Zwangsheirat mit Risiko - DER SPIEGEL
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HOCHSCHULEN Zwangsheirat mit Risiko

Die hessische Landesregierung will ausgerechnet die untereinander zerstrittenen Unikliniken Gießen und Marburg fusionieren und an einen privaten Konzern verkaufen. Gespannt verfolgen andere Klinikchefs den Ausgang des Experiments - viele Unikliniken stehen finanziell am Abgrund.
• aus DER SPIEGEL 7/2005
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sein Dienstgebäude versprüht den Charme der späten DDR. Die Farbe ist trostlos, es bröckelt der Putz.

Drinnen jedoch strahlt der Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Gießen große Zuversicht aus: »Ich glaube, wir wagen hier etwas ganz Besonderes«, sagt Hans-Michael Piper mit Stolz in der Stimme. »Wir sind ein Vorbild für ganz Deutschland.«

Was den ansonsten eher nüchternen Physiologen so euphorisch stimmt, ist eine gewagte Entscheidung der hessischen Landesregierung: Bis Mitte 2005, so verkündete Ministerpräsident Roland Koch kurz vor Weihnachten, werden die Universitätskliniken Gießen und Marburg zu einem »Medizinzentrum Mittelhessen« fusioniert - um dieses dann Anfang 2006 auch noch zu privatisieren. Spätestens bis Jahresende will die Regierung entscheiden, welcher Krankenhauskonzern den Zuschlag erhält. Die beiden Fakultäten sollen dabei unverändert bestehen bleiben und statt des öffentlichen künftig das private Klinikum für Forschung und Lehre nutzen.

Eine Privatisierung ganzer Unikliniken hat es in Deutschland nie zuvor gegeben. Bislang gibt es an ihnen nur einzelne private Bereiche, etwa das Herzzentrum in Leipzig. Wenn das hessische Großexperiment gelingt, könnte es tatsächlich Schule machen.

Denn seit Einführung des Fallpauschalen-Abrechnungssystems Anfang vergangenen Jahres stehen alle Unikliniken finanziell am Abgrund. Die neuen Vergütungen, die für alle Krankenhäuser gleichermaßen gelten, nehmen auf die mitunter komplizierten Fälle der Spitzenkliniken wenig Rücksicht. Niemand weiß, wie eine Uniklinik mit dem neuen System überhaupt noch schwarze Zahlen schreiben soll.

Gespannt schauen deshalb die öffentlich-rechtlichen Klinikvorstände aus ganz Deutschland nach Hessen: Kann eine

Fusion benachbarter Unikliniken, für die auch andernorts Pläne in den Schubladen liegen, das Schlimmste abwenden? Oder bringt erst eine Privatisierung die Rettung? Sind Gießen und Marburg wirklich ein Modell für den Rest der Republik?

Besonders heikel daran: Bei der Zwangsheirat stoßen zwei Welten aufeinander. Die Unikliniken liegen zwar nur etwa 30 Kilometer voneinander entfernt, doch sie könnten unterschiedlicher kaum sein: Auf der einen Seite die skandalumwitterte Uniklinik in Gießen mit maroder Bausubstanz und roten Zahlen - auf der anderen Seite das moderne Klinikum Marburg, das schwarze Zahlen schreibt und über einen modernen Gebäudekomplex verfügt.

Immerhin sind die Fusionsverhandlungen darüber, welcher Standort sich in welchem Fach worauf spezialisieren soll, nach eineinhalb Jahren weitgehend abgeschlossen. In der Urologie etwa soll in Marburg der Schwerpunkt Krebstherapie und in Gießen der Schwerpunkt wiederherstellende Operationen liegen.

Die privaten Klinikbetreiber sind auch keineswegs abgeneigt, sich die ungleichen Partner einzuverleiben. »Wir haben schon in unserem Geschäftsbericht 2001 veröffentlicht, dass wir sehr an Universitätskliniken interessiert sind«, sagt etwa Uwe Drechsel, Geschäftsführer der Helios Kliniken GmbH. Sein Konzern wolle dadurch seiner gesamten Klinikgruppe die besten Mitarbeiter sichern. »Und wir interessieren uns auch dafür, aktuelle Forschungsergebnisse schnell in die klinische Praxis umzusetzen.« Die Klinik Lich bei Gießen wiederum, die zur Asklepios Kliniken GmbH gehört, kooperiert schon jetzt eng mit dem Universitätsklinikum - für Hauptgeschäftsführer Tobias Kaltenbach ein »strategisch sinnvoller Schritt«.

Und auch Eugen Münch, Vorstandsvorsitzender der Rhön-Klinikum AG, hat bereits recht konkrete Vorstellungen entwickelt, wie ein Medizinzentrum Mittelhessen profitabel betrieben werden könnte. Sein Rezept heißt »Portalklinikum«.

