UMWELT Warten auf die Giftwelle
Nicht als einzige richtet die serbische Journalistin Dubravca Savic beim täglichen Presse-Briefing im Brüsseler Hauptquartier unangenehme Fragen an Nato-Sprecher Jamie Shea.
Doch als sie, vom äußersten Rand der Versammlung aus, über die ökologischen Konsequenzen der Luftangriffe in Jugoslawien Auskunft verlangt, sucht der Medienprofi hinter seinem Holzpult Zuflucht in bösem Zynismus. »All der Rauch, der aus den 500 brennenden Dörfern im Kosovo aufsteigt«, blafft er die dunkelhaarige Dame an, »tut der Ozonschicht sicher auch nicht gut.«
Tags zuvor hatten Nato-Bomber den petrochemischen Industriekomplex von Pancevo, 15 Kilometer nordöstlich Belgrads, in ein Inferno verwandelt. Es war der fünfte Angriff binnen weniger Wochen. Gewaltige Rauch- und Gasschwaden stiegen, als der Tag graute, über der Erdölraffinerie, der Düngemittelfabrik und den riesigen zylindrischen Treibstofftanks auf.
Hundert Kilometer donauaufwärts das gleiche Bild: Nahe der Industriestadt Novi Sad war in derselben Nacht auch die zweite Raffinerie des Landes, außerdem ein benachbartes Rohöl- und Butangas-Depot in Flammen aufgegangen.
Zu löschen gab es da nichts mehr. Und zu allem Überfluß wuschen Regenschauer in dieser Nacht einen Großteil des Gas- und Rußcocktails aus der Atmosphäre, noch ehe sich die Wolke hätte weiträumig verteilen können. Die örtlichen Behörden empfahlen den Anwohnern, ihre Häuser nur noch mit Gasmasken zu verlassen.
Nicht immer präzise, aber mit fast buchhalterischer Konsequenz nehmen die Nato-Bomber seit Ende März in täglichen Angriffswellen Treibstoffdepots, Raffinerien, Chemiefabriken, aber auch Kraftwerke und andere große Industrieanlagen in Serbien und dem Kosovo aus der Luft unter Feuer (siehe Karte).
Am Boden versetzen beißende Rauchschwaden die Betroffenen in Angst und Schrecken. Wie Hohn klingt in ihren Ohren die beschwörende Nato-Formel, der Krieg richte sich nur gegen die Machtclique um Slobodan Milosevic, aber keinesfalls gegen das serbische Volk.
Je näher die Nato ihrem strategischen Ziel rückt, die kriegswichtige Infrastruktur Jugoslawiens zu zerstören, um so verheerender entwickeln sich die ökologischen Nebenwirkungen. In weiten Teilen Serbiens und des Kosovo, behauptet Branka Jovanovic, die Vorsitzende der oppositionellen Belgrader Grünen, sei schon jetzt die Umwelt schwer verseucht.
Was im Bombenhagel der Nato passiert, ist vergleichbar mit einem katastrophalen Großunfall in der chemischen oder der Ölindustrie, jedoch nicht in einer Fabrik, sondern an über einem Dutzend über das gesamte Territorium verteilten Standorten - sozusagen eine tägliche Neuauflage der Sandoz-Katastrophe, die 1986 den Rhein heimsuchte.
»Im Erdöl«, warnt Hans-Joachim Uth, Chemiestörfall-Experte am Berliner Umweltbundesamt, »ist alles mögliche an Stoffen drin.« Aus den zerbombten petrochemischen Werken dringt rußbeladener Qualm, der polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe und Schwermetalle über große Entfernungen transportiert, dazu noch ein ganzes Sortiment gesundheitsschädlicher Stoffe, die gleichfalls als krebserregend oder genverändernd eingestuft werden.
Den zerstörten Chemie- und Düngemittelfabriken entweichen Ammoniak und ungezählte andere toxische Verbindungen. Anlagen der Chlorchemie blasen, einmal in Brand geschossen, mit ihren Rauchfahnen Dioxine, Furane und PCB (Polychlorierte Biphenyle), sämtlich krebserregend, in die Atmosphäre - ähnlich wie im italienischen
* In der zerstörten Autofabrik Zastava in Kragujevac.
Seveso, wo 1976 ein überhitzter Produktionskessel explodierte.
Allein die ausgebombten Raffinerien von Pancevo und Novi Sad verfügten über Jahreskapazitäten von 5,5 beziehungsweise 2,5 Millionen Tonnen. Genaue Zahlen sind nicht bekannt, doch müssen es nach Expertenschätzungen Hunderttausende Tonnen Benzin, Öl und Gas gewesen sein, die seit Beginn der Luftangriffe in Flammen aufgingen.
