Zwei Alter, 49 und 19 - DER SPIEGEL
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Zwei Alter, 49 und 19

Vor 19 Jahren hatte der Arzt Volker Perlitz einen Badeunfall. Seither ist er querschnittsgelähmt. Heute arbeitet er am Universitätsklinikum Aachen - und erlebt dankbar jeden Tag seines Lebens. VON VERONIKA HACKENBROCH
• aus SPIEGEL Wissen 1/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist an einem Freitagnachmittag passiert, zwei Tage bevor Deutschland zum dritten Mal Fußballweltmeister wurde. Ich war Postdoktorand in den USA und verbrachte gerade ein paar Tage bei einem Bekannten in North Carolina. Es war mörderisch heiß an dem Tag. Vormittags war ich noch Joggen gewesen. Für den Nachmittag hatte mich der Schwager meines Bekannten an den Swimmingpool seiner Eltern eingeladen. Wir haben rumgeplanscht, gewetteifert, wer den größten Platscher vom Sprungbrett machen kann.

Dann habe ich zu einem ganz großen Sprung angesetzt, wollte einen Salto machen. Aber das Sprungbrett hat mich viel höher hinauskatapultiert, als ich es erwartet hatte. Ich bin daher nicht wie beabsichtigt mit den Füßen zuerst ins Wasser eingetaucht, sondern mit dem Kopf. Weit vorn im Schwimmbecken, wo es flacher wurde, schlug ich mit dem Kopf auf. Dabei spürte ich einen vernichtenden Schmerz im Genick. Und dann merkte ich: Wie ein Reißverschluss, der von unten nach oben zugezogen wird, so ging das Gefühl aus meinem Körper raus. Dann konnte ich nur noch mit den Händen flattern. Ich wusste sofort, was Sache war. Ich hab schon im Wasser losgeschrien vor Wut.

Volker Perlitz ist 30, als der Unfall passiert. Ein 1,90-Meter-Mann, strotzend vor Kraft und Energie. Ein ehemaliger Pfadfinder und Amateurboxer. Einer, der sich nicht gern etwas sagen lässt. Der das macht, was er will. Der keinen Rückwärtsgang kennt. In Aachen hat er Medizin studiert. Danach geht er zum Forschen in die USA, an das Medical College of Georgia in Augusta. Er ist viel unterwegs in der Natur, hat immer eine Freundin, manchmal auch zwei. Danach will er zurück nach Europa gehen. Später heiraten, eine Familie gründen, Hausarzt werden. Weil er dann keinen Chef über sich hat.

Ich lag neben dem Swimmingpool und hörte meinen Bekannten schreien: »Get an ambulance!« Ich sagte den Sanitätern selbst die Diagnose: »I broke my fucking neck!« Dann ging's zur Uniklinik. Ich stand unter Schock, das ging ins Koma rein und wieder raus, rein, raus, rein, raus. Aber schon am Tag danach habe ich gesagt: »Ich mach so weiter wie bisher - ich mach das, was mir gefällt im Leben!«

Perlitz hat einen kompletten Querschnitt im Bereich des sechsten Halswirbels. Er kann seine Beine nicht mehr bewegen, seine Arme sind geschwächt, die Hände ohne Kraft. Der Großteil seines Körpers ist gefühllos geworden. Blase und Darm kann er nicht mehr kontrollieren. Normaler Sex ist unmöglich. Aber daran denkt er in dem Moment noch gar nicht. Um seine Wirbelsäule zu stabilisieren, muss er mehrfach operiert werden. Vier Tage nach dem Unfall sind seine Mutter und sein älterer Bruder aus Deutschland bei ihm. Ohne Hilfe kann er nicht mehr leben.

Mitte, Ende August begann die Reha. Damals war gerade Saddam Hussein in Kuwait einmarschiert. Zur Reha gehörte es auch, zum Schießstand zu gehen. Was für ein Schock - auf vielen Zielscheiben war das Gesicht Saddams drauf! Wir haben sogar einen Jagdausflug gemacht. Lauter Rollstuhlfahrer. Wer die Arme nicht bewegen konnte, konnte mit einer Spezialvorrichtung das Gewehr mit dem Mund bedienen. So hat einer sogar ein Reh geschossen.

Es gibt keine Probleme, nur Lösungen. Diese Lebenseinstellung der Amerikaner liegt Perlitz. Sechs Monate nach dem Unfall ist er zurück im Labor. Er versucht, seine Forschungsarbeiten abzuschließen, dann fliegt er zurück nach Deutschland. Zunächst wohnt er bei seinen Eltern. Er merkt nicht immer, wie wichtig die Familie für ihn ist, und will unbedingt wieder selbständig sein, unabhängig, sein eigenes Leben führen. Sein Doktorvater in Aachen nimmt für ihn Kontakt mit der neugegründeten Psychosomatik des Universitätsklinikums auf. 1992 kann Perlitz dort anfangen. Er stürzt sich in die neue Arbeit. Ein Jahr nach dem Unfall heiratet er sogar, eine Krankenschwester, die er in den USA kennengelernt hat.

