Verblassendes Wunder - DER SPIEGEL
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MEDIZIN Verblassendes Wunder

Nicht alle Hoffnungen, die in Interferon gesetzt wurden, erfüllten sich: Die Erfahrungen bei der Krebsbehandlung sind »ernüchternd«, bei schweren Viruserkrankungen gibt es »gute Erfolge«.
• aus DER SPIEGEL 14/1983
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Stellen Sie sich einen Würfel Zucker vor«, so beginnt ein Bericht der Amerikanischen Krebsgesellschaft vom Januar dieses Jahres: Kleiner als ein solches Zuckerstück sei die gesamte Menge Interferon, die seit der Entdeckung dieses Wirkstoffs vor 25 Jahren an Patienten verabreicht wurden - um die 2000 sind es bisher in aller Welt.

Der einprägsame Vergleich eröffnet eine Zwischenbilanz der Forschungsergebnisse, die mittlerweile über den medizinischen Nutzen von Interferon vorliegen - die American Cancer Society hat viele Millionen Dollar eingesammelt und ausgegeben, um die Wirkung des Medikaments zu testen.

Nun sind die Interferonforscher, so das Fazit aus Amerika, »ernüchtert« - der sagenumwobene Stoff sei jedenfalls »kein Allheilmittel gegen Krebs«.

»Ist die Wunderwaffe abgestumpft?« fragten auch zwei namhafte westdeutsche Interferonforscher, Peter Hans Hofschneider vom Max-Planck-Institut für Biochemie und Hans-Joachim Obert von der Langheimer Firma Bioferon, die Interferon herstellt. »Die Erwartungen in der Krebsbehandlung konnten bislang nicht erfüllt werden«, resümierten die beiden Wissenschaftler letzten Monat in einem Bericht für das Fachblatt »Ärztliche Praxis«. Wohl aber hätten sich bei Einsatz von Interferon gegen bestimmte Viruserkrankungen »gute Erfolge« eingestellt.

Weltweit laufen derzeit drei große kontrollierte klinische Untersuchungen über die Wirkung von Interferon auf Krebs, zwei davon in der Bundesrepublik. Insgesamt wurden in Deutschland bisher rund 300 Patienten mit dem Medikament behandelt.

Skepsis wurde Anfang letzten Monats auch in dem britischen Wissenschaftsmagazin »New Scientist« geäußert. Einer »Seifenoper«, hieß es dort in einem Kommentar, sei das Hochjubeln der angeblichen »Wunderdroge« in den Medien zu vergleichen: Als vor drei Jahren erste Berichte über die Wirkung von Interferon auf Krebs eingingen, wurde das Mittel »fast schon in den Rang eines neuen Penicillin erhoben« ("New Scientist").

Zum Glamour des Wirkstoffs trug viel bei, daß er so rar und kostbar war. Ende der siebziger Jahre kostete ein Gramm von dem Stoff rund 100 Millionen Mark. Die Behandlung von Interferon verschlang für jeden Patienten etwa 75 000 Mark.

Mittlerweile konnte der Preis drastisch gesenkt werden. Die Behandlung kostet pro Patient nur mehr, wie die American S.214 Cancer Society mitteilte, rund 500 Mark. Überdies kann der Wirkstoff in höherem Reinheitsgrad hergestellt werden. Die Wissenschaftler unterscheiden zwischen drei verschiedenen Interferon-Klassen, Alpha-, Beta- und Gamma-Interferon, mit zum Teil sehr unterschiedlichen Wirkungen.

Bis vor wenigen Jahren konnte Interferon, ein körpereigener Eiweißstoff, ausschließlich aus menschlichem Spenderblut gewonnen werden, in zahlreichen, komplizierten Reinigungsschritten. Dann aber gelang es, eine gleichsam industrielle Produktion von Interferon in Gang zu setzen - auf zwei Wegen:

* Die Gen-Ingenieure brachten durch gezielte Eingriffe ins Erbgut Bakterien dazu, sozusagen als chemische Fabriken menschliches Interferon herzustellen.

* Zellkulturen aus menschlichem Gewebe konnten in Labors dazu gebracht werden, Interferon in größeren Mengen zu produzieren. Dieses Verfahren wird beispielsweise im bayrischen Laupheim angewendet.

Ob und in welchem Ausmaß Interferon beim Menschen das krankhafte Zellwachstum in Krebsgeschwulsten hemmt, diese Frage läßt sich auch heute allenfalls vorläufig und noch nicht für alle Krebsarten beantworten.

