TEILCHENPHYSIK Urknall im Labor verpufft
Unfassbar klang, was Physiker am Teilchenforschungszentrum Cern bei Genf letzte Woche bekannt gaben. Mit einem ihrer Teilchenbeschleuniger sei es ihnen gelungen, einen Materiezustand zu erzeugen, in dem sich das Universum kurz nach seiner Entstehung befand. »Wir haben den Film über die Geschichte des Weltalls fast bis zum Urknall zurückgespult«, verkündete Cern-Physiker Reinhard Stock. Eine Weltsensation? Kaum. Was der Forscher verschwieg: Die Rekonstruktion des Urknalls im Labor ist gar nichts Besonderes. Jedes Mal, wenn Physiker einen ihrer Teilchenbeschleuniger anwerfen, werden hohe Energiedichten produziert, wie sie nur in den ersten Sekunden des Universums existierten. Mit ihren unterirdischen Zeitmaschinen konnten die Forscher in den letzten Jahren schon ähnlich frühe Zustände des Weltalls simulieren. Bei der Erzeugung des Top-Quarks 1994 beispielsweise war die Energiedichte noch 600-mal höher als jetzt bei dem Experiment am Cern. In Wahrheit ging es den Cern-Forschern auch nicht in erster Linie darum, Neues über den Urknall zu erfahren; sie wollten lediglich einen esoterisch anmutenden Materiezustand nachweisen: das so genannte Quark-Gluon-Plasma. »Allerdings hat auch keiner bezweifelt, dass man ein Quark-Gluon-Plasma erzeugen kann«, sagt ein Teilchenphysik-Professor, der nicht genannt werden will. »Das Urknall-Gerede dient dazu, ein langweiliges Experiment als Sensation zu verkaufen.«