Wolf im Mann - DER SPIEGEL
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Psychologie Wolf im Mann

Die meisten Vergewaltiger sind unterdrückte Machos - Muttersöhnchen und Pantoffelhelden.
• aus DER SPIEGEL 8/1992
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was für eine Sorte Champion ist das?« fragte die britische Zeitung The Independent: »Es handelt sich offenbar um einen Mann, der seine Sexpartner mit derselben unbeteiligten Grausamkeit erledigt wie seine Gegner im Boxring.«

»Schuldig« lautete letzte Woche das Urteil der Geschworenen in Indianapolis, wo »Iron« Mike Tyson, Ex-Boxweltmeister im Schwergewicht, wegen Vergewaltigung einer 18jährigen vor Gericht stand. Der muskelbepackte Angeklagte, gut zweieinhalb Zentner schwer, empfing den Spruch der Jury mit stoischer Miene.

Tyson, der sich gelegentlich rühmte, in einer einzigen Nacht mit 24 verschiedenen Frauen geschlafen zu haben, bot auch vor Gericht das Bild eines »zügellosen Sexräubers« (so die britische Times).

Zeuginnen festigten den Ruf des Machos, der immer wieder durch frauenverachtende Manieren, aber auch durch Randale in Kneipen und auf der Straße auffällig geworden war - ein brutaler Vergewaltiger, wie er im Buche steht?

Keineswegs, behauptet eine Arbeitsgruppe von Psychologen, Medizinern und Humangenetikern, die sich mit den Psychoprofilen von Vergewaltigern befaßt hat: Nur eine Minderheit von ihnen, glauben die Freiburger Wissenschaftler, zähle zum Typ des aggressiven, unersättlichen und auch sonst stets gewaltbereiten Sextäters. Allenfalls sechs bis sieben Prozent der Notzüchter sind sexbesessene Ladykiller, die wie Tyson in plumper Gier über alles herfallen, was einen Rock trägt.

Weit mehr Vergewaltiger, rund zwei Drittel, gehören in die Kategorie des »angepaßt-aggressionsgehemmten Täters«, so die Freiburger Forscher: Bei diesen eher verklemmten Männern spielt der Sex nur eine Nebenrolle; sie wollen ihre Opfer vor allem unterwerfen und demütigen.

Die dabei angewendete Gewalt ist Mittel zum Zweck: Sie dient der Rache für vermeintliche oder wirkliche Verletzungen ihres männlichen Selbstwertgefühls, die sie im Laufe ihres Lebens durch dominierende Mütter oder Ehefrauen erfahren haben - als Muttersöhnchen und Pantoffelhelden.

Der innere Zusammenhang von Herrschaftswünschen und Sex, von gekränkter männlicher Eitelkeit und Vergewaltigung ist nach den Motivanalysen, die Sexualforscher in den vergangenen zehn Jahren durchgeführt haben, »fast schon eine Binsenwahrheit«, so der britische Sexualtherapeut Ray Wyre.

Neu ist jedoch, wie leicht auch bei unbescholtenen Männern sexuelle Erregung in Aggression umschlagen kann. Bei Versuchen in den Psycholabors kanadischer Universitäten etwa zeigten männliche Testteilnehmer einen deutlichen Verlust an Triebdruck, wenn ihnen statt harmonischer Softpornos Streifen mit Gewaltsex vorgeführt wurden.

Die Durchblutung ihres Penis, gemessen durch eine Art Blutdruckmanschette, nahm beim Betrachten der Gewaltszenen um rund 50 Prozent ab. »In der Regel«, kommentierte Howard Barbaree, Psychologe am Queen's College in Kingston, Ontario, die Ergebnisse, »behindert Gewalt die sexuelle Erregung beim Mann.« Ein durchaus potenter Vergewaltiger kam dagegen bei denselben Männern zum Vorschein, wenn die Wissenschaftler die Versuchsanordnung leicht veränderten. Dabei ließen sie Testmänner auf einem Trimmrad strampeln, bis ihnen der Schweiß auf der Stirn stand. Dann betrat eine Frau wie durch Zufall den Raum und ließ Abfälliges über die Tretleistungen der japsenden Sportler fallen.

Die Beleidigung weckte den Wolf im Manne. Als den Gekränkten anschließend TV-Pornos gezeigt wurden, gerieten sie auch bei brutalen Vergewaltigungsszenen in sexuelle Erregung. Um Mitleid bettelnde Frauen heizten die Lust noch an, von schlappem Penis keine Spur.

»Bei richtiger Kombination der Einflußfaktoren«, so die Forscher, »können die meisten Männer durch Gewaltsex stimuliert werden.« Häufig, so Barbaree, gaben die Vergewaltiger an, »tage- oder monatelang vor der Tat äußerst wütend und niedergeschlagen gewesen zu sein oder unter Minderwertigkeitsgefühlen gelitten zu haben. Sehr oft erzählen sie, daß der Auslöser für die Vergewaltigung die sexuelle Zurückweisung durch eine Frau war«.

Sex und Aggression liegen im Gefühlshaushalt der Männer offenbar sehr nahe beieinander. Das läßt sich durch eine Fülle von wissenschaftlichen Erkenntnissen belegen. So gilt das männliche Sexualhormon Testosteron nicht nur im Triebleben, sondern auch im Aggressionshaushalt als Steuersubstanz: Sexuell erregte Versuchspersonen, so zeigten Experimente, verabreichten Mitspielern, die für falsche Antworten bestraft werden sollten, durchweg stärkere Stromstöße als solche, die zuvor durch Sexfilme nicht in Stimmung gebracht worden waren.

Vergewaltigern aus der Gruppe der »angepaßt-aggresionsgehemmten Täter« ist mit triebdämpfenden Mitteln nicht beizukommen. Eine psychotherapeutische Behandlung könnte den verklemmten, von unterdrücktem Haß getriebenen Tätern helfen, mit ihren Aggressionen besser umzugehen. Doch oft gelten die angepaßten und harmlos wirkenden Männer nicht als therapiebedürftig. Dabei werden Wut-Vergewaltiger nach den Erfahrungen der Freiburger Forscher mit hoher Wahrscheinlichkeit rückfällig - trotz starker Schuldgefühle.

Durchaus folgerichtig, so die Psychologin Christa Lange-Joest, empfinden die Täter ihr Delikt als Vergehen gegen die Mutter oder die Ehefrau, die den Macho in ihnen stets kurzhielt.

Oft bestrafen sich die Vergewaltiger deshalb selbst: Sie lassen den Wagen am Tatort zurück oder drücken dem Opfer einen Zettel mit Namen und Adresse in die Hand.

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