Meteoritenfund Neuschwanstein Nummer zwei entdeckt
Das Puzzlespiel, vor dem Meteoritenforscher nach dem 6. April 2002 standen, vervollständigt sich langsam. Damals zerstob mit Donnerschlag und grellem Blitz ein 300 Kilogramm schwerer Himmelskörper über Bayern. Insgesamt 20 Kilogramm Restmaterial, so haben Wissenschaftler errechnet, müssen den Sturz durch die Atmosphäre überstanden haben.
Drei Monate nach dem beängstigenden Schauspiel wurden die Experten zum ersten Mal fündig: Unweit von Schloss Neuschwanstein stießen sie auf einen 1,75 Kilogramm schweren Brocken - prompt wurde er nach dem Märchenbau benannt. Nach mühseliger Suche ist nun ein zweites, etwa faustgroßes Stück des bayerischen Himmelsboten aufgetaucht, das dem ersten Bruchstück ähnelt wie ein Zwilling dem anderen.
Der außerirdische Stein, der am Dienstagabend auf dem Jahrestreffen der Meteoritical Society in Münster vorgestellt werden sollte, wurde im Allgäu in der Nähe von Füssen entdeckt, wie das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) mitteilte. Nach wochenlanger Suche fanden zwei junge Männer das Beweisstück etwa einen Kilometer von der Stelle, die Forscher als Einschlagpunkt des Hauptmeteoriten errechnet hatten.
Weil Spezialkameras den Weg der Feuerkugel aufgezeichnet hatten, konnten DLR-Wissenschaftler das Zielgebiet auf einen Quadratkilometer eingrenzen. Zum ihrem Leidwesen liegt es jedoch auf rund 1500 Meter Höhe in steilem, dicht bewachsenem Gelände. Das nun entdeckte Teilstück prallte vermutlich mit einem Tempo von etwa 250 Kilometern pro Stunde auf den Boden - es musste aus einer fünf Zentimeter tiefen Mulde geborgen werden.
Nach über einem Jahr in feuchter Erde ist der wahrscheinlich eisenhaltige Meteorit leicht angerostet, zeigt aber eine typische Schmelzkruste. Trotz der Schönheitsfehler sind die Wissenschaftler von dem Fund begeistert. "Es ist schon sehr überraschend, dass der Stein nach 14 Monaten in den Alpen noch so gut erhalten ist", sagte der DLR-Meteoritenexperte Dieter Heinlein am Rande der Konferenz gegenüber SPIEGEL ONLINE.
Eine erste Untersuchung per Gammastrahlendetektor am Heidelberger Max-Planck-Institut für Kernphysik bestätigte die Verwandtschaft zum früher gefundenen Neuschwanstein-Meteoriten. Weitere Vergleiche sollen folgen. Der Hauptverdächtige wird indes noch gesucht: In dem "furchtbaren Gelände" (Heinlein) der Zielregion vermuten die Forscher noch einen Brocken von bis zu zehn Kilogramm Gewicht.