Schädlinge Wird eng
Die Invasionsarmee näherte sich im Millimetertempo. Sie glitt kriechend den Südhang des 336 Meter hohen Ebelsbergs hinab, fraß bei ihrem Vordringen alles auf, was grün war, einschließlich der dort wachsenden Orchideen, und besetzte dann die Häuserzeile am Fuß des Berges.
Entsetzt und angeekelt beobachteten die Anwohner der Stettfelder Straße in der unterfränkischen Gemeinde Ebelsbach, wie Millionen dickleibiger Schwammspinnerraupen vorletzte Woche in ihre Gärten vordrangen, alles ratzekahl fraßen, sodann die Fassaden emporkrochen und durch Dachritzen in die Häuser gelangten.
Mit Klebestreifen auf dem Trottoir versuchten die Hausbesitzer, den Raupenanmarsch zu stoppen; die Feuerwehr hob Gräben aus, Mütter brachten ihre Kinder, um ihnen den Raupenhorror zu ersparen, zu Verwandten.
Fluchtgedanken hegten auch Frankfurter Spaziergänger letzte Woche beim Gang durch den örtlichen Stadtwald, wo die freßgierigen Raupen pfefferkorngroße Kotkugeln abließen und sich dann, als es nichts mehr zu fressen gab, selber herabfallen ließen. »Im Stadtwald regnen Raupen von den Bäumen«, warnte die Frankfurter Allgemeine Jogger und Flaneure.
Bis Ende letzter Woche, so die vorläufige Bilanz der Schädlingsplage, hatten sich die haarigen Schwammspinnerraupen in Rheinland-Pfalz, Hessen, Bayern und Baden-Württemberg auf mehr als 15 000 Hektar Wald- und Flurfläche fett gefressen. Zwischen Rüdesheim und Bamberg, Wiesbaden und Mannheim ragten blattlose Eichen und Buchen in den Himmel, waren Kiefern und Lärchen nadellos.
»Hier sieht es aus wie im Winter«, berichtete der Ebelsbacher Forstschutzbeauftragte Alfred Schöpplein. Im Frankfurter Umland urteilte Horst Marohn, Waldschutzreferent im hessischen Landwirtschaftsministerium, über eine baumbestandene Fläche von 150 Hektar: »Der Wald ist nackt, der Boden kahl, nur die Brennesseln stehen noch.«
Noch ist nicht absehbar, ob der großflächige Kahlfraß zu bleibenden Schäden führt. Unklar ist auch, welche Faktoren das explosionsartige Auftreten der Schwammspinnerraupe, die in dieser Menge erstmals in Deutschland beobachtet wurde, begünstigt haben. Strittig war bis Ende letzter Woche vor allem, ob grüne Bedenken gegen den Einsatz wirksamer Chemikalien und bürokratische Trägheit die Ausbreitung der Raupe begünstigt haben.
»Ihren Arsch nicht hochgekriegt« hätten die Naturschützer, klagte der Ebelsbacher Bürgermeister Emil Däschner, es habe an Beistand bei der Bewältigung der Raupeninvasion gefehlt.
Andere Betroffene wie Däschners Amtskollege Gerhard Wunderlich aus dem mittelfränkischen Ergersheim rügten die Arroganz der beamteten Naturschützer. Sie hätten »wieder einmal schlauer sein wollen als die Waldbauern«, als sie den Sprüheinsatz von Chemikalien gegen die Raupen in naturgeschützten Waldgebieten untersagten.
Nachhaltige Erfahrung mit der aus Japan stammenden Schwammspinnerraupe, deren Leibspeise das Eichenblatt ist, sammelten Insektenforscher und Förster in den USA, die in einem Turnus von etwa zehn Jahren mit der Raupenplage fertig werden müssen.
In Nordamerikas Eichenwäldern hält die Schwammspinnerraupe regelmäßig Kahlfraß. Sie war von Leopold Trouvelot 1869 aus Frankreich in die Neue Welt gebracht worden, mit dem Ziel, den Ertrag in der Seidenraupenzucht zu steigern.
Trouvelots Versuch mißlang, die Raupe blieb. Sie entwischte dem Vernehmen nach durch ein offenes Fenster des Trouvelot-Zuchtkellers in Medford (Massachusetts) und ist inzwischen auch auf der andern Seite des US-Kontinents, in Kalifornien, gesichtet worden.
Wirksam bekämpfen läßt sich der Schädling mit der häutungshemmenden Chemikalie Dimilin. Deren Einsatz wurde auch in Hessen und Franken erwogen, aber mangels genauer Kenntnisse über Wirkung und Nebenwirkung von Dimilin wieder verworfen.
Statt dessen ließen die hessischen Forstschützer Anfang letzten Monats in einer großangelegten Sprühaktion von Hubschraubern das Pflanzenschutzmittel »Btk« (Bacillus thuringiensis kurstaki) abregnen. Sein Wirkstoff, ein Eiweißkristall, greift das Verdauungssystem der Raupen an und tötet sie.
Den Btk-Nebeln fielen auch die Larven anderer Schmetterlingsarten zum Opfer (allein im Frankfurter Stadtwald 58 Arten), doch ansonsten sind schädliche Nebenwirkungen nicht bekannt. Btk wird innerhalb von 50 Minuten von der UV-Strahlung abgebaut.
Die Spray-Aktion verlief nach Angaben des promovierten Försters Marohn erfolgreich: »Wo wir gesprüht haben, ist der Wald noch grün.« Ob das so bleibt, steht noch dahin. Die mit Warzen besetzte Raupe habe »die Unart, sehr versteckt zu fressen«. Daß sie da war, so Marohn, werde häufig erst offenkundig, wenn der Baum kahl ist.
Ob die nun blattnackt dastehenden Bäume sich von dem Massenangriff erholen werden, ist ungewiß. Eichen, aber auch andere Laubbäume verfügen über einen natürlichen Erholungsmechanismus. Sie reagieren auf vorzeitigen Blattverlust mit einem zweiten Austreiben. Dieser Johannistrieb bricht sich in den nächsten Tagen Bahn. Zur gleichen Zeit beginnt auch die Verpuppungsphase der Schwammspinnerraupen.
Die Hauptfrage der nächsten Tage sei, so erläutert Marohn, was als erstes passiere: Treiben zuerst die Eichen nach, fallen ihre neuen Triebe den Raupen als Nachspeise anheim. Verpuppen sich hingegen die Raupen vorher, könnten die Bäume, wieder halbwegs gekräftigt, den nächsten Winter überstehen.
Marohn über den Wettlauf in der Natur: »Das wird eng.«