Mondforschung Ein Langweiler wird wieder sexy
Mondoberfläche (von der Erde aus gesehen): Jahrelang haben Wissenschaftler den Erdtrabanten vernachlässigt, inzwischen boomt die Forschung wieder dank neuer Sonden
Foto: B MATHUR/ REUTERSLangsam schiebt sich der Schrödinger-Krater ins Bild, ein tiefes dunkles Loch in einer grau-braunen Landschaft auf der Südhalbkugel des Mondes, die von zahlreichen weiteren Kratern übersät ist. Manabu Kato strahlt. Auf seinem Laptop zeigt der Wissenschaftler von der japanischen Weltraumagentur Jaxa stolz hochauflösende Filmaufnahmen der Sonde "Kaguya", die den Mond seit einem Jahr umkreist. Rund 300 Kilometer breit ist das Gebiet, das achtfach beschleunigt am Schirm vorbeizieht.
Insgesamt 50 verschiedene Filmschnipsel hat der Japaner auf der Blueray-Disk seines Computers - inklusive mehrerer Erdaufgänge bei denen unser azurblau schimmernder Planet majestätisch am pechschwarzen Himmel über dem Horizont aufsteigt. "Das ist hervorragendes Material, um die Menschen für die Erkundung des Mondes zu begeistern", meint Kato.
Mond fixt die Wissenschaftler wieder an
Bei vielen Fachleuten dürfte ohnehin nur wenig Werbung nötig sein, denn seit kurzem ist unser Erdtrabant unter Wissenschaftlern wieder en vogue.
Das beweist ein Besuch auf dem Europäischen Planetenforscherkongress in Münster, wo dem Thema am Freitag ein kompletter Kongresstag gewidmet wurde. Nach Jahren des Desinteresses werden derzeit zahlreiche Sonden auf den Weg zum Mond geschickt - oder sind schon dort.
Neben der japanischen kreist auch eine chinesische Sonde namens "Chang'e" derzeit um den Mond. Aus dem Reich der Mitte gibt es allerdings gerade mal ein Propagandafoto, auch wenn in Münster zu hören ist, dass die chinesischen Forscher mittlerweile zwölf Gigabyte an Daten empfangen haben. Weitere Mondprogramme:
- die indische Sonde "Chandrayaan 1" soll im Oktober abheben
- der US-Flugkörper "Lunar Reconnaissance Orbiter" soll im kommenden Jahr starten, "Grail" und "Ladee" dann 2011
- Russlands "Lunar Glob" soll im Jahr 2012 folgen.
- England, Italien und Südkorea denken über Missionen nach
- und auch die europäische Raumfahrtagentur Esa lässt mit "MoonNEXT" derzeit ein Konzept für eine unbemannte Mondlandung entwickeln.
"Jahrelang ist der Mond hinten runter gefallen", sagt der Berliner Planetenforscher Gerd Neukum im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.
Nach den bemannten Missionen des "Apollo"-Programmes erschien der graue Himmelskörper ziemlich langweilig, die Menschheit hatte stattdessen weiter entfernte Planeten und Monde des Sonnensystems, Kometen und sogar den interstellaren Raum im Blick. "Jetzt stellen wir fest, dass die Technologie soweit fortgeschritten ist, dass wir Neues auch auf dem Mond entdecken können", sagt Detlef Koschny von der Esa. Der Mond wird wieder sexy.
Wissenschaft weiß nicht, was im Mondkern steckt
Die Menschheit weiß ohnehin überraschend wenig über ihren nächsten Begleiter im All. "'Apollo' hat uns geholfen, die richtigen Fragen zu stellen. Nun müssen wir endlich auch die Antworten finden", sagt Forscher Neukum.
Hier einige der drängendsten Fragen:
- Wie alt ist der Mond genau - und hat er sich tatsächlich vor rund viereinhalb Milliarden Jahren beim Einschlag eines etwa marsgroßen Objektes auf der Erde gebildet?
