Autosymphonic: Konzert auf dem Großparkplatz
Autosymphonic Melodie der Motoren
Autos machen Lärm. Sie brummen, bollern, hupen, scheppern, orgeln, dröhnen, kreischen - und wenn man mit den Fingernägeln übers Armaturenbrett oder die Sitze kratzt, gibt es auch ein schön-hässliches Geräusch. Lui Ludwig hat sich mit diesem speziellen Ton ausführlich beschäftigt. Der Dozent für Schlagzeug an der Popakademie Baden-Württemberg ist der musikalische Leiter des Projekts "Autosymphonic", koordiniert in diesem Zusammenhang 120 Percussionisten und spielt selbst in einem vierminütigen Trio-Part den "Leatherscratch" - also jenes Schaben der Fingernägel über einen ledernen Autositz.
Autosymphonic? So heißt ein gigantisches Musikprojekt, das heute abend auf dem Friedrichsplatz in Mannheim welturaufgeführt wird. Die Großveranstaltung, zu der 20.000 Besucher erwartet werden, soll der Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 125. Geburtstag des Automobils werden. Denn 1886 erhielt der Mannheimer Tüftler Carl Benz das Patent für sein "Fahrzeug mit Gasbetrieb" - sozusagen die Geburtsurkunde des modernen Autos. Die Stadt Mannheim hatte das Werk beim zyprischen Komponisten Marios Joannou Elia in Auftrag gegeben, das diesen Anlass würdigen sollte.
Es entstand Autosymphonic, ein einstündiges Multimediaspektakel mit klassischem Orchester, modernem Chor sowie 81 Automobilen, die von gut hundert jugendlichen Percussionisten bespielt werden: durch Blechklopfen, Türenschlagen, Hupen, Anlassen und Streichen über Speichenräder, Kotflügel oder Sitze. Flankiert wird die akustische Mélange von einer Videoshow auf einer 400 Quadratmeter großen LED-Leinwand und visuellen Effekten auf den Häusern rund um den Friedrichsplatz.
81 Autos wurden für die Welturaufführung ausgewählt
Die Stars der Show sind natürlich die Autos. Das Casting der passenden Fahrzeuge begann im Juli vergangenen Jahres. Komponist Elia wählte die Typen aus, die dann ein Team von Helfern bei Autoclubs, in Museen und bei Privatpersonen aufstöberte. Welcher Ton von welchem Automodell während der Aufführung erklingt, wurde in aufwendigen Tests ermittelt, damit Tonhöhe und Taktfrequenz sich harmonisch in das große Ganze einfügen. Auch die Platzierung der Autos ist keineswegs willkürlich zustande gekommen. Wo sie auf dem Platz stehen, in welche Richtung die Scheinwerfer zeigen und wie hoch das jeweilige Podest gezimmert werden musste, wurde von Elia und seinen Tontechnikern exakt festgelegt. Teilweise stehen die Autos auf 4,50 Meter hohen Podesten.
Chef-Schlagzeuger Lui Ludwig kümmerte unterdessen um die Schulung der Percussionisten. Geübt wurde mit Autos, die gerade da waren. Erst unmittelbar vor der Veranstaltung konnten die jungen Rhythmiker an den Original-Fahrzeugen für die Aufführung proben. Zum symphonischen Fuhrpark gehören zum Beispiel ein Porsche 356 A Coupé von 1956, ein Messerschmitt Tiger Kabinenroller, ein Trabant, ein Amphicar, ein Aero 662-R18, ein Mercedes Benz 190 SLR, ein Ferrari 458 Italia, ein Typ des Elektroautos Mia sowie zwei Traktoren, ein Unimog, mehrere Lkw und ein Doppelgelenkbus mit Hybridantrieb. Natürlich ist auch eine Replika des Patent-Motorwagens von Carl Benz mit von der Partie - beim großen Finale.
Eine musikalisch-visuelle Zeitreise durch 125 Jahre Autogeschichte
Das Stück selbst beschreibt Ludwig als "dramatisch und tragisch". Insgesamt handelt es von der Geschichte des Automobils von den Anfängen bis in die Gegenwart und Zukunft - und im Subtext über die Auseinandersetzung zwischen Mensch und Maschine, wie die Macher erklären. Im Vorprogramm von Autosymphonic tritt übrigens die Popgruppe "Söhne Mannheims" auf.
Es ist also alles bereitet. Sogar der TÜV hat sämtliche 81 an dem Spektakel beteiligten Fahrzeuge noch einmal überprüft. Was soll da noch schief gehen? "Das Wetter", sagt Ludwig. "Aber übers Wetter spricht man hier nicht." Der Deutsche Wetterdienst in Offenbach meldet für Mannheim am Samstagabend trockenes Wetter und Temperaturen zwischen 20 und 28 Grad.