Wirbelnde Sternenleiche Ein Pulsar dreht durch
Schon normale Pulsare rotieren mit einer beeindruckenden Geschwindigkeit - die ultrakompakten Überreste kollabierter Sterne wirbeln in wenigen Sekunden oder gar Zehntelsekunden einmal um ihre eigene Achse. Ihren Namen erhielten sie, weil sie dabei regelmäßige Radiopulse abstrahlen. Doch es geht noch schneller: So genannte Millisekunden-Pulsare, die in den achtziger Jahren entdeckt wurden, schaffen mehrere hundert Umdrehungen pro Sekunde.
Mittlerweile haben Astronomen mehr als 90 dieser exotischen Schnelldreher entdeckt. Doch wie sie zu ihrem irrwitzigen Rotationstempo kommen, lässt sich bislang nur theoretisch erklären. Neue Aufschlüsse könnte jetzt eine Sternenleiche liefern, die ein italienisches Team vom Osservatorio Astronomico di Bologna mit dem Hubble-Teleskop ins Visier genommen hat: Möglicherweise ist das Objekt im Sternhaufen NGC 6397 der erste Millisekunden-Pulsar, den Forscher während seiner Beschleunigungsphase zu Gesicht bekommen.
Nach der favorisierten Hypothese entstehen die stellaren Kreisel in Doppelsternsystemen: Einer der beiden Partner ist ein langsam rotierender Pulsar, der andere vermutlich ein Roter Riese. Der aufgeblähte Sternengreis liefert dem Pulsar ständig neue Materie, die dieser in Rotationsenergie umsetzt. Am Ende dreht sich die Sternenleiche mit Hochgeschwindigkeit, während sich ihr ausgepumpter Begleiter in einen Weißen Zwerg verwandelt hat. Für diese Theorie spricht, dass Astronomen Millisekunden-Pulsare normalerweise im Duett mit einem solchen Mickerling beobachten.
Der von den italienischen Forschern studierte Pulsar mit der Bezeichnung PSR J1740-5340 bildet jedoch eine Ausnahme. Das Objekt, das sich Radiountersuchungen zufolge 274 Mal pro Sekunde um seine Achse dreht, besitzt nicht den erwarteten Weißen Zwerg als Gefährten, sondern einen hundert Mal größeren Giganten. Überrascht waren die Astronomen auch von den großen Mengen an heißem Gas, die sich den Daten zufolge in dem System befinden und offenbar vom riesenhaften roten Begleitstern stammen.
Bei den ungleichen Partnern, die sich einmal in 1,35 Tagen umkreisen, handelt es sich Teamleiter Francesco Ferraro zufolge um ein "äußerst ungewöhnliches" Paar: "Ein System aus einem Millisekunden-Pulsar und einem Stern, der kein Weißer Zwerg ist, hat bislang noch niemand beobachtet", sagt der Wissenschaftler.
Wie Ferraro und seine Kollegen vermuten, haben sie erstmals einen Millisekunden-Pulsar beim Schwungholen erwischt: Er zieht Materie von einem begleitenden Roten Riesen ab, der noch nicht zu einem Zwerg verkümmert ist. Falls diese Erklärung stimmt, würde der Fund die Theorie von der Entstehung der Hochgeschwindigkeits-Pulsare untermauern.
So verlockend die Deutung auch ist, für den Notfall haben die Italiener auch eine Ersatz-Hypothese parat: Möglicherweise ist der Rote Riese, so erklärt Ferraro, eine ganz normale Sonne, die dem Millisekunden-Pulsar im Gedränge des Sternhaufens zu nahe kam und von ihm eingefangen wurde. Demnach hat die kompakte Sternenleiche vielleicht sogar einen stellaren Partnerwechsel vollzogen - und seinen ursprünglichen Begleiter, den üblichen Weißen Zwerg, gegen einen größeren Stern eingetauscht.