Verdammtes Ding - DER SPIEGEL
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RAUMFAHRT Verdammtes Ding

Die Shuttle-Astronauten versuchten, einen gestrandeten Satelliten wieder flottzumachen - aber es klappte nicht. *
• aus DER SPIEGEL 17/1985
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sieben amerikanische Erdenbürger umkreisten letzte Woche wieder einmal den blauen Planeten - die Welt nahm es gelangweilt zur Kenntnis.

Erst am Dienstag, am vierten Tag der 16. Raumfähren-Mission, sahen die TV-Zuschauer genauer hin: Vor dem nachtschwarzen Hintergrund des Firmaments schwebten, in einer Art kosmischen Balletts, zwei schneeweiße Männchen um den Robotarm der Raumfähre »Discovery«; an der fernlenkbaren Extremität befestigten sie einen seltsamen Gegenstand, der aussah wie die Treibhilfe eines Sauhirten - »Schweine im Weltall«?

Was anmutete wie eine Persiflage auf die gleichnamige Sequenz aus der »Muppets Show«, war in Wirklichkeit der improvisierte Versuch, den für die US-Marine bestimmten Satelliten Leasat 3 (Typ: »Syncom IV-3") doch noch zum Funktionieren zu bringen: Weder hatte der (am Samstag vorletzter Woche) in 400 Kilometer Höhe von der »Discovery«-Besatzung ausgesetzte Satellit seine Antennen entfaltet, noch hatte er seinen Raketentreibsatz gezündet, der ihn auf die vorgesehene geostationäre Bahn in 36 000 Kilometer Höhe hätte katapultieren sollen.

Mit ihrer eilends im All zusammengebastelten Vorrichtung wollten die Astronauten einen an der Außenhaut des künstlichen Himmelskörpers angebrachten Schalter umlegen und so die Elektronik des Satelliten zum Leben erwecken - doch das »kühne Vorhaben« ("New York Times"), dessentwegen die »Discovery«-Mission um zwei Tage verlängert wurde, mißlang: Als der weiß schimmernde Deltaflügler am Freitag letzter Woche auf der Landebahn des Kennedy Space Center aufsetzte, kreiste der Nachrichtensatellit nach wie vor leblos um die Erde - nutzlos wie eine stehengebliebene Uhr.

Das technische Malheur nährte die Zweifel darüber, ob die Space Shuttle tatsächlich das (von der Nasa so gepriesene) kostengünstige »Arbeitspferd der Weltraumfahrt« ist oder ein milliardenteures Beispiel für technischen Overkill. »Es stellt sich die Frage, ob die Fähre die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen vermag«, so die »New York Times«.

Als gelte es zu beweisen, daß Murphys Gesetz ("Wenn etwas schiefgehen kann, dann geht es auch schief") auch im Weltraum seine Gültigkeit hat, reihte sich in den vier Jahren seit dem Jungfernflug der Shuttle eine Panne an die andere.

Anfangs lösten sich die Hitzekacheln, die den Shuttle-Rumpf beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre schützen; mehrmals spielten Bordcomputer und Lagesteuerungssystem verrückt; mal traten Mängel an den Triebwerken auf, dann wieder brannte kurz nach dem Start die Isolierschicht einer Antriebsdüse weg; Gefahr drohte, als vor anderthalb Jahren bei der Landung Treibstoff aus winzigen Lecks floß und sich entzündete. _(Beim Anbringen der Fangvorrichtung. )

Wegen der technischen Mißhelligkeiten mußten zahlreiche Starts (häufig sogar mehrmals) verschoben werden oder ganz ausfallen.

Ins Gerede brachten die Shuttle auch Blindgänger wie jetzt der Leasat 3: Schon zum vierten Mal geriet damit ein von der Raumfähre ins All gehievter Satellit auf eine verquere Umlaufbahn; bei der zehnten Fähren-Reise im Februar letzten Jahres erwiesen sich gleich zwei Satelliten, »Westar VI« und »Palapa-B 2«, als manövrierunfähig.

Zwar trifft weder die Nasa noch die Shuttle-Besatzungen, sondern einzig die Hersteller Schuld am Versagen der Kunstmonde.

Dennoch offenbaren die Havarien im Kosmos eine Schwäche des Shuttle-Prinzips: Mit der Shuttle transportierte Satelliten, die geostationär über dem Äquator geparkt werden sollen, erreichen ihren Bestimmungsort in zwei Etappen - die Shuttle setzt die künstlichen Himmelskörper in einer Höhe zwischen 200 und 400 Kilometern aus, in die geostationäre Umlaufbahn düst der Satellit dann mit Hilfe eines eigenen Raketentreibsatzes. Doch gerade diese Antriebsstufen versagten bei den auf der Strecke gebliebenen Satelliten.

Zuverlässiger scheint, jedenfalls bislang noch, der Satelliten-Transport mit herkömmlichen Mehrstufen-Raketen, die ihre Nutzlast direkt in die geostationäre Umlaufbahn bringen. Beim Transport mit der Europa-Rakete »Ariane« beispielsweise ging bislang erst ein Satellit verloren.

Andererseits bietet die Raumfähre, verglichen mit Wegwerf-Raketen, auch Vorteile: Gleichsam als gelbe Engel im Raum können die Gleiter-Besatzungen defekte Satelliten an Ort und Stelle im Weltall reparieren oder zur Wiederinstandsetzung zur Erde zurückbringen. Schon dreimal gelang es Shuttle-Crews, sich an funktionsunfähige Satelliten heranzupirschen.

Die beiden in die Irre gegangenen Nachrichtensatelliten Westar VI und Palapa-B 2 wurden eingefangen und zur Erde zurückgebracht. Und erfolgreich verlief 1984 auch die erste und bislang einzige Reparatur eines Satelliten im Weltraum: Frei schwebend im All, fing ein Astronaut den Forschungssatelliten »Solar Max« ein und bugsierte ihn an die Raumfähre heran. Mit Hilfe des ferngelenkten Robotarms verstauten die Astronauten das reparaturbedürftige Objekt in der Ladebucht der Shuttle und tauschten die defekten Teile gegen neue aus.

Auch Anfang letzter Woche hatten die Nasa-Experten überlegt, ob sie den defekten Leasat 3 von einem Astronauten inspizieren und gegebenenfalls reparieren lassen sollten - doch dieses Vorhaben schien ihnen zu gefährlich: »Da wir die genaue Ursache des Versagens nicht kennen«, erklärte Nasa-Flugdirektor John Cox, »dürfen wir kein Risiko eingehen.« Die Fachleute befürchteten, das blockierte Antriebssystem könnte gerade in dem Moment zünden, in dem sich ein Astronaut an dem Satelliten zu schaffen machte.

Da verfiel die »Discovery«-Crew auf die Idee, den verflixten Schalter mit Hilfe einer aus dem Plastik-Einband eines Notizbuches, einigen Meter Klebeband und einer Aluminiumstange gefertigten Fangvorrichtung umzulegen. »Zeitweise glich die ''Discovery'' einer Bastelstube«, scherzte Cox.

Bis auf zehn Meter pilotierten, am letzten Mittwoch, die Astronauten ihre Raumfähre an den Havaristen heran, dann fuhren sie den Robotarm aus.

Einmal gelang es ihnen, den Fangstock mit dem Schalterhebel zu verhaken - doch das »verdammte Ding« bewegte sich keinen Millimeter. »Vielleicht«, witzelte Cox, »ist es festgerostet.«

Beim Anbringen der Fangvorrichtung.

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