Knappes Geld: Bushs Weltraum-Plänchen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Knappes Geld Bushs Weltraum-Plänchen

Die Weltraum-Initiative von US-Präsident Bush schrumpft kurz vor ihrer mit Spannung erwarteten Verkündung arg zusammen. Innerhalb der nächsten zehn Jahre soll es lediglich eine unbemannte Mondmission geben, zum Mars sollen Astronauten in frühestens 30 Jahren aufbrechen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer dampfgetrieben über die Insel Lummerland rollen, sehen sie zuweilen eine gewaltige Erscheinung am Horizont. Es ist Tur Tur, der Scheinriese. Je näher man ihm kommt, desto kleiner wird er, um sich am Ende als kleinwüchsiges Wutzelmännchen herauszustellen. In den Weltraum-Szenarien von George W. Bush geht es mittlerweile ähnlich zu wie in den Darbietungen der Augsburger Puppenkiste.

Was im Lummerland des US-Präsidenten seit Wochen zunächst als Gerücht umging und dann von Regierungsbeamten zum Teil bestätigt wurde, schien Ehrfurcht gebietende Ausmaße zu besitzen: Vom Baubeginn an einer permanenten Mondbasis innerhalb der nächsten 15 Jahre und gar von einem bemannten Flug zum Mars war die Rede. Bush, so hieß es, erhoffe sich davon im Wahljahr 2004 einen "Kennedy-Effekt": Wie sein legendärer Amtsvorgänger John F. Kennedy, der 1962 die erste bemannte Reise zum Mond binnen zehn Jahren ankündigte, wolle auch Bush die Nation mit einem kühnen Weltraum-Programm inspirieren.

Das erste Ziel: Eine Sonde zum Mond

In der Tat will nun auch Bush ein Ziel für die kommenden zehn Jahre setzen, wie US-Medien unter Berufung auf Regierungsvertreter berichten. Es soll eine unbemannte Mission zum Mond sein - ein wenig visionäres Vorhaben angesichts der Tatsache, dass die Nasa schon 1976 die beiden "Viking"-Sonden auf dem Mars absetzte und derzeit mit den Rovern "Spirit" und ab dem 24. Januar mit "Opportunity" den Roten Planeten erforscht.

In seiner Rede, die am heutigen Mittwoch um 21.00 Uhr MEZ beginnt, werde Bush zudem eine Erhöhung des Nasa-Budgets verkünden. Die Weltraumbehörde, die derzeit über einen Jahresetat von 15 Milliarden Dollar verfügt, soll demnach eine weitere Milliarde erhalten - allerdings verteilt über fünf Jahre. Zum Vergleich: Die erste Mondlandung kostete die USA geschätzte 24 Milliarden Dollar, die heute etwa 100 Milliarden wert wären.

Die permanente Siedlung auf dem Mond werde erst für die kommenden zwei Jahrzehnte in Angriff genommen. Sie solle zwar ein Sprungbrett zum Mars sein, doch werde der erste bemannte Flug zum Roten Planeten erst "irgendwann nach 2030" möglich sein, sagte ein Regierungsbeamter.

Bush reagiert offenbar auf die teils herbe Kritik, die nach Bekanntwerden der ersten Weltraum-Ideen laut geworden war. Angesichts des gewaltigen Haushaltsdefizits von voraussichtlich 500 Milliarden Dollar in diesem Jahr bezeichneten sogar Bushs Parteigänger die hochfliegenden Pläne des Präsidenten als nicht finanzierbar. Bushs Neun-Seiten-Direktive an die Nasa sieht nach einem Bericht von CNN außerdem vor, die Verträge mit 15 Partner-Nationen zu erfüllen und den Bau der Internationalen Raumstation ISS wie geplant innerhalb der nächsten sechs Jahre zu beenden - was weitere Millionen kostet.

Der Nasa fehlt das passende Raumschiff

Der Nasa fehlt darüber hinaus ein Raumschiff, mit dem Mensch und Material zum Mond geschossen werden könnten. Die Space Shuttles, die ohnehin nur für Aufgaben im Erdorbit konstruiert waren, werden durch den Bush-Plan endgültig zum Auslaufmodell. Laut CNN hat der Präsident die Raumfahrtbehörde mit der Entwicklung einer neuen Generation von Raumschiffen beauftragt.

Das Endergebnis soll ein "Crew Exploration Vehicle" (CEV) sein, dass Astronauten zu fremden Planeten trägt. Die Nasa weiß derzeit nicht einmal, ob das CEV ein Einweg-Fahrzeug oder wie ein Space Shuttle mehrfach verwendet werden soll. Nasa-Direktor Sean O'Keefe sagte lediglich, dass es "vollkommen anders aussehen" als die Shuttles.

Bis 2013 könnte das neue Raumschiff laut Nasa fertig sein. Die Untersuchungskommission, die nach dem Absturz der "Columbia" im Februar eingesetzt wurde, verlangte aber von der Behörde, die Shuttle-Flotte komplett neu zu zertifizieren, sollte sie über das Jahr 2010 hinaus eingesetzt werden. Von diesem teuren Vorhaben nahm Bush mittlerweile Abstand - was nichts anderes bedeutet, als dass die Nasa nach der Ausmusterung der Shuttles "Atlantis", "Endeavour" und "Discovery" mindestens drei Jahre lang ohne Raumschiff dastehen wird.

Amerikanische Astronauten müssten dann in den altgedienten "Sojus"-Kapseln ihrer russischen Kollegen ins All schippern.

Verwandte Artikel