Eis-Satellit: Countdown für "Cryosat" läuft - DER SPIEGEL
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Eis-Satellit Countdown für "Cryosat" läuft

In wenigen Stunden will die europäische Raumfahrtagentur Esa den Forschungssatelliten "Cryosat" ins All schießen. Der Trabant soll mit höchster Präzision messen, wie schnell das Eis an den Polen schmilzt.
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Plesetsk - Wie schnell lässt der Klimawandel das Eis an den Polkappen verschwinden? Der europäische Radar-Satellit "Cryosat" soll diese Frage in den nächsten Jahren genau beantworten. Aus 720 Kilometern Höhe soll der Trabant mit seinem Radar-Altimeter mit bisher unerreichter Präzision die Dicke der Eisdecken vermessen. Am heutigen Samstag will die Esa den Satelliten mit einer umgerüsteten russischen SS-19-Atomrakete in den Orbit schießen. Der Start ist für 17.02 Uhr deutscher Zeit vom russischen Weltraumbahnhof Plesetzk, 800 Kilometer nördlich von Moskau, geplant.

Der vom Luft- und Raumfahrtkonzern EADS gebaute, 4,60 Meter lange und 2,34 Meter breite "Cryosat" soll Bilder und Daten von den schwer zugänglichen Polarregionen liefern. Hauptinstrument an Bord von "Cryosat" ist das Radaraltimeter "Siral", das die Dicke des Meereises und die die Oberflächenhöhe des Landeises in den Polregionen mit auf einen bis drei Zentimeter genau messen soll. Der 650 Kilogramm schwere Satellit, der 136 Millionen Euro gekostet hat, soll mindestens drei Jahre funktionieren.

"Cryosat" kann nach Angaben der EADS-Tochter Astrium auch helfen, "den Zusammenhang zwischen dem Abschmelzen des Polareises und dem Anstieg des Meeresspiegels genauer zu bestimmen". Ein besonderes Interesse gilt demnach den Rändern der großen Landeismassen in Grönland und der Antarktis. "Schmelzen diese Ränder ab, kann das Schmelzwasser die großen Meeresströmungen beeinflussen - mit unvorhersehbaren Folgen für das Weltklima."

Europäische Satelliten mit Radar-Instrumenten an Bord, wie etwa ERS-2 und Envisat, haben zwar schon große Datenmengen über das Eis an den Polen geliefert. Von den Rändern der Eisdecken konnten sie aber keine verlässlichen Messungen liefern.

Die Erderwärmung ist für die meisten Wissenschaftler eine Tatsache. Experten der Gruppe Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) gehen davon aus, dass sich die durchschnittliche Oberflächentemperatur auf der Erde im 20. Jahrhundert um 0,6 Grad Celsius erhöht hat. Modelle sagen eine weitere Erwärmung zwischen 1,4 und 5,8 Grad in den kommenden hundert Jahren voraus. Damit ist über kurz oder lang ein Abschmelzen der Polkappen und Gletscher wahrscheinlich, was zu einem Anstieg des Meeresspiegels von mehr als einem Meter führen würde.

Erst kürzlich haben Forscher des National Snow and Ice Data Center der USA (NSIDC) Alarm geschlagen, weil das Eis der Arktis sich nach ihren Daten drastisch vermindert. Die Fläche verringere sich derzeit um etwa acht Prozent pro Jahrzehnt. Ende September 2005 bedeckte das Eis nur noch 5,32 Millionen Quadratkilometer Wasser. Das sei die geringste Ausdehnung seit Beginn der Satellitenmessungen von 1978. Halte der aktuelle Trend an, könnten die arktischen Sommer bis zum Ende dieses Jahrhunderts eisfrei sein.

Den endgültigen Beweis für eine drohende Klimakatastrophe erwartet "Cryosat"-Chefwissenschaftler Duncan Wingham vom University College London nicht. Aber er erhofft sich zuverlässige Erkenntnisse, wie Wind, Schnee, Sonnenlicht und Erdwärme auf das Eis einwirken: "Es geht darum, die Physik des Eises verstehen."

Die nächsten Esa-Satelliten zur Erdbeobachtung nach "Cryosat" sind bereits in Bau. Ab 2006 soll GOCE das Schwerefeld der Erde erkunden. SMOS wird für Wetterforscher den Salzgehalt und Wasseraustausch der Meere ermitteln.

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