Eine Großtante, auf deren Urteil ich sehr viel gab, soll dazu gesagt haben: »Jetzt ist der Junge vollständig verrückt geworden!« Die Ehe ging drei Jahre später in die Brüche. Ich bin in den ersten Jahren nach dem Unfall mit irrem Dampf ins Leben zurückgekehrt. Das hat mich einerseits stabilisiert. Aber es war andererseits ein Unmöglichkeitsprogramm: Weitermachen, als wäre nichts passiert! Vor der Realität musste ich während der ersten drei Jahre regelrecht die Augen verschließen. Wenn ich morgens mit dem Rollstuhl zur Klinik gefahren bin und dabei mein Spiegelbild in einem der großen Fenster fahren sah, musste ich wegsehen. Wie sehr ich mich tatsächlich verändert hatte, wurde mir erst klar, als mir eines Tages ein alter Kommilitone über den Weg lief. Den hat es förmlich umgeschlagen. Der musste sich, klatsch, setzen. Der war weiß geworden, sprachlos.

Die Arbeit ist jetzt notgedrungen das Zentrum in Perlitz' Leben. Er arbeitet mit Patienten, baut ein Labor auf, lehrt. Hat erste Erfolge. Seine Tage sind voll.

Arbeit - das war schon immer ein Lebensauftrag für mich. Aber irgendwie war ich auch ein Getriebener. Schon vor dem Unfall hat mir eine Freundin mal gesagt: Kennst du die Fernsehserie »Dr. Kimble auf der Flucht«? So kommst du mir manchmal vor. Immer nur: da, da, da, da, da. Nach dem Unfall ist das nicht anders. Ruhe - das kam oft zu kurz.

Ist er noch der, der er war? Was ist vom alten Ich geblieben? Und was ist unwiederbringlich verloren? Weil dies zu seiner Ausbildung in der Psychosomatik gehört, beginnt Perlitz eine Psychotherapie.

Ich war damals so wütend, ich hätte die Welt in Stücke hauen können! Die Wut, so abhängig zu sein! Die Wut, Sex zu wollen, aber nicht wie gewohnt haben zu können! Ich hatte keinen Zugang zu dieser Wut, aber sie war trotzdem in mir drin. Irgendwann saß ich mal am Computer und schrieb fast unbewusst den Satz: »Ich bin traurig.« Da musste ich zum ersten Mal nach vier Jahren Rollstuhl weinen.

Der Unfall, merkt Perlitz, war auch ein Start bei null. Heute habe er innerlich zwei Alter - 49 und 19. Nach dem Unfall, sagt er, war er auch erst mal wieder ein Kind, das langsam reifen musste, zu sich finden, erwachsen werden.

Wenn ich an meinen Unfall denke, fällt mir auch das Bild von einem dicken Seil ein. Fürchterlich viel ist durchgerissen, aber trotzdem: Die beiden Seiten hängen noch an ein paar Strippen zusammen. Ja, da ist schon etwas, das bleibt. Ich spüre bei mir einen ziemlich soliden Kern. Der Pfadfinder in mir zum Beispiel, meine ganze eigene Geschichte und die meiner Familie, alles, was daran sinn- und identitätsstiftend ist. Der Spaß an der Arbeit, mein Glaube an Gott - und auch mein Geschmack, was Frauen angeht! Dass es auch oft die anderen sind, die den Kern so stabil machen, das ist mir allerdings erst später klargeworden. Manche von den gerissenen Seilsträngen können auch wieder zusammenwachsen. Mein Beruf zum Beispiel: Bei beiden, beim Psychosomatiker und beim Hausarzt, ist es die Beziehung zum Patienten, die wichtig ist. Und auch der Körper, so wie er jetzt ist, konnte irgendwann wieder meiner werden.

2002 fährt Perlitz mit seinem Auto an die belgische Küste. Die Sitzheizung ist defekt, doch weil sein Körper gefühllos ist, merkt er es nicht. Als er nach zwei Stunden ankommt, hat er schwerste Verbrennungen erlitten. Monatelang liegt er in der Klinik, schwebt zwischen Leben und Tod. Danach ist seine Belastbarkeit weg, zum ersten Mal fühlt er sich wirklich behindert. Er arbeitet weiter, voll. Doch mehr denn je fühlt er sich wie ein Getriebener, hat auch Angst, dass alle Mühen umsonst gewesen sein könnten. 2006 wird bei ihm Darmkrebs diagnostiziert.

Da habe ich gedacht: Scheiße! Es reicht mir! Es reicht mir echt! Aber dann, dann konnte ich plötzlich loslassen. Ich konnte endlich sagen: Nö, es muss nicht so sein, es geht auch anders. So nicht mehr! Ich habe meine Arbeit zurückgeschraubt. Ich muss nicht mehr mit dem Kopf durch die Wand, ich lass auch mal laufen. Jetzt, heute leben. Ich genieße einfach den Tag. Ich war im Laufe der Zeit auch auf bestimmte Menschen tierisch wütend und sauer gewesen. Darauf hatte ich jetzt keinen Bock mehr. Verzeihen, verzeihen, verzeihen! Ein ganz wichtiges Ding. Heute bin ich einigen Menschen unendlich dankbar für das, was sie für mich tun. Und das macht frei!

Der Krebs ist nicht wieder aufgetreten. Perlitz gewinnt Zuversicht. Vor einigen Jahren hat er eine Frau kennengelernt. Dieses Jahr wollen die beiden heiraten.

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