Verbotene Bilder - DER SPIEGEL
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Computer Verbotene Bilder

Über Datennetze und PC vertreiben Kinderporno-Händler weltweit ihre Ware.
• aus DER SPIEGEL 43/1993
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Colonel James Maxwell, 48, war ein Offizier und Gentleman. Auf seinem Luftwaffenstützpunkt, der Goodfellow Air Force Base in San Angelo (US-Staat Texas), führte der Kommandeur ein strenges Regiment.

Abends nach Dienstschluß, am heimischen PC, ließ der stramme Maxwell dann so richtig die Sau raus. Vom soldatischen Tagwerk entspannte er sich vor dem Computerbildschirm beim Betrachten härtester Kinderpornos.

Wenn sich der computerbegeisterte Colonel an den abgespeicherten Farbbildern sexuell mißbrauchter Mädchen und Jungen sattgesehen hatte, brauchte er nur das »Modem« einzuschalten, das seinen PC über das Telefonnetz mit der Außenwelt verband.

»Online«, global vernetzt mit ebenfalls computerisierten »Kinderfreunden«, bot der Karrieresoldat dann seine digitalen Schmuddelbilder zum elektronischen Tausch an. Im Gegenzug kamen als Datenpakete codierte Kinderfotos durch die Telefonleitung direkt in Maxwells PC gepfiffen.

Zum Verhängnis wurde »Reddel«, wie sich der texanische PC-Pornograph im Datennetz nannte, die Strafanzeige eines EDV-Ingenieurs aus Fremont im kalifornischen Silicon Valley, der seinen Sohn am Heimrechner über die Schulter geschaut und danach, geschockt von den Porno-Angeboten einiger elektronischer Mailboxen, die Polizei alarmiert hatte. Der Anruf setzte die bislang größte Aktion der US-Ermittlungsbehörden gegen Kinderpornographie in Gang.

Bei der »Operation Langer Arm«, ausgeführt von rund 300 Ermittlern in 15 US-Staaten, entdeckten die Fahnder, wie Staatsanwalt Robert Flores von der Abteilung für Kindesmißbrauch beim Justizministerium in Washington formulierte, »eine neue Form der Heimarbeit«.

Durchsucht wurden, zuletzt im August, die Wohnungen von Kinderporno-Sammlern, die ihren Personalcomputer als Spezialdatenbank für »Gleichgesinnte« ans Telefonnetz gehängt hatten, als »Kiddie Pornography Computer Bulletin Board« beispielsweise in Abilene (US-Staat Texas); Stammkunden zahlten für den Schmuddel-Service regelmäßige Mitgliedsbeiträge.

Der Einsatz moderner PC-Technologie, stellt Flores fest, bedeute einen Rückschlag im Kampf gegen den Vertrieb von Kinderpornographie: »Wir sind wieder genau da«, klagt der Fachmann vom US-Justizministerium, »wo wir einmal angefangen haben.«

Tausende PC-Benutzer in Europa, so ergab die Operation »Langer Arm«, sind ebenfalls an das ausgedehnte Pädophilen-Netzwerk angeschlossen. Von halbwüchsigen Raubkopierern in Dänemark und Deutschland bevorzugte Mailboxen dienten Colonel Maxwell und seiner transnationalen Schmuddeltruppe als wichtigste Nachschubbasis.

Die pornographischen Warenlager in Europa sind nach wie vor für Computerkids zugänglich: »Alles, was verboten ist«, beschreibt Mailbox-Besucher Tim Schneider*, 21, den abrufbaren Bildbestand der Datenbank »Danger Zone« in Berlin: »Sado-Maso, Sex mit Kindern, Sex mit Pferd und Schäferhund.«

Betrieben wird die Mailbox von der Raubkopierergruppe »Tarkus Team« im gutbürgerlichen Berliner Vorort Hermsdorf. Zugriff erhalten nur solche Anrufer, die sich mit einem speziellen Hochgeschwindigkeitsmodem vom heimischen PC aus »einloggen«.

Anschließend dürfen sie sich beispielsweise die Bilddatei »12YEARS. HAM« (Inhaltsangabe auf dem Monitor: »12-year-old pussy") auf ihren Rechner herunterladen. Das abgespeicherte Farbbild »CITY6.HAM« wiederum wird beschrieben als »Blondes Ficktier, Beine breit«. Sonderangebot für besonders sadistisch veranlagte Pädophile: _(* Name von der Redaktion geändert. ) »A Girl With a Shotgun Up Her Pussy«.

Auf ähnliche Bilder hat sich die Mailbox »Airbrush BBS« spezialisiert, die sich hinter einer Telefonnummer im Berliner Stadtteil Neukölln verbirgt. Betrieben wird das elektronische Postlager in einer Altbauwohnung von einem erwerbslosen ehemaligen Fernsehtechniker, der nach eigenen Angaben einen »festen Kundenstamm von 130 Usern« mit einschlägiger Software beliefert. So enthält etwa das Datenpaket »KID4. IFF« das Nacktbild eines verstörten Vierjährigen, handschriftliche Randnotiz: »Am 15.6.93 erstmals genommen.«

Daß Telefonleitung und Datennetze für den Vertrieb von Kinderpornographie genutzt werden, kommt für Kenner des weltumspannenden Mailbox-Geflechts kaum überraschend. Seit Jahren wird das Bildschirmtextsystem (BTX) der Telekom als Kontaktbörse für Kinderpornohändler und ihre Kunden mißbraucht. Hinter BTX-Bildschirmanzeigen wie »Suchen Sie etwas Junges, Ausgefallenes?« verbergen sich die Versender entsprechender Videokassetten.