Aus der Atmosphäre wandert die Giftfracht in den Boden, von dort über die Nahrungskette oder über das Grundwasser zurück zum Menschen. Langzeitfolgen sind programmiert.
Die Regierung in Belgrad warnt seit Wochen vor einer Umweltkatastrophe, die auch die Nachbarländer heimsuchen werde. Einen Ölteppich von 20 Kilometer Länge in der Donau meldete der jugoslawische Umweltminister Dragoljub Jerovic, alles Leben in diesem Teil des Stroms sei zerstört.
Die Schadstoffe aus den zerbombten Industrieanlagen treiben bis zur Mündung am Schwarzen Meer. »Wir rechnen in drei Wochen mit der großen Giftwelle«, sagt Andreas Wurzer, Donau-Experte des World Wide Fund for Nature in Wien. Das Problem seien vor allem die »extrem langfristigen Belastungen der Öko-Systeme«.
Slobodan Tresac, Direktor des petrochemischen Komplexes in Pancevo, beschwor die Nato, die Angriffe auf die Fabrikanlagen, deren Wert ausländische Experten vor Kriegsbeginn auf fast eine Milliarde Dollar taxiert hatten, einzustellen. Sonst, so Tresac, drohe ein »Umweltdesaster« mit nicht absehbaren Folgen. Ein paar Tage später waren die Bomber wieder da.
Weil die Rauchfahnen wie Ikonen des Luftkriegs Abend für Abend beweiskräftig über die Bildschirme ziehen, fällt es der Nato nicht leicht, die Einlassungen aus Belgrad als Propaganda abzutun.
Das ökologische Desaster könnte noch eskalieren: Seit den ersten Kriegstagen zielen Nato-Bomber auch auf Chemiewerke, in denen sie Milosevics Kampfstoffproduktion vermuten. Die Produktionsstätten und mögliche C-Waffen-Depots sollen vernichtet werden ohne das Risiko dramatischer Giftgas-Freisetzungen. Vergleichsweise gefahrlos verbrennen die Ultragifte jedoch nur bei großer Hitze.
An vier Produktionsstandorten, von denen mindestens die Anlagen in Baric wenige Kilometer südlich von Belgrad und im Örtchen Lucani bei Cacak schon unter Nato-Feuer lagen, soll in großem Stil Giftgas hergestellt oder noch aus Tito-Zeiten übernommen worden sein.
Das Regime in Belgrad, behaupten westliche Geheimdienste, verfüge über die Nervengase Sarin, Senfgas, Phosgen, VX und Tabun in Mengen, die ausreichen würden, die gesamte Bevölkerung des Kosovo, Mazedoniens und Albaniens umzubringen. Letzte Woche berichtete darüber der britische »Observer« unter Berufung auf kroatische Militärs, die vor dem Zerfall Jugoslawiens am Chemiewaffenprogramm der Serben beteiligt waren.
Serbische Regierungsvertreter warnten die Nato vor zwei Wochen, die Chemiefabrik in Baric erneut anzugreifen. Dort, so hieß es, würden Chemikalien zur Waschmittelherstellung produziert. In Lagertanks befänden sich hochgiftige Vorprodukte. In Wirklichkeit, berichtet der »Observer«, werde dort Sarin produziert und gelagert.
Auch in Lucani, das die Nato-Bomber mindestens fünfmal ins Visier nahmen, werde das Nervengas hergestellt. Die Anlage sei von serbischen Truppen nach Ausbruch des Bosnien-Kriegs nahe der Stadt Mostar ab- und bei Lucani wieder aufgebaut worden.
Präzisionslenkwaffen der Nato, die ihr Ziel mitunter weit verfehlen, rücken ein weiteres Horrorszenario in den Bereich des Möglichen. Was, wenn ein solcher Irrläufer den Forschungsreaktor von Vinca trifft, ebenfalls in der Nähe von Belgrad? Im Lagerbecken des Uralt-Meilers aus den fünfziger Jahren rosten seit Dekaden 30 Atommüllfässer mit rund 5000 verbrauchten Uranbrennelementen vor sich hin.
Gasbildung läßt den Druck im Innern der Aluminiumfässer ständig anschwellen. Schon vor der Bedrohung von außen sei das ein wachsendes Problem gewesen, erklärt ein Sprecher der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien.
Mit jedem Nato-Treffer auf die jugoslawische Infrastruktur wächst mittlerweile auch in den Nachbarländern Ungarn, Bulgarien, Rumänien und Griechenland die Sorge, von der Ökokatastrophe vor der eigenen Haustür in Mitleidenschaft gezogen zu werden.