- Wie ist der Erdtrabant chemisch und mineralisch aufgebaut? Welche Elemente finden sich an welchen Stellen der Mondoberfläche? Und wo könnten Menschen am besten eine Mondbasis aufbauen? Besonders interessant wären Vorkommen von Wassereis, Depots des möglichen Kernbrennstoffs Helium-3, der eines fernen Tages Fusionsreaktoren antreiben könnte - und bestimmte Metalloxidvorkommen, aus denen Raumfahrer Sauerstoff gewinnen könnten.
- Wie ist die Struktur des Mondes? Hat er wie bisher vermutet einen Kern - und wenn ja, ist der fest oder flüssig?
- Warum gibt es auf dem Mond de facto kein Wasser - vor allem wo es doch auf der nahen Erde reichlich davon gibt? Und was ist mit den Mondpolen, wo einige Forscher gefrorenes Wasser vermuten?
Die Amerikaner drängen mit ihren Sonden mit Macht zum Mond, weil sie ab dem Jahr 2020 auch Menschen dort hin bringen wollen - und später sogar zum Mars. Im Moment, so erklärt Nasa-Wissenschaftler Tom Morgan in Münster, schmiedet man bei der US-Weltraumbehörde am "International Lunar Network", dem internationalen Mondnetzwerk. Es soll zukünftige Messsonden aus aller Herren Länder zu einem riesigen Forschungsverbund zusammenschließen. "Wir wollen die Qualität der wissenschaftlichen Daten vom Mond erhöhen."
Das ist auch dringend nötig. Zum Beispiel ist bisher nur ein Bruchteil der Mondoberfläche überhaupt vernünftig kartiert, oft arbeiten die Forscher mit fast 40 Jahre altem Datenmaterial.
Bundesregierung streicht deutsche Mondsonde
Bei der Suche nach Antworten sollte auch eine deutsche Sonde helfen. "Leo" hätte ab dem Jahr 2012 für vier Jahre um den Mond kreisen sollen - mit 14 Instrumenten, die gezielt so ausgewählt waren, dass sie mit ihren Daten die Erkenntnisdefizite konkurrierender Mondmissionen ausgebügelt hätten. Unter anderem war eine hochauflösende Stereokamera an Bord, die Daten für einen Mondatlas ungekannter Güte sammeln sollte.
Die deutsche Forschercommunity hatte große Hoffnungen in die Mission gesetzt, doch im Sommer erhielten die Wissenschaftler dann überraschend die Nachricht, dass die Mondfahrt wegen Haushaltsproblemen auf unbestimmte Zeit zurückgestellt werden sollte.
Zwei Jahre der Vorbereitung schienen vertan, doch inzwischen haben rund 100 Wissenschaftler noch einmal etwas Hoffnung geschöpft - und versuchen mit öffentlichem Druck, die Sonde doch noch zu retten. Deswegen haben sie in dieser Woche einen Brandbrief an 150 Bundestagsabgeordnete und alle Minister der Bundesregierung verschickt ("Deutschland droht bei der Erforschung des Mondes entscheidend ins Hintertreffen zu geraten"). Inzwischen habe man aus Berlin immerhin ein paar positive Signale erhalten, sagen Hiesinger und Neukum - unter anderem aus der FDP-Bundestagsfraktion.
Im Wirtschaftsministerium, aus dessen Etat die Mondmission bezahlt werden würde, gibt man sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE allerdings eher kühl: "Der Regierungsentwurf für den Haushalt 2009 befindet sich derzeit in der parlamentarischen Beratung durch den Bundestag und seine Ausschüsse; dabei wird auch die Frage "Mondmission" angesprochen", sagt ein Ministeriumssprecher. "Das Beratungsergebnis des Parlaments gilt es abzuwarten." Immerhin, das Ministerium bezeichnet das Projekt weiterhin als "interessante Option".
Die deutschen Forscher hoffen nun wieder. Wie die Japaner wollen übrigens auch sie eine hochauflösende Fernsehkamera mit auf den Mond nehmen, um die Herzen der Menschen zu gewinnen. Sie soll an Bord von "Leo" eindrückliche Bilder liefern - ganz ähnlich denen, über die sich Mister Kato aus Japan dieser Tage so freut.