Astronomische Ausblicke Bizarre Bugwelle
Im Weltall ist meist dort etwas los, wo sich die Sternenjugend trifft: In den nebligen Geburtsstätten haben Astronomen schon Heißsporne erwischt, die um sich herum gigantische Blasen aufwerfen oder mit ihrer Strahlung seltsame Gebilde aus den umliegenden Gasmassen meißeln. Ähnlich aktiv ist auch eine Jungsonne, die auf einem Foto des Weltraumteleskops Hubble zu erkennen ist: Sie scheint wie ein Schiff durchs Wasser zu pflügen.
Das Bild
Der abgebildete Stern mit dem Namen LL Ori ist in einer der prominentesten Sterngeburtsstätten überhaupt beheimatet: dem Orionnebel, der sich auf der Hubble-Aufnahme durch schmutzig-weiße bis rötliche Gaswolken bemerkbar macht. In der verhangenen Umgebung fiele die junge Sonne kaum auf, wenn sie sich nicht mit einem eindrucksvollen Gasbogen schmücken würde, der an die Bugwelle eines Schiffes erinnert.
Tatsächlich können solche Gebilde auch im Weltraum entstehen, wenn zwei Gasströme miteinander kollidieren. In diesem Fall geraten langsame Schwaden, die vom rechts außerhalb des Bildes gelegenen Zentrum des Orionnebels herantreiben, mit dem heißen Brodem des jungen Sterns aneinander. Der von LL Ori ausgestoßene Schauer geladener Teilchen ähnelt den Sonnenstürmen, die auf der Erde Polarlichter hervorrufen können, nur ist der vom fernen Glutball entfachte Partikelorkan deutlich kräftiger.
Der Hintergrund
An LL Ori können Astronomen die komplexen Gasströmungen in der Nähe junger Sterne untersuchen - im Gegensatz zu der von einem Schiff verursachten Kräuselung der Wasseroberfläche erstreckt sich die stellare Version im dreidimensionalen Raum. Sie weist Merkmale auf, die für solche Schockwellen charakteristisch sind: So ist zum Beispiel die dem Stern abgewandte Seite des Halbmondes scharf begrenzt, während die Innenseite einen eher verwirbelten Eindruck macht.
Der Orionnebel ist nur etwa 1500 Lichtjahre von der Erde entfernt, er eignet sich daher besonders gut zum Studium von neu geborenen Sternen. Der geringen Distanz ist es auch zu verdanken, dass Wissenschaftler in der Nachbarschaft von LL Ori noch zahlreiche andere Jungsonnen aufspüren konnten, die inmitten der Gasschwaden ebenfalls Bugwellen werfen - eine von ihnen lässt sich zum Beispiel auf der oberen rechten Seite der Hubble-Aufnahme erahnen.
Die Kamera
Die nun vom Hubble Heritage Team veröffentlichte Farbansicht von LL Ori beruht auf Daten, die das fliegende Observatorium bereits 1995 mit seinem Hauptinstrument, der Wide Field Planetary Camera 2, sammelte - damals hatte es den Auftrag, ein Bildmosaik des ausgedehnten Orionnebels zu erstellen. Die aus mehreren gefilterten Einzelbildern zusammengesetzte Aufnahme gibt die Strahlung wieder, die von Sauerstoff, Stickstoff und Wasserstoff emittiert wird.
Martin Paetsch