Blech an Blech: Der Stau ist mein Job - DER SPIEGEL
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Blech an Blech Der Stau ist mein Job

Ihr Revier sind Deutschlands Autobahnen: Wenn alle Räder stillstehen, fängt für Stauberater die Arbeit richtig an. Entnervte Familien muntern sie mit Tipps, Getränken, Spielzeug auf. Maria Huber (Text, Fotos) und Leila Knüppel (Video) begleiteten ADAC-Mitarbeiter auf dem Motorrad durch den Stau.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Torsten Falinski packt Schnuller in die Seitentaschen seines Motorrads. Landkarten folgen, dazu kaltes Wasser, Capri-Sonne und Memory-Spiele. Dann lässt er die Maschine an und fährt los. Der Verkehrsfunk aus der eingebauten Radioanlage dröhnt: "...und dann haben wir noch 14 Kilometer ab Maschen bis zum Kreuz Süd." Da will er hin.

Falinski ist einer von 14 Stauberatern in Hamburg. Deutschlandweit gibt es 140 Motorradfahrer, die sich von Juni bis September von Freitagmittag bis Sonntagnachmittag im Auftrag des ADAC durch den Stau schieben und Liegenbleiber beraten, Getränke verteilen, eine bessere Route empfehlen.

Heute ist es noch ruhig. Mit 30 Kilometern pro Stunde schiebt sich der Stauberater durch den dichten Verkehr, kein Stau, es fließt zäh, Liegenbleiber gibt es bisher keine zu betreuen. Denen muss er sonst oft sagen, wo sie sind. "Heute ruft jeder mit seinem Smartphone den Pannendienst, wenn der dann fragt, wo man steht, haben viele keine Ahnung." Falinski schaltet die Warnblinkanlage ein und wechselt auf den Standstreifen. "Da darf die Konzentration nie nachlassen. Viele schauen auf den Standstreifen, und wohin man schaut, dorthin fährt man ja auch."

Stau, Elbtunnel, Urlaub - das gehört zusammen

Er ist froh, als er an der Raststätte Brunautal abfährt. Die zwei Kurven bei der Unterquerung der Autobahn nutzt er mit Schwung aus, ein seltener Genuss. An der Raststätte halten die Autofahrer, die gen Norden unterwegs sind. Richtung Stau, Elbtunnel, Urlaub - eine unumgehbare Reihenfolge. Falinski stellt das Motorrad ab, zieht die Jacke aus: "Sonne und ein paar Wolken so wie heute, das ist eigentlich mein Lieblingswetter. Trotzdem schwitzt man immer enorm." Fast jede Stunde muss er Pause machen, die Konzentration darf nicht nachlassen.

Fotostrecke

Stauberater: Die Karawane kriecht weiter

Foto: Maria Huber

Er betritt einen gelben Container: "Hallo Detlef, wie ist die Lage heute?" "Hallo Torsten! Wir haben ein paar Problemstellen, aber alles löst sich eigentlich schnell in zähen Verkehr auf", sagt der weißhaarige Mann. Detlef Renner gehört zum Bodenpersonal, als feste Anlaufstation für die Stauberater. In seinem knallgelben ADAC-Container laufen die neuesten Staumeldungen zusammen. An diesem Wochenende enden die Sommerferien in zwei Bundesländern, in drei weiteren sind sie demnächst vorbei. Die A7 zwischen Hannover und Hamburg ist ein notorisches Staurevier.

Alle fünf Minuten pingt Renners Computer, er scrollt kurz durch neue Mails und hat die Lage wieder im Blick. Wir haben hier einen direkten Draht in die Elbtunnel-Zentrale", sagt der Rentner, 68. Als unter dem Sonnenschirm vor dem Container ein Mann auftaucht, geht er ins Freie: "Wie kann ich Ihnen helfen?", fragt er mit einem Lächeln auf seinem braungebrannten Gesicht. "Ich will zur Holsten-Rallye", sagt Ulrich Rogga und zeigt auf seinen roten Fiat X 1/9 Bertone auf dem Anhänger. "Da müssen wir mal sehen", sagt Renner, zückt seinen orangefarbenen Textmarker und beugt sich über die Karte auf dem Tresentisch. "Wo wollen Sie denn da genau hin?"

"Um 17 Uhr muss ich da sein" - Rogga zieht mit dem Finger eine Linie von Hamburg bis fast nach Fehmarn. "Schwierig… da könnte man vielleicht Garlstorf runter und über Winsen, aber in zwei Stunden wird das knapp", so Renner. "Alles klar, danke trotzdem, dann sehe ich jetzt mal zu, dass ich loskomme", sagt Rogga schon im Weggehen. Renner macht einen weiteren Strich auf seiner Liste, auf der er mit dem Bleistift säuberlich seine Beratungen zählt: 65, es ist der letzte in einem Fünferblock.

