SICHERHEIT Verräterischer Biolack
Der australische Weinhersteller BRL Hardy hat ein Problem: Er produziert hervorragenden Wein. Das lockt nicht nur Kunden an, sondern auch kriminelle Panscher, die den Markt mit billigen Imitaten des mindestens 45 Euro teuren Edeltropfens »Eileen Hardy Shiraz« zu überschwemmen drohen. »Wein ist in den letzten Jahren zu einem beliebten Investitionsgut geworden«, sagt Stephen Pannell von BRL Hardy, »und das hat leider zur Zunahme beim Weinbetrug geführt.«
Um den Schwarzmarkt auszutrocknen, schützt sich das Weingut neuerdings mit Erbgut-Markierungen: Aus einem ihrer feinsten, hundert Jahre alten Weinstöcke ließen die Edelwinzer etwas Reben-DNS entfernen. Im Labor wurden Erbgut-Schnipsel daraus vervielfältigt und der Druckfarbe des Sicherheitsetiketts beigemischt. Der 1998er Jahrgang des Eileen Hardy Shiraz gilt seither als der erste genetisch zertifizierte Wein der Welt.
Sollte nun bei einer Flasche der Verdacht aufkommen, der edle Tropfen wäre gefälscht, so kann überprüft werden, ob sich tatsächlich Spuren des Weinstock-Erbguts in der Tinte des Etiketts finden - ähnlich wie bei einem Vaterschaftstest. Fehlt die Reben-DNS, ist etwas faul.
Die Biobranche erobert den wachsenden Markt für Echtheitszertifikate: Genetische Markierungen werden zunehmend eingesetzt, um Eintrittskarten und Zigaretten, Medikamente und Software vor Fälschern zu schützen.
Die Vorteile der neuen Technik liegen auf der Hand: »Ein chemisches Etikett sollte klein und billig sein, biologisch unbedenklich und zuverlässig«, erläutert Alan Costain von der britischen Firma Cypher Science. »Es gibt nicht viele Moleküle, die diese Anforderungen erfüllen.«
Die Doppelspirale des Erbgut-Moleküls DNS scheint ideal: Die eingesetzten biologischen Informationspakete - entweder synthetisch hergestellt oder von lebenden Organismen entnommen - sind kleiner als ein tausendstel Millimeter, vielseitiger als ein Fingerabdruck und bei hohen Stückzahlen teilweise billiger als ein Cent.
Außerdem muss die DNS nicht außen auf Verpackungen kleben, sondern kann unauffällig Flüssigkeiten beigemengt werden. So wird der Ladung vieler Öltanker routinemäßig ein spezieller Erbgut-Cocktail beigemischt, um Schmuggler zu stellen. »Etwa ein Becher Markierungsflüssigkeit pro Tanker« genüge, sagt Costain, der früher selbst Tankerkapitän war.
Auch belgische Geldautomaten werden neuerdings mit einem Biocode geschützt: Wird eine Maschine gewaltsam aufgebrochen, werden die Geldscheine mit verräterischem Erbgut-Lack besprüht, um sie später zurückverfolgen zu können.
Besonders sinnvoll scheinen Echtheitszertifikate dort, wo es um Dinge mit rein ideellem Wert geht, etwa Gemälde oder andere Sammlerstücke. Der amerikanische Fan-Artikel-Gutachter PSA zum Beispiel versieht signierte Bälle und Trikots berühmter Sportler mit einem Erbgut-Etikett. Doch wie sicher die molekularen Markierungen wirklich sind, lässt sich schwer abschätzen. Eine Hand voll Anbieter konkurriert bislang ohne einheitliche Mindeststandards, Detailfragen werden meist abgeblockt mit Hinweis auf die Sicherheit - ein Prinzip, das Fachleute als »Security by Obscurity« verspotten: Sicherheit durch Geheimniskrämerei.
Einige Schwächen der Erbgut-Etiketten sind bekannt: Die empfindliche Substanz zersetze sich leicht durch Hitze oder UV-Licht, gibt Ian Lancaster zu bedenken, Herausgeber des Branchendienstes »Authentication News«.
Vor allem aber können Erbgut-Schnipsel, die sich an einem Zertifikat nachweisen lassen, mit ähnlichen Methoden oft auch vervielfältigt werden. Alles, was Fälscher bräuchten, um etwa das Erbgut im Etikett des australischen Edel-Weins nachzubasteln, sind ein echtes Etikett und der Zugang zu ein paar weit verbreiteten Laborgeräten.
Derlei Tricks kennen auch die Sicherheitsfirmen und verfeinern daher ständig ihre Technik. Die neueste Generation der Erbgut-Labels setzt auf die Kombination von Biologie und Computerwissenschaft. »Unser DNS-Code ist deshalb so sicher«, behauptet Hilmar Rauhe, Gründer der Kölner Firma Informium, »weil wir unser Zertifikat in riesigen Mengen bedeutungsloser Erbmoleküle verstecken« - der Entschlüsselungs- und Fälschungsaufwand soll dadurch so groß werden, dass er sich nicht mehr lohnt.
Doch es gibt nicht nur Sicherheitsprobleme: Bislang ist es noch recht aufwendig, die Erbgut-Markierung von einem Labor überprüfen zu lassen.
Der November AG aus Erlangen ist es nun gelungen, die Erbgut-Überprüfung sekundenschnell vor Ort zu bewerkstelligen. Der Tester streicht dazu einfach mit einem Spezialstift über das Etikett. Dabei vermischt sich das gelöste Erbgut aus der Stiftspitze mit dem Erbgut im Etikett.
Die DNS-Moleküle ergänzen sich perfekt und rasten ineinander wie ein Schlüssel ins Schloss. Dadurch wiederum wird ein Leuchtstoff aktiviert: Gibt ein spezieller, batteriebetriebener Erbgut-Scanner vor Ort grünes Licht, sind Banknote oder Wein tatsächlich echt. HILMAR SCHMUNDT