Verblödete Brut - DER SPIEGEL
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Fischzucht Verblödete Brut

In norwegischen Lachsfarmen quellen die Zuchtgehege über. Wird der Edelfisch zum »Hähnchen der neunziger Jahre«?
• aus DER SPIEGEL 9/1990
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Den Fischern der Fjordküste galt Thor Mowinkel anfangs als schrulliger Phantast. Während sie salzzerfurchten Gesichts in schwankenden Booten dem wildlebenden Lachs nachstellten, versuchte sich der Geschäftsmann aus Bergen als Aqua-Bauer. Erst setzte er daumenlange Junglachse vor der Insel Sotra in Meereskäfigen aus, dann päppelte er die kleinen Smolts fett, um anschließend mit dem Kescher abzusahnen. Das war 1968.

Enorme Gewinne des Lachszüchters animierten bald viele norwegische Küstenbewohner zur Nachahmung. Heute säumen rund 750 Stahlkäfig-Farmen die Gestade zwischen Stavanger und Hammerfest. Über Buchenholz geräuchert, mariniert oder als Sushi serviert, so das Norwegische Lachs-Promotion-Center, sorge der Raubfisch für »Feststimmung«, zugleich stoppe sein cholesterinarmes Fleisch Arterienverengung und Fettleibigkeit.

Der Appetit der Bundesbürger ist gewaltig. Rund 15 000 Tonnen grätenarmes, zartrosa schimmerndes Lachsfleisch verspeisten sie 1989 - mehr als dreimal soviel wie vor zehn Jahren. Was dem DDR-Gaumen die Banane, das ist westdeutschen Gourmets der Salmo salar, der atlantische Lachs.

Angespornt durch die steigende Nachfrage, trieben die Norweger (Weltmarktanteil: über 60 Prozent) ihre Lachsproduktion in die Höhe. Wurden 1980 erst 4100 Tonnen Zuchtfische aus den Mastbatterien gehievt, so waren es im letzten Jahr schon 110 000 Tonnen, fast die 30fache Menge. Iren, Schotten und Isländer melden ähnlich hohe Zuwachsraten.

Doch jetzt haben die Fischfarmer den Bogen überspannt, schmerzhafte Preisstürze drohen. Voraussichtlich 150 000 Tonnen Zuchtsalm werden 1990 allein in den norwegischen Futterbecken heranwachsen, die Schotten nähern sich der 50 000-Tonnen-Marke. Steinbutt oder Seezunge, die immer knapper werden, stehen inzwischen doppelt so hoch im Kurs. Beim Lachs hingegen stagnieren seit Jahren die Preise. Das Kilo Frischlachs kostet derzeit zwischen 25 und 30 Mark, Tendenz fallend.

Um ein Debakel zu verhindern, hat sich die norwegische Verkaufsgenossenschaft im Januar zu »drastischen Maßnahmen« entschlossen. 40 000 Tonnen der erwarteten Überschußproduktion sollen vom Markt genommen und in Kühlhäusern zwischengelagert werden.

Dieses Lachs-Manöver ist aus der Not geboren. Iren und Schotten haben bei der EG-Kommission in Brüssel Anfang des Monats eine Dumping-Klage gegen den skandinavischen Exportweltmeister erhoben. »Um etwa 18 Prozent«, lautet der Vorwurf, hätten die Norweger die Preise gesenkt, um ihre ständig steigende Salmproduktion überhaupt noch losschlagen zu können. Bis zum 2. März haben die Norweger Frist, sich zu dem Vorwurf zu äußern.

Schuld an der Fischflut ist die inzwischen perfektionierte Technik, Lachse im Wasserverhau zu mästen. An Fjorden oder Flußmündungen werden große Metallgehäuse versenkt und mit Fingerlingen besetzt. Computergesteuerte Futtermaschinen pusten im Minutentakt Trockennahrung in die Netzkäfige, versetzt mit Vitaminen und Mineralstoffen. Schon nach gut zwei Jahren bringen die Fische drei und mehr Kilo auf die Waage.

Anders als sein wildlebender Bruder ist der Zuchtlachs dabei weitgehend verblödet. Fluchtreflexe und Revierinstinkte sind ihm weggemendelt worden. Abgestumpft bummeln die Mastsalme in schuppig glitzernden Schwärmen durch die Käfige und zeigen Menschen gegenüber kaum noch natürliche Streßreaktionen. Trygve Gjedrem vom norwegischen Zuchtzentrum in As bei Oslo: »Wir haben jetzt einen völlig anderen Fisch als beim Start des Brutprogramms.«

Wie schlechttrainierte Boxer kreisen die Brutsalme träge in ihren Freßboxen und setzen kaum Muskelfleisch an. Häufig mehr als 25 Kilo Fisch pro Kubikmeter Wasser ernten die Farmer in ihren Gehegen. »Den Kunstlachs erkennen Sie am Hängebauch«, erklärt Karl-Ernst Krüger vom Staatlichen Veterinäruntersuchungsamt für Fische und Fischwaren in Cuxhaven.