Das Problem von Gießen und Marburg bestehe darin, so Münch, dass dort zu viele unterschiedlich schwere Fälle über den gleichen, teuren Kamm geschert würden. Sinnvoller wäre es, die Patienten am »Portal« - also dort, wo sie ins Klinikum hineinkämen - zu sortieren: in eine Klinik für Basisfälle, in eine weitere für komplizierte Fälle und in eine dritte für sehr komplizierte Fälle. Jede der drei Kliniken wiederum müsste über einen eigenen Personalschlüssel verfügen und unterschiedlich aufwendig ausgestattet sein. Münch: »Wenn Sie das durchrechnen, kommen Sie auf gigantische Sparpotentiale.«

Ursprünglich stammt die Idee mit der Privatisierung aus Gießen. Dekan Piper hat sie gemeinsam mit dem Kaufmännischen Direktor Werner Soßna, dem Ärztlichen Direktor Wolfgang Weidner und der Universitätsleitung entwickelt - aus purer Not heraus.

In Gießen wurde das letzte große Bauvorhaben vor 25 Jahren begonnen und nur teilweise fertig gestellt. Die meisten der rund 70 Gebäude sind inzwischen um die hundert Jahre alt. Erst kürzlich mussten Operationssäle geschlossen werden - die Fliesen lösten sich schon vom Boden und von den Wänden. Etwa 8 Millionen Euro betrug das Defizit der Uniklinik im vergangenen Jahr. Mindestens 200 Millionen Euro, schätzt Piper, müssten schnellstens in einen Neubau investiert werden.

Doch das Land war nicht bereit, in die marode Klinik frisches Geld zu stecken. »Wir müssten es sonst an anderer Stelle in unserem Haushalt einsparen«, sagt Joachim-Felix Leonhard, Staatssekretär im hessischen Wissenschaftsministerium. Als die Regierung in Wiesbaden dann auch noch begann, den Zusammenschluss mit Marburg vorzubereiten, brach in Gießen Panik aus. Weiter in öffentlicher Hand wäre der Standort gefährdet gewesen. »Wir standen vor der Alternative«, sagt Soßna: »Entweder wir gehen unter, oder wir suchen uns einen neuen starken Partner.«

Die privaten Betreiber, mit denen schon mal vorsorglich verhandelt wurde, stellten sogleich einen Neubau in Aussicht; sogar die Umstellung auf die Fallpauschalen, so die Hoffnung, könnte mit ihrer Hilfe gelingen. Inzwischen sind in Gießen außer dem Personalrat alle dafür, selbst der Universitätspräsident und der Bürgermeister. Und es gelang, der Landesregierung den Plan schmackhaft zu machen.

Die Marburger Klinik, die einer Fusion mit dem schwächeren Partner Gießen zunächst gelassen entgegensah, wurde von den Privatisierungsplänen kalt erwischt. »Das hat hier wie eine Bombe eingeschlagen«, sagt Wilfried Buckler, der Marburger Personalratsvorsitzende.

Überall im Klinikum hängen derzeit Plakate: »Nein zur Privatisierung! Wir werden uns wehren!« Die Marburger befürchten vor allem Personalabbau und Gehaltskürzungen. Die beiden Unikliniken sind die größten Arbeitgeber der gesamten Region. Die Marburger Stadtverordnetenversammlung sprach sich einstimmig gegen die Privatisierungspläne aus. Auch eine Bürgerinitiative hat sich gebildet.

Der Ärztliche Direktor Matthias Schrappe jedoch gibt sich betont gelassen: »Wir als Klinikumsvorstand sind sehr zufrieden mit der Entscheidung der Landesregierung.« Zwar sei eine Fusion auch unter öffentlicher Trägerschaft möglich gewesen. »Aber wenn Gießen allein privatisiert worden wäre«, sagt Schrappe, »wäre das für Marburg wegen des ruinösen Wettbewerbs eine Katastrophe geworden.«

Wie gut der Zusammenschluss wirklich klappt, wird sich erst in der Praxis zeigen. So sind die Universitäten und sogar die Städte Gießen und Marburg traditionell zerstritten. Ein Patient aus Gießen, so hat Weidner (der selbst aus Westfalen stammt)

beobachtet, würde eher ins entfernte Frankfurt als nach Marburg zur Behandlung fahren. »Das ist natürlich für einen Investor eine Hypothek«, sagt der Ärztliche Direktor.

Ob die Privaten zudem den mühsam ausgehandelten Fusionskompromiss uneingeschränkt übernehmen werden, wovon Staatssekretär Leonhard ausgeht, ist mehr als fraglich. »Es darf keine Bestandssicherung geben«, warnt bereits Rhön-Chef Münch.

