Virtueller Schock - DER SPIEGEL
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Automobile Virtueller Schock

Diese Woche wird in Köln das weltweit erste simulatorgestützte Trainingszentrum für Berufskraftfahrer eröffnet.
• aus DER SPIEGEL 43/1995
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gut ausgeschlafen und zuversichtlich setzte sich der junge Berufskraftfahrer hinters Steuer des mit 12 000 Liter bleifreiem Superbenzin halb voll beladenen Tanklastzuges. Dann nahm das Unheil seinen Lauf.

Zuerst geriet der forsche Brummifahrer nach zügiger Kurvenfahrt auf einer Bundesstraße im Bergischen Land durch kräftige Schwallbewegungen der flüssigen Ladung mit seinem Vorderreifen auf den begrünten Seitenstreifen. Er verriß das Lenkrad und schob auf der Gegenspur ein Dutzend Berufspendler von der Piste.

Auf der Flucht vor möglichen Konsequenzen floh er auf die A 4, schoß mit unangepaßter Geschwindigkeit durch eine dicke Nebelwand und raste schließlich ungebremst ins Stauende am überfüllten Autobahnkreuz Köln-Ost.

In der abschließenden vergleichenden Gesamtbewertung lag er damit bei der potentiellen Versicherungssumme deutlich vor seinen zwei Kollegen, deren Schwächen sich überwiegend beim Rechtsabbiegen im Stadtverkehr gezeigt hatten. Für jedes Überfahren eines Radlers wurden sie vom Moderator mit einem Minuspunkt bestraft.

Für die Teilnehmer war glücklicherweise alles nur ein virtueller Schock. Von kommender Woche an sollen derlei lehrreiche Horrorerfahrungen allen Interessierten offenstehen: Dann wird im Kölner Gewerbegebiet Gremberghoven das weltweit erste simulatorgestützte Trainingszentrum für Berufskraftfahrer (AFS) eröffnet. Ohne wirklichen Schaden für Menschen und Karossen können die Probanden sich im Meistern und Vermeiden brenzliger Verkehrssituationen üben - die ihnen moderne Computertechnik nur vorgaukelt.

Kernstück des Schulungszentrums sind drei Kabinen, die auf rechnergesteuerten sechsbeinigen Bewegungselementen stehen und im Innern wie handelsübliche Lkw originalgetreu mit allen Bedienungselementen ausgestattet sind.

Der Fahrer blickt auf eine sphärische Projektionswand, auf der sich eine digitalisierte Kunstwelt vor ihm eröffnet - ihre Elemente wurden vorher auf tatsächlichen Fahrstrecken und in realen Topographien der Region per Kamera aufgezeichnet.

Das Zusammenspiel von projizierten Bildern, Reaktionen des Fahrers und dem Rütteln und Schütteln der sechs Beine wird gesteuert von einem Systemrechner des Typs Onyx Reality Engine2 der Firma Silicon Graphics, die auch schon den Dinosauriern in Steven Spielbergs »Jurassic Park« zu ihren naturgetreuen Tollereien verholfen hat.

Mit dem Simulator - wie er ähnlich bei der Ausbildung von Flugpiloten und Astronauten verwendet wird - können die Programmierer dem Lkw-Fahrer ein Fahrzeug nach Wunsch zusammenstellen: Über einen LCD-Bildschirm im Rückspiegel wird dem Mann am Lenkrad ein Sattel- oder Solofahrzeug eingespielt. Das Fahrverhalten und den Verbrauch von Dieselkraftstoff simuliert der Computer anhand des vorher berechneten Gesamtgewichts, die fiktive Ladungsverteilung ist eine weitere Vorgabe für das Handling des Trucks.

Jedes Hochschalten wird akustisch nachempfunden, der simulierte Straßenbelag läßt bei Kopfsteinpflaster die Kabine erzittern. Kommt es zum - fiktiven - Reifenplatzer, fährt auch das dem Fahrer dank einer Erschütterung per Elektromotor als pädagogisch erwünschter Schreck in die Glieder.

Bisher hatten solche Simulatoren in der Fahrzeugbranche allenfalls der Erforschung von neuen Automobilsystemen gedient, nicht aber dem Training von Kraftfahrern. Das neue Kölner Angebot richtet sich besonders an die zahlreichen Unternehmen und Fahrer im Bereich der Gefahrguttransporte. 1500 Mark veranschlagt die ASF pro Person für ein eintägiges Seminar, bei dem maximal zwölf Leute in vier Gruppen ihre Fahrtüchtigkeit entwickeln und im Nebeneffekt auch noch wirtschaftliches Fahren erlernen können.

Im Simulator lernt der Lkw-Fahrer das blitzschnelle Erkennen und Analysieren gefährlicher Situationen. Jeweils in der zweiten oder dritten Runde stellen auch solche Probanden, die anfangs noch Trümmer und Verletzte produzieren, ihr Fahrverhalten um.

Normalerweise, sagt ASF-Geschäftsführer Helmut Möller, braucht das Großhirn bis zur Entscheidung, das Lenkrad herumzureißen, zwischen 1,4 und 1,8 Sekunden. Nach dem Training in Köln reagiere der Brummi-Lenker in einer vergleichbaren Situation um einige Sekundenbruchteile schneller. Möller: »Der Fahrer bremst direkt aus dem Kleinhirn.«

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