In immer kürzerer Zeit, nach dem Vorbild des Pietrain-Schweins, fressen sich die Fische drall. Brutchef Gjedrem verweist stolz auf seine neueste Kreation - Turbolachse, die ihr Schlachtgewicht im Rekordtempo erreichen: »Es ist phantastisch. Wenn sich das Wachstum weiterhin so beschleunigt, haben wir es innerhalb von nur 18 Jahren Zuchtzeit verdoppelt.«

Der echte Wildlachs ist derweil zur kaum bezahlbaren Rarität geworden. Weltweit sank die Fangquote unter 10 000 Tonnen. Die verschmutzten Flüsse Mitteleuropas meidet der Wanderfisch, der zum Laichen flußaufwärts zieht, seit langem. Der letzte Rhein-Salm wurde 1953 gesichtet.

Unter dem Namen »Wildlachs« wird inzwischen allerdings auch Lachs vermarktet, der - als sogenanntes Sea-ranching-Produkt - nur mehr halb wild aufwächst: Kleinfische werden massenhaft in Flüssen ausgesetzt und fressen sich dann in freier Wildbahn ihr Gewicht an. Nach der Rückkehr in die Flüsse werden sie abgefischt.

In den vielerorts schwefeldioxidgeschwängerten Gewässern droht dem Wildlachs neuerdings zusätzliche Gefahr von seinen gezähmten Verwandten. Aus Farmen entwischte Zuchtfische schleppen Krankheiten in die Laichgebiete und bringen, genetisch verarmt, Unordnung in die Erbanlagen der Wildlachse. Zugleich warnen Umweltschützer vor dem enormen Fäkalienausstoß der norwegischen Farmfische: »Die scheißen uns die Fjorde zu.«

Immer wieder werden die zusammengepferchten Tiere von Parasiten und Würmern befallen und müssen mit Chemo-Duschen desinfiziert werden. Schottische Farmer säubern ihre Käfige mit Pestiziden und dem Nervengift Nuvan, um die Quälgeister, vor allem die Seelaus Lepeophtheirus salmonis, abzutöten. Die Norweger (Werbemotto: »Kristallklares Wasser und geschützte Fjorde") pulverten 1989 gut 24 Tonnen Antibiotika auf ihre Salmzöglinge.

Das Januar-Heft des Bundesgesundheitsblatts moniert die »oft illegale Anwendung von Arzneimitteln und Chemikalien« bei der Lachszucht. Die Norweger dagegen rühmen ihr scharfes Kontrollsystem (1988 wurden 14 000 Salme auf chemische Rückstände untersucht). Doch mit dem Nimbus der »Exklusivität«, den die norwegische Lachswerbung retten möchte, läßt sich die Medizin-Mast kaum vereinbaren.

Besonders erfinderisch bei der Produktion von Zuchtfischen erwiesen sich die Dänen. Weil ihre Gewässer sich nicht zur Lachszucht eignen, haben sie mit Hilfe von genetischen Ausleseverfahren einen kleinen Verwandten des Salmo salar zum Quasi-Lachs umgetrimmt: die Regenbogenforelle.

Vor der Insel Bornholm wurden in den letzten Jahren große Meeresfarmen angelegt, in denen die Regenbogenforellen unter dem Bombardement von Kraftfutterpillen auf Gewichte von drei bis vier Kilo gebracht werden. Mit Karotinoiden gefärbt, sehen sie dem Salmo salar täuschend ähnlich. Verkauft wird der Ersatzfisch unter dem Namen »Lachsforelle«. Fischprüfer Krüger aus Cuxhaven hält das für Etikettenschwindel: »Eine Forelle bleibt eine Forelle.«

Zudem werden in diesen Fischen häufig hohe Dosen von Malachitgrün gefunden. Diese pilzhemmende Substanz ist zwar als Fischarzneimittel verboten und wird als krebsverdächtig eingestuft. Als Reinigungsmittel für die Käfige darf sie jedoch angewendet werden. »Immer wieder kommt es zu positiven Befunden«, erklärt Krüger.

Stefan Stippl vom Lachs-Promotion-Center in Frankfurt klagt bereits, der einst als Delikateßfisch geschätzte Lachs sei im Begriff, zum »Hähnchen der neunziger Jahre« zu werden.

Die Frostaktion der Norweger wird daran nichts ändern. Schon nach einem halben Jahr wird tiefgefrorener Lachs tranig und sülzig. Im kommenden Herbst, schätzt ein Experte, müssen die Kühlhäuser geräumt werden. »Dann wird der aufgetaute Matschfisch zum halben Preis verkauft.« f

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