WIE DAS ICH VERSCHWINDET - DER SPIEGEL
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WIE DAS ICH VERSCHWINDET

Der in England lebende Maler William Utermohlen erfuhr 1995, dass er an Alzheimer leidet, und hielt seinen Krankheitsverlauf in Selbstporträts fest. Utermohlen starb 2007. Die Mediziner Jochen G. Hoffmann und Ursula Sottong kommentieren den Weg des Künstlers in die Demenz.
• aus SPIEGEL Wissen 1/2009
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Alzheimer beginnt mit Störungen im Kurzzeitgedächtnis. Oft kommt es daher zu Ärger und Missverständnissen mit den Mitmenschen. Misstrauen und Entfremdung sind die Folge. Nach und nach verwehen auch die eigenen Spuren im Langzeitgedächtnis, und die Erinnerungen an Begegnungen, Ereignisse, Erlerntes und Geliebtes entschwinden. Dinge verlieren ihre ursprüngliche Bedeutung, die Sprache wird dürftiger, der rote Faden geht verloren, die persönliche Ausdrucksfähigkeit lässt nach, soziale Kontakte verarmen.

Der Künstler William Utermohlen bildet in seinen Selbstporträts ab, wie sein Ich entschwindet. Er wird depressiv und malt Trauer, Angst, Resignation und Hilflosigkeit. Seine Perspektive, sein Blick auf die Welt verändern sich. Details verlieren an Bedeutung. Visuelle Informationen können zunehmend schlechter interpretiert werden. Das eigene Spiegelbild wird fremd, erschreckt und ängstigt. Der Verlust des Raumempfindens und der Tiefenwahrnehmung bis hin zur Orientierungslosigkeit geht einher mit Unruhe oder Teilnahmslosigkeit und manchmal mit einer für die Umwelt erschreckenden Enthemmung. Die Welt zerfällt in Fragmente. Mit der nachlassenden Kommunikationsfähigkeit nimmt die Verlorenheit und Einsamkeit zu. Nahestehende Personen und vertraute Gegenstände werden nicht mehr erkannt. Viele menschliche Verhaltensmuster laufen nur noch automatisch ab.

Die Welt verliert an Farbe. Blau und Grün werden kaum noch wahrgenommen, werden zur Hintergrundfarbe. Nur Gelb und Rot sowie das emotionale Erleben überleben fast bis zuletzt. So werden die Bilder von Utermohlen immer abstrakter, fast surrealistisch. Sie entwickeln sich von einer lebendigen, räumlichen Darstellung zu einer stilisierten, stumpfen Darstellung ohne Tiefe. Ein Schatten legt sich über das Gesicht. Augen und Mund treten prominenter hervor. Die Bilder stimmen traurig und deuten auf unendliches Leid und auf Schmerz hin. Am Ende bleibt nur eine skeletthafte, farblos gestrichelte Hülle.

Jochen G. Hoffmann, 45, leitet als Chefarzt die Geriatrie und Tagesklinik am Malteser Krankenhaus St. Hildegardis in Köln. Die Ärztin und Gesundheitswissenschaftlerin Ursula Sottong, 55, leitet das bundesweite Demenz-Projekt der Malteser in Köln.

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