"Opportunity" Mars-Roboter am Abgrund
Los Angeles - Das kleine sechsrädrige Gefährt steht am Abgrund - und vor der größten Herausforderung seiner Mission in der fremden Welt. Mit dem Victoria-Krater hat der Marsroboter "Opportunity" eine geologische Formation auf dem Nachbarplaneten erreicht, auf die die Wissenschaftler der US-Weltraumbehörde Nasa schon ganz heiß sind. Das kleine Fahrzeug selbst könnte indes für immer dort zurückbleiben - denn die Forscher wollen es geradewegs hineinrollen lassen.
Um nach einem geeigneten Einstieg in den Abgrund zu suchen, wird "Opportunity" in den nächsten Tagen den Victoria-Krater umrunden. Schon auf dem Weg zum Krater hat der Roboter Bilder zur Erde gefunkt, die einen erstaunlich detaillierten - wenngleich einfarbigen - Eindruck vermitteln. Wissenschaftler am Jet-Propulsion-Laboratory der Nasa im kalifornischen Pasadena haben bereits angefangen, aus den Aufnahmen des Roboters künstliche Draufsichten zu erzeugen, die das Gelände um Victoria herum wie aus einer Vogelperspektive zeigen.
21 Monate war "Opportunity" zu dem Krater unterwegs gewesen. Der Weg dorthin hat den Marsroboter durch wüstes Gelände geführt. Einmal steckte der kleine Rover wochenlang in einer Sanddüne fest, bevor es ihm gelang, sich zu befreien.
Den Aufwand - und das Risiko - der Fahrt nahm die Nasa auf sich, weil Victoria Einblicke in die geologische Vergangenheit des Mars verspricht. Victoria ist 40 Mal größer als der Eagle-Krater, an dem der Roboter gelandet war, und immerhin fünf Mal größer als der Endurance-Krater, den "Opportunity" im Jahr 2004 sechs Monate lang erforscht hatte.
Der 800 Meter weite und knapp 70 Meter tiefe Einschlagskrater von Victoria entblößt an seinen Rändern klar erkennbare dicke Gesteinsschichten. Für die Forscher ist das ein kleiner Schatz. Sie hoffen, klären zu können, ob sich die Schichten aus den Sedimenten flacher Seen geformt haben könnten. Seen würden wiederum bedeuten, dass es größere Mengen von flüssigem Wasser gegeben hat. Die Suche nach Spuren von Wasser auf dem Mars gehört zu den spannendsten Fragen der Mars-Erforschung.
Fahrt in den Krater
Um das Gestein zu erforschen, muss "Opportunity" aber in den Victoria-Krater hineinfahren. An die Gesteinsablagerung zu kommen sei das Gewinnbringendste an der gesamten Mission, sagte der stellvertretende Forschungsleiter, der Geologe Ray Arvidson von der Washington University in St. Loius. Da im Inneren von Victoria Dünen feinen Sandes und erhebliche Höhenunterschiede zu überwinden sind, riskiert die Nasa aber, den kleinen Roboter dort zu verlieren.
"Wir haben einen alternden Rover und wollen einfach noch so viel wie möglich aus ihm rausholen", erklärte Steve Squyres von der Cornell University, warum das Risiko nach in Kauf genommen wird.
Im kommenden Monat wird der Mars aus Sicht der Erde hinter der Sonne vorbei wandern. Entsprechend beschränkt ist die Funkverbindung zu "Opportunity". Während dieser Zeit soll er nicht weiter am Krater entlang rollen, sondern nur unbewegt Messdaten sammeln. Danach geht es dann den Kraterrand hinunter.
Ein Fünkchen Hoffnung, dass "Opportunity" auf seinen Rädern trotz Abhängen, Dünen und Steinen auch wieder aus dem Victoria-Krater herausrollen könnte, scheint die Nasa indes zu hegen. Wie schon mehrfach zuvor, wurde die offizielle Missionsdauer für "Opportunity" und seinen Zwillingsrover "Spirit" verlängert - um ein weiteres Jahr.
stx/AP