"Columbia"-Absturz: Flügel oder Bordcomputer? - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

"Columbia"-Absturz Flügel oder Bordcomputer?

Bisher gibt es nur Indizien und Vermutungen darüber, was die "Columbia" wirklich zerstörte. Während das Foto, das angeblich einen stark beschädigten Flügel zeigt und weltweit Schlagzeilen machte, wohl falsch interpretiert wurde, verdichten sich die Hinweise auf einen anderen Verdächtigen: den Bordcomputer.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein Bild geht seit Montag um die Welt: Es zeige, berichtete die israelische Tageszeitung "Ma'ariv", "tiefe Risse im linken Flügel" des Shuttles. Kaum ein Fernsehsender, kaum eine Zeitung oder News-Website, die das Bild nicht gebracht hätte - und die Nasa schweigt dazu.

Verständlich ist das nicht, denn dass das Bild wirklich Beschädigungen eines Shuttle-Flügels zeigt, ist eher unwahrscheinlich. Die Flügel, bestätigen mehrere Experten und ehemalige Astronauten, sind vom Inneren des Shuttle kaum zu sehen. Weltraumspaziergänge mit der Videokamera in der Hand leistete sich keiner der Astronauten, zudem ist die Herkunft des Filmes klar: Die Sequenz wurde vom israelischen Astronauten Ilan Ramon aufgenommen - durch ein Fenster des Shuttle.

Das Bild zeigt eine zerfurchte, zerknitterte Struktur und Linien, die man tatsächlich für Risse halten kann - oder für Kabel. Das bietet sich an, denn zumindest eine Perspektive der geöffneten Shuttle-Ladebucht zeigte Strukturen, die denen auf den Videobilderrn stark ähneln: Auf dem angeblichen Flügel ist eine schwarze, Kamin-ähnliche Form zu sehen. Sowas aber gab es im Heck der "Columbia", wie Nasa-Aufnahmen vor dem Start beweisen.

Auch die seltsam faltige Struktur, die "Ma'ariv" für einen zerbeulten Flügel hielt, findet so einen ganz anderen Erklärungszusammenhang: Mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit ist das nichts anderes als eine Falten werfende Schutzhülle, wie sie auf dem Ladebucht-Foto als Abdeckung des Spacehab, wie auch der Laderaum-Hinterwand zu erkennen ist.

Gerüchte können blühen, weil niemand dementieren will

Dass Amerikas Weltraumbehörde zu den Berichten wie den durch sie verursachten Gerüchten trotzdem schweigt, lässt kaum Raum für Interpretationen: Derzeit will sich niemand den Mund verbrennen, nichts wird ausgeschlossen. Eines zumindest ist klar: Die Nasa wusste vorab von Beschädigungen an der mit keramischen Hitzeschildern bewehrten Unterseite des linken Flügels. Aufwändig kalkulierten die Nasa-Experten und kamen zu dem Schluss, dass daraus keine Probleme erwachsen sollten. Möglicherweise irrten sie, möglicherweise sind noch andere Ursachen im Spiel.

Seit einigen Stunden ist bekannt, dass auch die Aufzeichnungen des Datenverkehrs mit der Shuttle-Computer-Anlage einer strengen Prüfung unterzogen werden. Der Verdacht dahinter: Beim Absturz der "Columbia" könnten mehrere, sich gegenseitig fatal verstärkende Faktoren im Spiel gewesen sein. Vielleicht, spekulieren Nasa-Offizielle inzwischen ganz offen, kam es nach der korrekten Messung des durch den Teilausfall des Hitzeschilds bedingten Temperaturanstiegs zu einer Überkompensation durch die Bordcomputer.

Denen kam in der kritischen Phase der Landung bei der noch immer exorbitant hohen Geschwindigkeit von Mach 18 die Aufgabe zu, das Shuttle sicher zu steuern und stabil zu halten: Die menschlichen Piloten sitzen in dieser Phase so gut wie bewegungsunfähig in ihre Sitze gedrückt. Eines jedenfalls gilt als sicher: Das letzte Datenprotokoll weist aus, dass die Bordcomputer zwei von vier Steuerungsdüsen abfeuerten, um die Lage des Shuttles zu verändern - der massivste Eingriff in die Steuerung eines landenden Shuttles, zu dem es je gekommen ist.

Es gab schon früher Computerfehler

Und möglicherweise zu massiv: In der Eintritts- und Bremsphase werden Space Shuttle mit dem "Bauch" in den Wind geneigt. Man benutzt die Friktion der stetig dichter werdenden Atmosphäre, um die Geschwindigkeit des Raumfahrzeugs abzubremsen. Insbesondere die Unterseite des Shuttles ist darum flächendeckend mit keramischen Hitzeschilden bewehrt. Eine Drehung des Shuttles in den rasenden Fahrtwind, der die Außenhülle schon unter optimalen Bedingungen auf gut 1000 Grad Celsius erwärmt, könnte die "Columbia" schlicht zerissen haben. Die Beschädigung einiger weniger Hitzeschild-Platten durch ein fallendes Hartschaum-Stück allein, beharren einige Nasa-Experten, reiche nicht aus als Erklärung für die Katastrophe.

Eine echte Überraschung wäre ein Versagen der Bordcomputer oder Steuerungsanlagen auch bei der durch Budget-Kürzungen gebeutelten Nasa kaum. Wie überall, wo Digitaltechnik im Spiel ist, gibt es auch bei den Shuttles eine gut dokumentierte Geschichte der Ausfälle und Fehler. Einer dieser Fehler, der damals glimpflich verlief, betraf das Steuerungssystem der linken Tragfläche. Während eines Shuttle-Fluges im März 1996 kam es in der Landephase zu einem Teilausfall eines Computersystems, das die Landeklappen des linken Flügels kontrollieren sollte. Der Fehler war nicht gravierend, und das Shuttle schaffte es sicher zum Boden. Sein Name: "Columbia".

Das Space Shuttle wurde durch fünf Bordcomputer gesteuert, die auf zahlreiche redundante Systeme zugreifen konnten, sollte ein wichtiges Teil versagen. Viele der in Shuttle-Anlagen eingesetzten Komponenten sind Hi-Tech vom Feinsten, doch längst nicht alles: Große Teile der Computeranlagen sind Standard-Bauteile.

Und manche sind nach heutigen Maßstäben Low-Tech: Im letzten Jahr erntete die Nasa einigen Spott, als bekannt wurde, dass die Weltraumbehörde bei eBay und anderen Online-Auktionshäusern 8088er Chips aufkaufte: Die Bauteile aus der Computersteinzeit der Früh-Achtziger braucht die Nasa, um Teile der boden-basierten Steuerungssysteme für die Shuttle-Flüge einsatzfähig zu halten. Was sollte man auch anderes erwarten: Die Technologie der Shuttles ist eine Entwicklung der siebziger Jahre.

An Bord geht es mittlerweile natürlich moderner zu, und das muss es wohl auch, denn nötig ist der Einsatz von Rechnern bei der Eintrittsphase nicht nur, weil die manuelle Steuerung einen physischen Kraftakt darstellen würde. Der Pilot müsste auch in der Lage sein, auf Telemetriedaten binnen 10 bis 400 Millisekunden zu reagieren - Reaktionszeiten darüber könnten zu potenziell tödlichen Steuerungsfehlern führen: Wie beim Absturz der "Columbia"?

Mehr lesen über