Die jetzt aufgedeckten Pornonetze bedeuten, verglichen mit BTX, einen technischen Qualitätssprung. Das Bildschirmtextsystem ist wegen seiner niedrigen Übertragungsgeschwindigkeit nicht dazu geeignet, die verbotene Ware selbst - in Millionen Daten-Bits zerlegte Farbbilder - elektronisch zu versenden und zu empfangen.

Bei den privaten Mailboxen hingegen bedienen sich sowohl die Betreiber als auch die Anrufer inzwischen superschneller Datenmodems, deren Steuersoftware es erlaubt, sogar bei schlechter Leitungsqualität ganze Videosequenzen von PC zu PC zu übertragen.

Auf diese Weise lassen sich kinderpornographische Aufnahmen, deren Besitz seit September in Deutschland unter Strafe steht, als flüchtige, beliebig weiterkopierbare Software verteilen; die verbotene Bildersammlung kann - mit einem speziellen Code verschlüsselt - auf dem PC-Festplattenspeicher versteckt werden.

Auf sperrigen Videokassetten und in Form von verräterischen Papierabzügen wird das eigentliche Bildmaterial nur noch an der »Quelle« benötigt, bei den Herstellern derartiger Porno- und Gewalt-Software. Dort werden die Vorlagen mit Hilfe speziell dafür ausgestatteter Personalcomputer direkt vom Videorecorder oder mit einem Blattleser ("Scanner") digitalisiert und in den Rechner eingelesen.

»Wie Testpiloten« seien sich die Fahnder im Computernetz zuweilen vorgekommen, so Al Olsen, 40, Polizeichef von Warwick Township im US-Staat Pennsylvania. Olsen war einer der ersten, die den Kinderpornographen auf die Schliche kamen.

Ein Pädophiler, berichtet Olsen, habe eigens eine Mailbox für Fans der TV-Serie »Star Trek« ("Raumschiff Enterprise") eingerichtet, »um auf diese Weise Kontakt mit Kindern zu bekommen«.

Am weitesten fortgeschritten ist die computergestützte Kinderporno-Herstellung in Dänemark. Auch die deutschen Online-Lieferanten beziehen dort den größten Teil ihrer Ware. Bei Hausdurchsuchungen beispielsweise in Alborg förderten dänische Ermittler, von der US-Zollbehörde um Amtshilfe gebeten, von beschlagnahmten PC-Festplatten internationale Kundenlisten zutage, die insgesamt mehr als 6000 Namen enthielten.

Im Verlauf der Fahndungsaktion wurden drei Kinderporno-Mailboxen, »Bamse«, »Screwdriver« und »Vestbjerg«, geschlossen. Für 80 Dollar Jahresgebühr, fanden die Zollfahnder heraus, hatten die Betreiber der computerisierten Bildbibliotheken jedem Kunden ein spezielles Paßwort zugewiesen, das ihm den Zugriff auf die abgespeicherten Kinderpornos erlaubte.

Was die Fahnder in monatelanger Kleinarbeit herausfanden, wußten Kenner des Computeruntergrunds in Deutschland schon vorher. So wurden bei einer großen Raubkopierer-Party zum Jahreswechsel 1992/93 im dänischen Aars bei Alborg, zu der hauptsächlich »Cracker« (Programmierer, die sich auf das Knacken von kopiergeschützter Software spezialisiert haben) und »Trader« (Raubkopienhändler, zumeist mit eigener Mailbox) aus Deutschland angereist waren, die jugendlichen Gäste per Lautsprecheransage aufgefordert, sich am blühenden Geschäft mit dem Vertrieb von Hardcore-Pornos übers Datennetz zu beteiligen.

Auf einer Projektionswand konnte die angepriesene Ware gleich vor Ort in Augenschein genommen werden, anschließend landete sie auch in Berliner Mailboxen. »Kleine Schwester mit großem Bruder, Vater mit Tochter«, berichtet Party-Teilnehmer Tim Schneider, »ziemlich lustig, voll aus Dänemark.«

Weitgehend ahnungslos blieben unterdessen die Ermittler in Deutschland. Von ihren amerikanischen Kollegen waren sie über die Operation »Langer Arm« im dunkeln gelassen worden. Erste Versuche der deutschen Beamten, in den kriminellen Randbereich des Computeruntergrunds einzudringen (wo auch die Daten gestohlener Kredit- und Telefonkarten verschoben werden), scheiterten bislang zumeist an der überlegenen technischen Ausrüstung der Online-Dealer.

Die Mailboxen der professionellen Raubkopierer sind standardmäßig mit hochleistungsfähigen Telefonmodems ausgestattet, mit deren Hilfe bis zu 19 200 Daten-Einheiten pro Sekunde durch die Leitung gepustet werden können. Das funktioniert jedoch nur, wenn der Anrufer am anderen Ende über ein ebenso schnelles Modem verfügt; andernfalls lehnt der Mailboxcomputer es von vornherein ab, eine Verbindung aufzubauen.

So sind Berliner Ermittler, klagte Staatsanwalt Thomas Linke, mit »postzugelassenen Modems mehrfach wegen zu langsamer Übertragungsgeschwindigkeit aus den Mailboxen rausgeflogen«.

Gleichzeitig, kritisiert Werner Paul, Computerpionier beim bayerischen Landeskriminalamt in München, würden derartige Ermittlungen bereits behördenintern durch grundsätzliche Verständigungsprobleme erschwert.

»Viele Beamte wissen doch gar nicht«, resümiert der Leiter des Sachgebiets Computerkriminalität, »was eine Mailbox ist.« Y

Kundenlisten und Bilder werden auf dem Plattenspeicher versteckt

Die deutschen Ermittler sind den Pornohändlern technisch unterlegen

* Name von der Redaktion geändert.

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