Mehr noch als in anderen Anrainerländern gaben in Griechenland die Öko-Schützer Alarm und heizten die Anti-Nato-Stimmung im Lande an. Sensoren an der Universität von Thraki im Nordosten Griechenlands registrierten leicht steigende Dioxin- und PCB-Werte in der Luft. Sollte der Anstieg tatsächlich auf die Bombardements in Serbien zurückgehen, ließe dies Rückschlüsse zu auf Belastungen, denen auch die serbische Bevölkerung ausgesetzt sein muß.
Eine fast schon beängstigende Ruhe herrscht dagegen an der deutschen Ökofront. Mit Demonstrationen, Analysen und Gutachten stritten die Umweltaktivisten von Greenpeace vor acht Jahren gegen die Umweltverseuchung im Golfkrieg; der damalige BUND-Vorsitzende Hubert Weinzierl sprach wortgewaltig von einem »Krieg gegen die Schöpfung«. Diesmal sind die Ökopaxe verstummt.
Greenpeace, das sein Golfkrieg-Engagement mit schweren Spendeneinbrüchen in den USA bezahlte, erklärt sich nun in einem gewundenen Statement ("Das ist nicht unsere Aufgabe") für unzuständig und sammelt Spielzeug für die vertriebenen Kinder aus dem Kosovo. Auch der BUND gibt sich kleinlaut. Unter Mitgliedern und Förderern gebe es eben Gegner und Befürworter der Nato-Angriffe.
Allein die »Ärzte gegen Atomkrieg« meldeten sich zu Wort - auf einem Nebenkriegsschauplatz. Die atomkritischen Mediziner geißeln eine zuerst im Krieg gegen Saddam Hussein eingesetzte panzerbrechende Spezialmunition, in deren Gefechtskopf zur Verstärkung der Durchschlagskraft abgereichertes Uran eingebaut ist. Das schwachstrahlende U-238, anderthalb mal so schwer wie Blei, ist ein Abfallprodukt aus der Atomwirtschaft.
Die mit dem Schwermetall verstärkten Waffen, so das Argument der Kritiker, hätten jene Spätschäden verursacht, von denen zivile Opfer des Golfkriegs und an der »Operation Wüstensturm« beteiligte US-Soldaten heimgesucht wurden. Allerdings kursiert zur Erklärung des sogenannten Golfkriegssyndroms noch eine Vielzahl weiterer Theorien - die Uranthese zählt zu den unwahrscheinlicheren.
Strahlenfachleute wie der Marburger Nuklearmediziner Horst Kuni oder Michael Sailer vom Öko-Institut in Darmstadt sehen das Risiko der Panzerknacker-Munition eher woanders. Zwar sei eine krebsauslösende Wirkung nicht auszuschließen, wenn jemand schwachstrahlende Uranpartikel inhaliert. Doch mindestens ebenso brisant wie mögliche Strahlenschäden sei die chemische Toxizität des Schwermetalls. Metallisches Uran, erläutert Sailer, sei in seiner Giftigkeit vergleichbar mit Cadmium, und das bringe schließlich auch niemand mutwillig tonnenweise in die Biosphäre.
Einstweilen erregt der potentielle Einsatz der Uranmunition - die von der Nato nach eigenen Angaben bisher nicht verwendet wurde - die deutschen Gemüter stärker als die realen Giftschwaden über Serbien und dem Kosovo.
Unterdessen denken die Ölmanager weniger an den Krieg als an die Zeit danach. »We don''t comment on the war«, sagt Shell-Sprecher James Herbert in London. Auch der Mineralölwirtschaftsverband in Hamburg verspricht Wohlverhalten: Das jetzt verhängte internationale Embargo werde strikt eingehalten - »aber irgendwann werden da wieder moderne Raffinerien gebraucht. Dann sind wir dabei«.
Als einsamer Rufer begründet der SPD-Linke Hermann Scheer seine Gegnerschaft zu den Nato-Angriffen auch mit Umweltargumenten. Die Bombardierungen hätten eine »ökologische Katastrophe mit weiträumigen und langfristigen Konsequenzen« ausgelöst.
Unterstützung kommt von führenden deutschen Umweltmedizinern. Die warfen der Nato nach einer Tagung in der evangelischen Akademie Loccum vor, mit der systematischen Bombardierung der petrochemischen Industrie in Jugoslawien werde der humanitären Katastrophe eine »Umweltkatastrophe hinzugefügt«.
Knut Krusewitz, Umwelt- und Friedensforscher an der Technischen Universität Berlin, ging noch weiter. Die Nato, die vor 20 Jahren beschlossen habe, zur »Schaffung einer menschenwürdigen Umwelt« einen bedeutsamen Beitrag leisten zu wollen, führe nun auf dem jugoslawischen Territorium einen »stummen Giftgaskrieg«. SEBASTIAN KNAUER, GERD ROSENKRANZ
* In der zerstörten Autofabrik Zastava in Kragujevac.