Raumfrachter "Jules Verne" muss warten
Ursprünglich sollte das neue automatische Frachtraumschiff der Esa am kommenden Samstag ins All fliegen. Nun hat sich die europäische Raumfahrtbehörde entschieden, den Start vom Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana um einen Tag zu verschieben. Schuld daran ist ein Problem mit dem Mechanismus, der den 20 Tonnen schweren Raumfrachter im All von der Trägerrakete "Ariane 5" trennen soll. Hier seien weitere Tests nötig, teilte die Esa mit.
Die "Jules Verne" ist die erste unbemannte Raumfähre der ATV- Serie ("Automated Transfer Vehicle"). Die Fluggeräte von der Größe eines Doppeldeckerbusses sollen die Internationale Raumstation (ISS) in Zukunft unter anderem mit Baumaterialien, Nahrungsmitteln, Wasser, Luft, Stickstoff und Sauerstoff versorgen.
Läuft alles nach Plan, dann trennt sich das ATV 70 Minuten nach dem Start von der Trägerrakete, fährt seine Sonnensegel aus und macht sich mit Hilfe von GPS-Navigation selbständig auf den Weg zur ISS. Das Andockmanöver dort soll vollautomatisch über die Bühne gehen: Mit zwei Lasergeräten ähnlich den Radarpistolen der Polizei misst das ATV auf den letzten drei Kilometern seinen Abstand zur ISS und legt am russischen Teil der Raumstation an - ohne dass sich die Astronauten darum kümmern müssen.
Einmal angekommen, soll "Jules Verne" sechs Monate an der ISS angekoppelt bleiben. In dieser Zeit soll das ATV mit seinen 32 Triebwerken dabei helfen, die Station auf Kurs zu halten. Auch für die Entsorgung des auf der ISS anfallenden Mülls sind die ATVs eingeplant. Nach dem Abkoppeln sollen sie mit 6,5 Tonnen Müll an Bord über dem Pazifik gezielt zum Absturz gebracht werden und verglühen.
Denn zur Erde zurückkehren können "Jules Verne" und seine Geschwister nicht. Ihnen fehlt ein Hitzeschutzschild. "Das wäre ein eigener, nächster Entwicklungsschritt", erklärte Johannes von Thadden, Leiter Politische Beziehungen der EADS-Tochter Astrium. "Europa muss sich darüber klar werden, ob wir diesen Entwicklungsschritt gehen wollen." Bei Astrium in Bremen wird ein wichtiger Teil der Arbeiten für die ATV-Raumfrachter erledigt.
Werbung für bemannte Raumfahrt Europas
Vier Nachfolger für "Jules Verne", die bis 2014 jeweils neun Tonnen Proviant zur ISS bringen sollen, sind bisher bestellt. Insgesamt zehn Staaten haben sich an der Entwicklung beteiligt - mit einem Aufwand von rund 1,3 Milliarden Euro. Deutschland ist mit knapp 40 Prozent größter Anteilseigner an dem Projekt.
Geht es nach den Vorstellungen der Esa, dann ist das ATV nur ein Schritt auf dem Weg der Europäer ins All. Der Raumfrachter ist so konzipiert, dass sich die ISS-Astronauten in dem Modul aufhalten können, und erfüllt damit die strengen Sicherheitsbestimmungen eines bemannten Raumschiffs. Das Automatische Transferfahrzeug könnte daher einmal das Rückgrat eines Transportsystems für Astronauten werden. In diesem prestigeträchtigen Feld der Raumfahrt sind die Europäer bislang völlig abhängig von den USA und Russland.
"Die gesamte Navigation ist bereits für eine Zuverlässigkeit ausgelegt, die die Verwendung einer bemannten Kapsel ermöglichen würde", sagte der frühere Esa-Astronaut Thomas Reiter. Ein bemanntes Raumfahrtprogramm der Europäer würde nach seiner Schätzung deutlich weniger als zehn Milliarden Euro kosten. "Die Frage ist, ob es hierfür europaweit einen politischen Willen gibt", schränkte Reiter ein. Im November werden die europäischen Staaten diese Frage auf der Ministerratskonferenz der Esa beantworten.
chs/AP/ddp/dpa