Weltraumschrott: Wenn der Handschuh zum Geschoss wird - DER SPIEGEL
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Weltraumschrott Wenn der Handschuh zum Geschoss wird

Zehntausende Objekte, vom Schraubenschlüssel bis zum Handschuh, rasen um die Erde. Ende Oktober musste ein Esa-Satellit per Ausweichmanöver einen Crash verhindern. Der Weltraumschrott wird präzise überwacht - denn eine Kollision mit einem bemannten Raumschiff hätte katastrophale Folgen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Walter Flury interessiert sich beruflich für Müll. Allerdings nicht für gewöhnliche Abfälle, die auf der Deponie landen. Seine Studienobjekte rasen mit bis zu 50.000 Stundenkilometern um unseren Planeten. Flury ist der Fachmann für Weltraumschrott bei der europäischen Raumfahrtagentur Esa.

In den Anfängen der Raumfahrt dachte kaum ein Wissenschaftler an das Müllproblem, das durch den sorglosen Umgang mit nicht mehr benötigten Raketenstufen und Satelliten entstehen würde. Heute kreisen zwischen 70.000 und 120.000 Objekte ab einem Zentimeter Größe um die Erde.

Gegenstände ab etwa fünf Zentimeter Durchmesser können mit speziellen, für Militärs entwickelten Radarsystemen von der Erde aus identifiziert werden. Nur Russland und die USA verfügen über diese Technik. "Wir kriegen von den Amerikanern regelmäßig aktualisierte Bahndaten für 9000 Objekte", sagt Flury im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Die Informationen sind äußerst wichtig: "In diesem Jahr mussten wir Esa-Satelliten schon drei Mal manövrieren, um Kollisionen mit alten Satelliten oder Raketenstufen zu vermeiden", sagt der Wissenschaftler. Die letzte Korrektur erfolgte am 22. Oktober. Der zwei Milliarden Euro teure Forschungssatellit "Envisat" wich dem Fragment einer Zenith-2 Rakete aus. "Envisat" bewegt sich in rund 800 Kilometern Höhe - eine Region, die besonders stark vermüllt ist.

Zur Kategorie spektakulärer Abfall gehört der Handschuh, den der "Gemini-4"-Astronaut Edward White beim ersten amerikanischen Raumspaziergang 1965 verloren hatte. Der 28.000 km/h schnelle Fingerwärmer wurde vom Onlinedienst Space.com zum "gefährlichsten Kleidungsstück der Geschichte" deklariert.

Aus der russischen Raumstation "Mir" wurden in den ersten zehn Jahren angeblich rund 200 Müllsäcke ins All entsorgt. Als größter Weltallverschmutzer gilt jedoch eine Pegasus-Rakete, die 1996 explodierte und rund 300.000 Objekte ab vier Millimetern Größe im Orbit verstreute. Und die Vermüllung des Alls nimmt stetig zu. Die drei in diesem Jahr notwendigen Ausweichmanöver von Esa-Satelliten markieren schon jetzt einen neuen Jahresrekord, obwohl erst elf Monate vergangen sind.

Satellit bei Crash zerstört

Im Visier der Müllbeobachter sind insbesondere Objekte ab fünf Zentimetern Größe, die bei Kollisionen mit Raumvehikeln fatale Folgen zeitigen können. 1996 etwa traf es den französischen Satelliten "Cerise": Er wurde beim Zusammenstoß mit einer Stufe einer Ariane-Rakete zerstört, die zehn Jahre zuvor gestartet war.

Im Darmstädter Kontrollzentrum Esoc nutzen die Wissenschaftler spezielle Software, um mögliche Kollisionen frühzeitig zu erkennen. Jeden Morgen verschickt das Programm eine automatisch generierte E-Mail an die Esoc-Mitarbeiter. Falls die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenstoßes größer als eins zu zehntausend ist, schaut sich das Team von Flury die Sache genauer an.

Erst nach intensiver Prüfung, auch durch gezielte Beobachtung des gefährdeten Satelliten und des möglichen Kollisionsobjekts, werden Eingriffe in die Flugbahn des Satelliten erwogen. Jede Orbitveränderung verbraucht wertvollen Treibstoff und wird nur vorgenommen, wenn sie unbedingt erforderlich ist.

Nicht nur Müll aus der Raumfahrt, auch Meteoriten bilden eine Gefahr für Satelliten oder bemannte Raumschiffe. Meist handle es sich dabei um kleinste Objekte im Mikrometerbereich, erklärt Flury. Der größte Teil von Objekten im Millimeterbereich gehe auf Explosionen von Raketenstufen zurück.

Durchlöchertes Sonnensegel

Auch kleine, nur Mikrometer oder Millimeter große Teilchen können Spuren hinterlassen, unter anderem in den Fensterscheiben der amerikanischen Space Shuttles. Dort wurden Einschläge von mehreren Millimetern Tiefe entdeckt. Auf einem zur Erde zurück transportierten Solarpaddel des Hubble-Weltraumteleskops fanden Forscher Aufschlagkrater mit einem Durchmesser von acht Millimetern. Das 41 Quadratmeter große Sonnensegel hatte insgesamt 174 Einschläge, funktionierte aber noch.

Weltraumschrottexperte Flury verlangt einen international verbindlichen Verhaltenskodex, um die zunehmende Vermüllung des Orbits zu stoppen: "Wir reden seit 1994 in der Uno darüber, aber es gibt kein weltweites Abkommen." Obwohl das Risiko für Kollisionen mit Objekten ab einem Zentimeter Größe gering bleibe, gelte es für die Zukunft vorzusorgen, damit auch dann noch Raumfahrt möglich sei - egal ob wissenschaftlich oder kommerziell.

Holger Dambeck

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