Stau zu gewinnen

"In den meisten Fällen ist es besser, auf der Autobahn zu bleiben", sagt Renner. Das empfiehlt der ADAC bei bis zu 15 Kilometern Stau. Schon vor 16 Jahren begann Renner als nebenberuflicher Stauberater und machte weiter, als er vor ein paar Jahren in Rente ging. "Was kriegt man denn heute schon? Ich dachte mir, das ist prima, da kann ich meine Rente aufbessern." Eine Frau in bunt karierter Bluse und Sonnenbrille im Haar kommt auf Renner zu. "Was kann man denn hier gewinnen?" "Einen Stau!" Das sagt er immer. Sie ist mit dem Bus da, weiterhelfen kann er ihr nicht.

Tipps vom Stauforscher

Als ihre Mitfahrer mit den Toiletten-Gutscheinen in den Kiosk strömen, macht sich Petra Bergmann bereit: Mit roter Schildmütze und Schürze steht sie hinter der Kaffee-Theke, seit drei Jahren. Stau, genervte Autofahrer? Halb so wild. Sie verliert keine unnötigen Worte und macht Kaffee. An guten Tagen, die für die Urlauber schlechte sind, um die 150 Tassen. Sie kassiert zwei Eis ab, der zweite Bestseller.

Hundert Meter weiter steht Herbert Springer im Brunautaler Snack Express, mit Hot Dogs, Hamburgern, Cheeseburgern. "Ich versuche immer, die Leute runterzubringen, ein flotter Spruch hilft meistens." Damit niemand aufs Essen warten muss, hat er seine Strategien. "Wenn sich die Leute vom ADAC-Container Essen holen, sagen sie uns Bescheid, sobald sich der Stau aufgelöst hat. Dann weiß ich: Jetzt kommen sie bald", und er legt ein paar Würstchen nach. Springer macht den Job schließlich schon seit fünf Jahren.

"Die Maschine kannst du nicht halten"

Für Stauberater Torsten Falinski geht es weiter. Zwischen Lkw hindurch, plötzlich zieht einer heraus, Falinski weicht aus. "Gefährlich wird es schon manchmal", sagt er. "Die sehen uns ja kaum mit der schmalen Silhouette." Auch umgefallen ist er mit dem Motorrad schon öfter - "die Maschine kannst du nicht halten, das ist ein Auto auf zwei Rädern."

Kein Vergleich zu der Kawasaki, die er privat fährt. Doch dazu hat er kaum noch Zeit, vor allem in den Sommermonaten, wenn er neben seinem Job als Beamter nebenberuflich Stauberater ist, seit 16 Jahren. Die Fahrbahn verengt sich. Baustelle. Da ist kein Durchkommen, kein Standstreifen, da steht auch ein Stauberater. Als es immer langsamer wird, wird der Song im Radio lauter: "You must keep moving ahead...".

Rasthof Stillhorn, Falinski fährt ab. Er freut sich auf seine Lieblingsbeschäftigung, sie macht die gefährlichen Fahrten auf der Autobahn wett. Eine junge Familie legt eine Auszeit vom Stau ein. Falinski schnappt sich ein Memory, ein Flugzeug zum Bemalen und Capri-Sonne. "Möchtest du was zum Spielen haben?" fragt er das dreijährige Mädchen mit der gelben Schirmmütze. "Jaaaaa!" - "Und wie heißt du?" - "Paula. Und wir fahren an die Ostsee, und weißt du, ich kann auch meinen Sitz so nach hinten machen und dann liegen und…" Falinski grinst sie an, auch die Eltern sind wieder bester Laune. Dann gibt es noch zwei Capri-Sonnen für Paula. Mission erfüllt.

Schon hält ein Ehepaar aus Spanien mit zwei kleinen Zwillingen: "Everything okay?", fragt Falinski. Staus sind international. Der Familienvater hat keine Karte, der Stauberater sucht kurz, die Familie fährt weiter. Oft sind es nicht nur Karten und Kinderspiele: "Dass jemand da ist, der beruhigt und sagt, dass alles nicht so schlimm ist, entspannt die Leute schon", sagt Falinski.

Und wenn er selbst im Stau steht? "Da bin ich völlig ungehalten!"

KarriereSPIEGEL-Autorin Maria Huber (Jahrgang 1983) ist freie Journalistin in Hamburg. Am liebsten schreibt die gebürtige Bayerin über alle Themen rund um Gründung und Selbständigkeit und geht im Web und in sozialen Netzwerken auf die Suche nach Wissenswertem zum Arbeitsmarkt 2.0.