Insbesondere die Zusammenarbeit zwischen einem völlig neu organisierten, privaten Klinikum und den weiter in Landeshand verbleibenden Fakultäten könnte schwierig werden. »Die Krankenversorgung, für die das Klinikum zuständig ist, sowie die Forschung und Lehre, die weiter bei den Fakultäten liegen, müssen miteinander verzahnt werden«, sagt der Marburger Dekan Bernhard Maisch, der der Privatisierung zurückhaltend gegenübersteht. »Deshalb wird es auf jeden Fall viele Reibungsflächen geben.«

Staatssekretär Leonhard fordert aus diesem Grund eine klare Trennung der Bereiche. Doch das im Einzelnen vertraglich auszuhandeln dürfte schwierig werden. Blieben die Ärzte etwa formell Angestellte des Landes, müsste der Betreiber wiederum dafür bezahlen, dass die Ärzte nicht nur forschen und lehren, sondern auch in der Krankenversorgung arbeiten. Aber festzustellen, welcher Arzt wo genau wie lange arbeitet, ist bei dem engen Zusammenspiel der verschiedenen Bereiche praktisch unmöglich.

Auch beim Inhalt von Forschung und Lehre sind Konflikte programmiert. Denn die Konzerne wissen genau, was sie interessiert und was nicht. »Reine Grundlagenforschung«, gibt Rhön-Chef Münch offen zu, »interessiert uns nicht.«

Und wenn er eine neue, moderne Behandlungstechnik einführen wolle, so Münch, gehe er damit nicht in ein akademisches Gremium, um diese durchzusetzen: »Ich hänge stattdessen lieber Würste auf und tätige die Investitionen dann selbst.« Auf diese Weise sei am Herzzentrum Leipzig ein eigener Operationssaal für minimal-invasive Roboter-Herzchirurgie entstanden.

Gerade letzteres Beispiel ist für Dekan Maisch jedoch eher abschreckend. Denn die minimal-invasive Herzchirurgie ist zwar bei Patienten höchst beliebt - doch bei vielen Herzchirurgen gilt sie wegen längerer Operationszeiten und oft höherer Komplikationsraten als medizinischer Irrweg. »Forschung«, sagt Maisch, »fängt eben nicht mit teuren Maschinen an, sondern mit der Idee im Kopf.«

Auch bezweifelt der Marburger Dekan, dass die vom Land finanzierten Forschungsbereiche von den Aktivitäten des privaten Klinikbetreibers unberührt bleiben: »Wenn im Klinikum neue Schwerpunkte gebildet werden, beeinflusst das automatisch die Forschung.«

Selbst Disziplinen, die nur wenig mit dem normalen Klinikalltag zu tun haben, wie die Virologie, könnten leiden. Denn dieser Lehrstuhl, so Maisch, werde für einen qualifizierten Bewerber finanziell erst dadurch attraktiv, dass er für das Klinikum virologische Routineuntersuchungen durchführt. »Aber was wäre«, fragt Maisch, »wenn ein privater Klinikbetreiber sagt: Diese Untersuchungen machen wir lieber billiger woanders. Dann würde der ganze Forschungsstandort Marburg leiden.«

Ohnehin dürfte die Privatliquidation, an der alle Klinikchefs gut verdienen, einer der heikelsten Punkte bei den anstehenden Privatisierungsverhandlungen werden. Und wie sollen künftig die Berufsverfahren der staatlichen Medizinprofessoren laufen, die ja zugleich die Chefs der privaten Kliniken sind? Zurzeit werden die Ordinarien ausschließlich von der Fakultät bestimmt - und das soll nach dem Willen von Staatssekretär Leonhard auch so bleiben. Doch ob es sich ein privater Betreiber wird bieten lassen, dass akademische Gremien die Chefärzte seiner Kliniken aussuchen, ist mehr als fraglich. Helios-Geschäftsführer Drechsel warnt bereits davor, an diesem Punkt »vertraglich Zäune hochzuziehen«.

Doch nicht nur die Forschung, auch die Lehre würde sich vermutlich - trotz formeller Trennung von Klinik und Fakultät - tiefgreifend ändern. »Die Privatisierung wird für uns nicht ohne Folgen bleiben«, ahnt Jessica Rüddel von der Fachschaft Medizin in Marburg.

Helios-Geschäftsführer Drechsel kann sich denn auch vorstellen, dass die Studenten schon im Studium etwas über das Unternehmen erfahren. »Und was spricht eigentlich dagegen«, fragt der Konzernlenker, »dass wir später sogar eine Fakultät samt Forschung und Lehre komplett übernehmen?« VERONIKA HACKENBROCH

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