»Wir sind eine große Fliege«
Die Fruchtfliegen des Biologen Charles Zuker von der University of California in San Diego erfüllen alle Merkmale totaler Versager: Sie sind taub, torkeln unkontrolliert durch die Gegend und fallen ständig auf die Mundwerkzeuge.
Berühmt sind die wirren Fliegenmutanten trotzdem. Die Insekten tragen ein Gen, das wahrscheinlich auch beim Menschen wirksam ist. Damit sind sie eines der ersten Beispiele dafür, wie die Ende vergangener Woche euphorisch gefeierte Entschlüsselung des Erbguts die medizinische Forschung revolutionieren könnte.
Durch vergleichende Computeranalyse war es einem internationalen Forscherteam in nur 11 Tagen gelungen, fast die komplette Genkarte der Fruchtfliege »Drosophila melanogaster« zusammenzusetzen. 13 601 Gene des Tieres sind entschlüsselt, 180 Millionen Basenpaare, die Grundbausteine des Erbgutes, sequenziert.
Die Studie, veröffentlicht im Wissenschaftsmagazin »Science«, wird als Meilenstein der medizinischen Forschung gefeiert. Zum einen gilt sie als erfolgreicher Testlauf für die Entschlüsselung des menschlichen Genoms. Andererseits glauben die Wissenschaftler, dass sich das Mini-Insekt, seit jeher Haustier der Gentechniker, nun noch intensiver zum Wohle des Menschen nutzen lässt.
»Die Fruchtfliege wird die Grundlagen zukünftiger medizinischer Forschung liefern«, schwärmt Matthew Freeman vom britischen Medical Research Council in Cambridge. Eines der überraschendsten Ergebnisse des Forschungsmarathons: 60 Prozent der Gene des Insekts haben ein Pendant im menschlichen Erbgut. Und: Von 289 Genen, die Mediziner für Krankheiten beim Menschen verantwortlich machen, gibt es 177 entsprechende Varianten bei der Fruchtfliege.
Fliege und Mensch haben beispielsweise ein Gen mit dem Kürzel p53 gemein, das beim Menschen eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung von Lungen-, Darm- und Brustkrebs spielen soll. Diabetes und Schilddrüsenprobleme des Menschen sollen gleichfalls von Genen mit verursacht werden, die auch im Fliegenerbgut vorkommen.
Mit Fruchtfliegen-Hilfe hoffen die Forscher nun darauf, die Funktion dieser Gene besser zu verstehen und mögliche Therapien zu entwickeln - bereits mit ersten Erfolgen: Wissenschaftler der Harvard Medical School in Boston schleusten jüngst ein mit der Parkinson-Krankheit in Verbindung gebrachtes menschliches Gen in das Erbgut einer Fruchtfliege ein. Tatsächlich hatten die Tiere anschließend Gleichgewichtsstörungen und zeigten auch andere Symptome der Nervenkrankheit. »Die Fliege ist ein exzellentes Modell für Parkinson«, erläutert der Biologe Mel Feany. »Auf der Ebene einzelner Nervenzellen sind sich Insekt und Mensch erstaunlich ähnlich.«
Auch bei den tollpatschigen Insekten an der University of California, die gelegentlich sogar an ihrem eigenen Essen kleben bleiben, glauben die Forscher an Parallelen zwischen Fliege und Mensch. Biologe Zuker will neue Therapien für Gehörlose entwickeln: Die Fruchtfliegen sind taub und orientierungslos, weil bei ihnen ein Gen verändert wurde, das bestimmte Sinneszellen kontrolliert.
Dass Hören und Balancegefühl beim Menschen ähnliche genetische Grundlagen haben wie bei der Fruchtfliege, hält Zuker für mehr als wahrscheinlich: »Im Prinzip sind wir doch nichts anderes als eine große Fliege.«