Knappes Manöver "Rosetta" zeigt Roten Planeten in blau
Von der Erde aus betrachtet sah es haarscharf aus: Bis auf 250 Kilometer näherte sich der Kometenjäger "Rosetta" dem Roten Planeten - ohne dass die Experten der Europäischen Raumfahrtbehörde Esa vom Boden aus hätten eingreifen können. Nun ist man sehr zufrieden in der Bodenkontrolle. "Das Vorbeischwungmanöver der Sonde am Mars war das bisher kritischste Ereignis der Mission seit dem Start", sagte Manfred Warhaut, Leiter der Abteilung für Missionsbetrieb, nach dem Manöver am Sonntag.
Die Sonde war am Sonntagmorgen knapp am Mars vorbeigeflogen und hatte die Schwerkraft des roten Planeten genutzt, um ihr Ziel anzusteuern: den Kometen Tschurjumow-Gerassimenko. Diesen will sie nach insgesamt zehnjähriger Reise im Frühjahr 2014 erreichen und darauf den Landeapparat "Philae" absetzen.
Das Marsmanöver war nicht nur ein schwieriges Flugmanöver, es diente zugleich auch als erster großer Test für die Instrumente an Bord von "Rosetta" und "Philae". Bevor die Sonde sich dem Mars bis auf 250 Kilometer näherte, schalteten die Wissenschaftler zunächst Osiris an, die Spektralkamera an Bord von "Rosetta", die sowohl sichtbares als auch Infrarot-Licht aufnehmen kann. Die Fotos zeigen den Roten Planeten in seiner ganzen Pracht - und teils in ungewöhnlichen Farben (siehe Fotostrecke).
Ebenfalls erfolgreich verlief der erste Abnabelungsversuch des Landers "Philae" von seinem Mutterschiff. Der huckepack transportierte Apparat musste beim Marsvorbeiflug beweisen, dass er vollkommen autonom arbeiten kann. "Rosetta" lieferte ihm keinen Strom, der kam stattdessen aus den Batterien des Landers.
Es geht auch ohne Mutterschiff
Das "Philae"-Kamerasystem Civa demonstrierte seine Leistungsfähigkeit. Ein Foto zeigt den Planeten Mars aus etwa 1000 Kilometern Entfernung. Auf der Aufnahme sind zudem Teile der "Rosetta"-Sonde zu erkennen (siehe Fotostrecke). Nach Esa-Angaben wurde auch das Instrument Romap eingeschaltet, das Daten über das Magnetfeld des Mars sammeln sollte.
Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE sollte außerdem ein italienisches Gerät an Bord von "Philae" aktiviert werden, das möglicherweise existierende Staubringe um den Mars nachweisen könnte. Nachrichten über mögliche Ergebnisse dazu liegen bislang jedoch nicht vor.
Wenn "Rosetta" ihr Ziel erreicht hat, soll die Sonde für rund sechs Monate Tschurjumow-Gerasimenko umkreisen und von allen Seiten fotografieren. Spezialkameras und Spektrometer sollen Aufschluss über Dichte, chemische Zusammensetzung und Temperatur des Kometen geben. Im November 2014 wird "Rosetta" dann aus einer Höhe von einem Kilometer "Philae" abwerfen. Die Beipacksonde soll auf der Oberfläche des Kometen Bohrungen vornehmen, Bodenproben einsammeln und diese analysieren.
Zwei weitere Begegnungen mit Erde geplant
Um "Rosetta" auf die notwendige Geschwindigkeit für ein Rendezvous mit dem Kometen zu beschleunigen, sind mehrere Vorbeiflüge an unterschiedlichen Planeten notwendig. Durch die Anziehungskraft der Planeten soll die Sonde zusätzlichen Schwung holen. Bereits am 4. März 2005 war die Sonde ein erstes Mal in 1954 Kilometern Höhe an der Erde vorbeigesaust. Der Vorbeiflug am Mars vom vergangenen Wochenende diente nicht der Beschleunigung, sondern lediglich der Kurskorrektur in Richtung Erde. Sie bremste "Rosetta" sogar ein wenig. Für September 2008 und Juli 2010 sind noch zwei weitere Begegnungen mit der Erde geplant.
"Rosettas" langer Flug ist eine Reise in die kosmische Vergangenheit: Alle Kometen sind in den so genannten Oortschen Wolken entstanden, einer Zone am äußersten Rand unseres Sonnensystems. Seit Entstehung des Sonnensystems vor etwa 4,6 Milliarden Jahren haben sich die Kometen kaum verändert. Die stoffliche Zusammensetzung eines Kometen kann der Wissenschaft daher Aufschluss über den Zustand des Sonnensystems geben, als es noch jung war. Zudem ist aus früheren Kometenmissionen bereits bekannt, dass Kometen Träger komplexer organischer Moleküle sind. Manche Wissenschaftler glauben, dass diese Stoffe über den Einschlag eines Kometen erstmals auf die Erde gelangt sind. Dies könnte eine Art Initialzündung für die Entstehung des Lebens gewesen sein.
hda/dpa/AP