russland unüblichen Haltung gegenüber ihren Arbeitnehmern entschlossen: »Der Programmierer ist ein Künstler«, heißt die neue Firmenphilosophie, »deshalb müssen wir alles tun, damit unsere Blume blüht.«

Unter anderem leistet sich »Avalon's Tree« nun den Luxus von fest angestellten Psychologen, die sich um das Wohl der Mitarbeiter kümmern. Eine wichtige Aufgabe der Seelenklempner besteht darin, Ehekrisen zu lösen. IRINA SCHEDROWA

Irina Schedrowa
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