"Discovery" Shuttle-Pannen gefährden Esa-Projekte
Die Aussetzung aller künftigen Shuttle-Missionen hat beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) für Aufregung gesorgt: Denn von dem Flug-Stopp der Amerikaner sind auch deutsche Projekte betroffen. "Für uns ist die Verschiebung der weiteren Space-Shuttle-Flüge natürlich sehr problematisch", sagte der DLR-Vorstandsvorsitzende Sigmar Wittig. Der Ausbau der ISS, an dem die Europäer maßgeblich beteiligt sind, wird sich nun verzögern.
So wird etwa der Start des europäischen Forschungsmoduls "Columbus" auf unbestimmte Zeit verschoben. Das Weltraumlabor sollte spätestens 2007 an der ISS andocken und sei primär in Deutschland entwickelt worden, wie Wittig sagte. Mit den russischen Versorgungsschiffen, die regelmäßig zur ISS fliegen, könnte "Columbus" nicht transportiert werden. "Die können zwar den Betrieb aufrecht erhalten, aber nicht den weiteren Ausbau der Station gewährleisten", erklärt Dieter Isakeit, Direktoriumsmitglied bei der Europäischen Raumfahrtagentur Esa.
Wittig kündigte überdies an, Druck machen zu wollen, falls die Shuttle-Missionen endgültig abgesagt würden. Die Zusage zum Shuttle-Transport des "Columbus"-Moduls seien von der US-Regierung gegeben worden. Eine Veränderung der Absprachen sei damit eine politische Frage. Darüber hinaus bedeuteten weitere Verzögerungen auch erhebliche zusätzliche Kosten, klagte Wittig. Die Entwicklung und der Bau des "Columbus"-Labors hatten bisher 715 Millionen Euro gekostet.
Schäden an der "Discovery" noch nicht geklärt
Die US-Raumfahrtbehörde hatte alle weiteren Flüge zunächst gestoppt, auch den planmäßigen Start der "Atlantis" im September. Trotz der 30-monatigen Überholung der Shuttle-Technik hatte es beim Start der "Discovery" am Dienstag Beschädigungen gegeben. So hatte sich unter anderem ein großes Teil der Schaumstoffisolierung gelöst, einige Hitzekacheln an der Unterseite des Shuttles sind ebenfalls defekt.
Noch ist nicht entschieden, ob die Raumfähre, die heute Nachmittag an die internationale Raumstation ISS angedockt hatte, wieder zurück zur Erde fliegen kann. "Wir haben geglaubt, so sicher zu sein, dass wir wieder fliegen können", sagte Shuttle-Programm-Manager Bill Parsons, "Anscheinend haben wir uns geirrt."
Ursprünglich sollte das "Columbus"-Labor bereits 2004 ins All geflogen werden. Doch damals wurde der Start wegen der "Columbia"-Katastrophe verschoben. Die "Columbia" war 2003 beim Wiedereintritt in die Atmosphäre explodiert.
Das "Columbus"-Modul ist acht Meter lang und hat einen Durchmesser von viereinhalb Metern. In der Röhre haben drei Forschungsastronauten Platz, um in der Schwerelosigkeit auf den Gebieten Medizin, Biologie oder Materialkunde zu experimentieren.
Nur die amerikanischen Space Shuttles verfügen bisher über ausreichenden Laderaum, um Module dieser Größe zu transportieren. Der Ausbau der ISS war ursprünglich bis 2007 geplant. Der Wohn- und Arbeitsbereich hätte mit zusätzlichen Bauteilen bis dahin verdreifacht werden sollen. Im Moment stehen der ISS-Besatzung etwa 170 qm zum Leben und Arbeiten zur Verfügung. Ob die Erweiterungen nun wie geplant eingehalten werden können, ist fraglich: "Ob und wann die ISS fertig gestellt wird, ist im Moment unklar", sagte ein Sprecher des Bundesforschungsministeriums am Donnerstag.
Training trotz Pannenserie
Der deutsche Astronaut Thomas Reiter, der im September mit der Raumfähre "Atlantis" zu einem Langzeitaufenthalt auf der ISS fliegen sollte, setzt sein Training in Houston derweil fort. "Solange wir nichts Gegenteiliges wissen, gehen wir davon aus, dass der Fehler in überschaubarer Zeit behoben werden kann", sagte Gerhard Thiele vom Europäischen Astronautenzentrum in Köln. Das Training müsse nur dem neuen Zeitplan angepasst werden, den die Nasa jedoch erst aufstellen könne, wenn alle Probleme, die sich beim Start der "Discovery" ergeben hätten, geklärt seien.
Wegen des drohenden Engpasses hatte Nasa-Direktor Michael Griffin bereits im Mai angekündigt, die Entwicklung des neuen US-Raumtransporters CEV (Crew Exploration Vehicle) schneller vorantreiben zu wollen. Die Raumfähre, die nach bisheriger Planung auch als Mondschiff konzipiert war, sollte ursprünglich 2014 starten. Nun ist der Jungfernflug schon für 2010 geplant.
Bis dahin könnte auch das erste europäische Versorgungsschiff gestartet sein. Schon im nächsten Jahr will die Esa die erste unbemannte Raumfähre zur ISS schicken. Das Schiff mit dem Namen "Jules Verne" gehört zum vollautomatischen Transportsystem ATV (Automatic Transport Vehicle), mit dem die ISS in Zukunft versorgt werden soll.
Das ATV gehört zu den größten und ehrgeizigsten Raumfahrtprojekten der Europäer. Zehn Jahre lang sollen insgesamt zehn Raumschlepper die internationale Raumstation anfliegen und Nahrung und Trinkwasser abliefern, auf den Weg gebracht mit den "Ariane 5"-Trägerraketen.
Die russische Raumfahrtagentur Roskosmos plant überdies den Bau eines wiederverwendbaren Raumfahrzeugs, das bis zu sechs Raumfahrer ins All bringen könnte. Der erste "Clipper" könnte jedoch frühestens 2012 starten. An Entwicklung und Finanzierung des Projekts will sich auch die Esa beteiligen. "Clipper" könnte vom kasachischen Raumbahnhof in Baikonur oder vom Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guyana aus fliegen.
Die Versorgung der ISS ist durch die russischen Raumfähren zunächst sichergestellt. Wie ein Roskosmos-Sprecher heute mitteilte, wird der nächste unbemannte Transportflug wie geplant am 8. September starten. Der Raumfrachter wird Lebensmittel, Trinkwasser und Treibstoff und eine neue Sauerstoffanlage zur ISS befördern.