So wird von der American Cancer Society mitgeteilt, Interferon habe »gegen unterschiedliche Tumoren mancher Patienten« eine »gewisse Aktivität« gezeigt. In Einzelfällen kam es zur vollständigen Rückbildung der Geschwulst. Insgesamt reicht die Wirkung von »merklich« über »sehr gering« bis Null.

Relativ positive Ergebnisse zeigten sich bei Nierenkrebs, wo immerhin die Hälfte der mit Interferon behandelten Patienten gebessert wurden. Bei anderen Krebsarten, etwa beim Kaposi-Sarkom (SPIEGEL 22/1982) und bei Leukämie, zeigten sich mitunter günstige Wirkungen in Kombination mit anderen krebshemmenden Mitteln. Ernüchternde Ergebnisse hingegen brachte eine größere Interferon-Studie, die unter der Leitung des Krebsforschers Stephen A. Sherwin beim National Cancer Institute in Frederick (US-Staat Maryland) unternommen wurde.

Dabei wurden Patienten, bei denen Krebsgeschwulste sich bereits im Körper ausgebreitet hatten und die auf herkömmliche Therapie nicht ansprachen, mit einem hochgradig gereinigten Interferon in besonders hoher Dosis behandelt.

Die Ergebnisse der Studie, so berichtete das Ärztemagazin »Selecta«, »kristallisierten sich schon nach etwa zwei Wochen heraus": In 15 Fällen kam es zu vorübergehender Verkleinerung der Geschwulst - die aber höchstens zwei Monate bestehenblieb. In 45 Fällen blieb der Zustand der Patienten unverändert, bei 16 Kranken wurde die Geschwulst trotz Interferon größer.

Ein Drittel der Turmorkranken mußte schließlich nach vier Wochen, weil das Tumorleiden fortschritt und »die Nebenwirkungen nicht mehr in Kauf genommen werden konnten« ("Selecta"), aus dem Behandlungsprogramm herausgenommen werden.

Insgesamt, so erklärten die deutschen Interferonforscher Hofschneider und Obert, könne die Verträglichkeit von Beta-Interferon »im allgemeinen als gut eingeschätzt werden«. Bei Patienten, die mit Interferon behandelt wurden, traten als unerwünschte Nebenwirkungen Fieber und Schüttelfrost auf, ferner Abgeschlagenheit und Müdigkeit, Kältegefühl, Kopfschmerz und Muskelschmerzen. Wurde Interferon über einen längeren Zeitraum in hoher Dosis verabreicht, kam es zu Schädigungen des Knochenmarks und zu Beeinträchtigungen der Leberfunktion.

Die milderen Nebenwirkungen ähneln den Symptomen einer schweren Viruserkrankung, etwa einer Grippe. Die Wissenschaftler ziehen daraus den Schluß, daß das zugeführte Interferon »den Zustand einer Viruserkrankung simuliert« (Hofschneider) - bei Grippe produziert der Körper ohnehin selber in erhöhtem Maße Interferon.

Die Rolle des Wirkstoffs als körpereigene Abwehr gegen Virusinfektionen war von den Forschern schon Ende der fünfziger Jahre am englischen Schnupfenzentrum in Salisbury entdeckt worden, lange vor der möglichen Wirkung von Interferon auf Krebs.

Offenbar erweist sich dieser Zweig der Interferon-Forschung nun als der tragfähigere. Von »überraschend guten Erfolgen« berichten die beiden deutschen Autoren bei der Behandlung von schweren Viruserkrankungen, etwa bei Gürtelrose (Herpes zoster), Masern und bestimmten Infekten des Innenohres.

Nach Ansicht der deutschen Forscher lassen die bisherigen vorläufigen Erfahrungen den Schluß zu, daß Interferon gegen schwere Viruserkrankungen »in absehbarer Zeit zur Routine-Therapie werden« könnte - zum Beispiel auch gegen die gefürchtete Virus-Enzephalitis (Gehirnentzündung).

Bei schweren Fällen von Gürtelrose dürfen neuerdings nicht nur Forschungs-, sondern alle westdeutschen Kliniken und Krankenhäuser den Wirkstoff verabreichen: Ende letzten Monats hat das Bundesgesundheitsamt in Berlin das von der Laupheimer Arzneimittelfirma Rentschler hergestellte Fiblaferon für diese Indikation als Medikament zugelassen.

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