SEUCHEN Waffe gegen den Flächenbrand
Una Ryan, Geschäftsführerin der US-Pharmafirma Avant Immunotherapeutics, gerät ins Schwärmen, wenn sie von dem Super-Impfstoff erzählt: »Er muss nicht gespritzt, sondern kann einfach geschluckt werden, er ist billig und muss nicht einmal im Kühlschrank aufbewahrt werden.« Ryan will ein lebendiges, aber unschädlich gemachtes Cholerabakterium als Trojanisches Pferd nutzen, um darin die genetische Information des Sars-Virus in den menschlichen Körper zu schleusen. In etwa fünf Jahren, schätzt die Managerin, könne ihr Hightech-Impfstoff auf den Markt kommen.
Für Klaus Stöhr, Leiter einer von drei Sars-Arbeitsgruppen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Direktor des WHO-Influenza-Programms, wäre das viel zu spät. »Die Forscher«, sagt er, »wollen natürlich immer den Rolls-Royce bauen. Aber zunächst muss es darum gehen, möglichst schnell überhaupt einen Impfstoff in die Hand zu kriegen.«
Stöhr favorisiert im Kampf gegen die Lungenseuche deshalb zunächst den klassischen Weg der Impfstoffherstellung: den Sars-Erreger im Labor erst züchten, dann abtöten und schließlich testen, ob die abgetöteten Viren das Immunsystem zu einer ausreichend starken Reaktion anregen - ohne dabei zu viele Nebenwirkungen zu verursachen. Ein einfacher Impfstoff aus abgetöteten Coronaviren, schätzt der WHO-Experte, könnte vielleicht schon in einem Jahr auf dem Markt sein.
Für Stöhr ist ein Vakzin eine wichtige Waffe, um im Ernstfall die ganz große Katastrophe zu verhindern. »Stellen Sie sich einmal vor«, sagt der WHO-Experte, »es käme in Indien oder einem anderen Entwicklungsland tatsächlich zu einem Flächenbrand. Ohne einen Impfstoff könnten wir dann kaum noch etwas ausrichten. Wir können ja schlecht ein halbes Land unter Quarantäne stellen.«
Bei einem massiven Ausbruch könnten stattdessen schon gezielte Ringimpfungen helfen, um die Infektionsherde abzuschirmen - die höchst aufwendige Impfung der gesamten Bevölkerung in Riesenländern wie China oder Indien wäre gar nicht erforderlich.
In den USA haben die Experten bereits über die Entwicklung eines Sars-Impfstoffes beraten. Mitte April riefen die National Institutes of Health und die Centers for Disease Control die Vertreter der führenden Impfstoffhersteller zu einem ersten informellen Treffen mit Regierungsvertretern in Washington zusammen.
Technisch, waren sich die Experten rasch einig, dürfte ein Sars-Impfstoff - anders als etwa beim Aids-Erreger - relativ problemlos herzustellen sein. Immerhin gibt es bereits gut funktionierende Coronaviren-Impfstoffe für Haus- und Nutztiere; auch spezielle Zellkulturen, in denen die Coronaviren zur Impfstoff-Herstellung gut heranwachsen können, sind bereits vorhanden.
Ein weiterer Vorteil: Anders als bei der Grippe müsste die Sars-Impfung wohl auch nicht jedes Jahr neu aufgelegt werden; damit entfiele eine aufwendige Logistik wie beim Anti-Influenza-Programm. Denn in einer in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts »Lancet« veröffentlichten Studie kommen Forscher zu dem Ergebnis, dass das Sars-Virus offenbar doch weniger schnell und weniger stark mutiert als zunächst befürchtet.
Impfriese Aventis Pasteur MSD hat Forschern sogar schon kostenlos Affennierenzellen zum Heranzüchten der Coronaviren zur Verfügung gestellt. Ebenso wie der US-Konzern Chiron hat das Pariser Unternehmen zudem ernsthaftes Interesse an der Entwicklung eines Sars-Impfstoffs bekundet.
Doch andere große Firmen zögern noch. »Wir prüfen derzeit unsere Ressourcen und unser Personal daraufhin, ob wir einen Sars-Impfstoff entwickeln können und wollen«, sagt etwa Doug Petkus, Pressesprecher der US-Firma Wyeth, die bereits eine Coronavirus-Impfung für Hunde im Programm hat. Eine Entscheidung sei noch nicht gefallen.
Die Zurückhaltung der Konzerne ist leicht zu erklären. »Ein großes Problem für alle Firmen besteht darin«, erläutert Stöhr, »dass noch nicht klar ist, wie der Markt für einen Sars-Impfstoff am Ende aussehen wird. Der Markt könnte relativ klein ausfallen und vor allem in den Entwicklungsländern liegen. Dann lohnt es sich für die Unternehmen natürlich nicht, die 600 bis 800 Millionen Dollar zu investieren, die bis zur Zulassung eines Impfstoffs nötig wären.«
Vorerst stehen auch noch keine staatlichen Gelder zur Verfügung, um ein Vakzin zu entwickeln. Nächste Woche treffen sich bei der WHO in Genf erst einmal Industrievertreter und führende Impfstoff-Forscher aus der ganzen Welt. Stöhr: »Da kann dann jeder auf den Tisch legen, was ihm wichtig ist und wo er die Probleme sieht - und dann sehen wir weiter.«
Am fehlenden Geld müsste der Kampf gegen die Lungenseuche nicht scheitern. Dafür genügte schon ein Bruchteil des Forschungsbudgets, das die USA für die Vorbeugung gegen Bioterrorismus-Attacken ausgeben: Mit elf Milliarden Dollar wird unter anderem die Entwicklung von Impfstoffen gegen Milzbrand oder die Pest gefördert. VERONIKA HACKENBROCH