DER SPIEGEL
meinung •Elementarteilchen Warum leben Optimisten länger?
Liebe Leserin, lieber Leser,
eine Auswertung der Lebensdaten von 160.000 Frauen in den USA hat ergeben: Im Vergleich zu Pessimistinnen werden Optimistinnen häufiger 90 Jahre alt – oder sogar mehr. Einen ähnlichen Effekt gibt es früheren Studien zufolge auch bei Männern. Warum leben Optimisten länger? Können wir lernen, optimistischer zu werden? Und wenn ja, wie?
Das habe ich eine Expertin gefragt, die sich in dem Metier bestens auskennt. Michaela Brohm-Badry ist Professorin für empirische Lehr-Lern-Forschung und Didaktik an der Universität Trier und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Positiv-Psychologische Forschung e. V. Sie sagt: »Wer optimistisch ist, der hat ein hohes Maß an Hoffnung auf einen positiven Ausgang einer Situation. Optimistische Menschen empfinden Situationen, die für andere anstrengend oder ärgerlich sind, nicht als stressend, weil sie glauben, alles werde sich eher zum Guten wenden.«
Diese Gelassenheit wirkt auf den Körper wie ein Zaubermittel. Optimisten haben einen geringeren Spiegel an Stresshormonen – und dadurch sind sie weniger anfällig für Bluthochdruck, Herzinfarkte und andere Leiden. Wenn sie doch einmal krank sind, dann glauben sie daran, dass es schon besser wird. Auf dieser Weise lösen sie einen Placeboeffekt aus – und heilen sich ein Stück weit selbst. Darüber hinaus haben optimistische Menschen einen größeren Ansporn, körperlich aktiv zu sein – und das beugt vielen Krankheiten am besten vor.
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Nun beschäftigt die Pandemie uns seit Jahren, Putin hat die Ukraine überfallen, die Inflation wird zum Problem. »Es ist natürlich zurzeit sehr schwierig, optimistisch zu sein«, sagt Brohm-Badry. »Aber es geht nicht darum, die Welt nur durch eine rosarote Brille zu betrachten. Optimisten spüren noch immer, dass sie die Handlungskontrolle in ihrem Bereich haben, also dass sie noch Einfluss haben; dass sie noch selbstbestimmt aktiv sein können.«
Motivationsforscherin Michaela Brohm-Badry
Foto: LêmrichDer genetische Einfluss, ob man ein optimistisches Naturell hat, liegt nur bei 25 Prozent; es liegt also viel in unserer Hand. Wir könnten uns am Abend aufschreiben: Was war heute gut? »Zwei, drei gute Dinge: Mein Nachbar hat mich freundlich gegrüßt, mit dem Kollegen hatte ich ein gutes Gespräch, und das Essen in der Mensa war prima«, rät Brohm-Badry. »Oder man kann sich fragen: Wofür bin ich gerade dankbar? Das ist eine Übung, die sehr schnell in gute Gefühle führt.«
Auch das persönliche Umfeld spielt eine große Rolle. Denn tendenziell werden wir so, wie die Menschen, mit denen wir unsere Zeit verbringen. »Wer sich mit lebensbejahenden Menschen umgibt, der hat eine viel höhere Wahrscheinlichkeit, selbst lebensbejahend zu werden«, sagt Michaela Brohm-Badry. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein Wochenende im Kreise zuversichtlicher Menschen.
Herzlich
Ihr Jörg Blech
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