Rentner spielen Ego-Shooter: Mach Tee, not war! - DER SPIEGEL
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Rentner ballern los: Gerlinde und Irma gegen die Taliban

Foto: André Forner

Rentner spielen Ego-Shooter Mach Tee, not war!

Eingeheizt haben die Rentner Irma, Gerlinde, Heinz und Ursel bisher wohl nur ihrem heimischen Kamin - doch heute sind die Taliban-Kämpfer an der Reihe. Für das Jugendmagazin "Spiesser" testen die Rentner ein Ego-Shooter-Spiel und fremdeln heftig mit der kriegerischen Materie.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Minen, Granaten, Kanonen - diesmal begibt sich das Rentner-Kompetenz-Team aufs virtuelle Schlachtfeld, lässt dabei aber nicht die Realität aus den Augen. Das Rentner-Kompetenz-Team testet das Ego-Shooter-Spiel "Call of Duty".

Grünes Ledersofa und Strukturtapete mit Blümchen. Auf dem Sofa eine lächelnde Porzellanpuppe. Wir befinden uns im Wohnzimmer von Gerlinde. Hier werden heute schwere Geschütze aufgefahren.

Gerlinde: Mensch Ursel, wenn dich das hier zu sehr aufregt, guckste einfach auf die Puppe da hinten.

Der Xbox-Controller und Gerlinde gehen auf Tuchfühlung.

Gerlinde: Ich halte das jetzt also praktisch wie eine Waffe, oder? Gegen wen kämpfen wir überhaupt?

Gegen die Taliban. Wir befinden uns mitten in einem Ausbildungscamp der US Army. Dreck wirbelt uns um die Ohren - allerdings nur auf dem Bildschirm.

Gerlinde: Und sowas spielen die Jugendlichen heute?

Irma: Wenn die jungen Kerle mal zur Bundeswehr gehen, dann ist das vielleicht angebracht. Aber ich als Oma?

Ursel: Ich will da nicht mitmachen. Ich hatte schon genug Krieg.

Gerlinde will ihre "Waffe" loswerden. Mit wackligen Händen hält sie Irma den Controller unter die Nase.

Gerlinde: Wollt ihr mal?

Irma: Das kommt gar nicht in Frage!

Ursel: Geh bloß weg damit! Um Gottes Willen, das ist nichts für mich!

Also muss Gerlinde ran. Sie zielt. Die anderen rutschen ungeduldig auf dem Sofa hin und her.

Irma: Mach schon! Komm mach!

Gerlinde: Nein, das kann ich nicht.

Ursel: Och Gerlinde, schieß doch endlich!

Gesagt, getan...

Heinz (entsetzt) : Du machst aber ganz schön Stunk, Gerlinde!

Zeit fürs nächste Level: Vom Übungsgelände ins richtige Kreuzfeuer. Nebenbei macht sich einer aus dem Staub. Heinz hat die Nase voll.

Heinz: Jugendliche halten das wohl für ein großes Vergnügen, aber ich war dabei, als im Zweiten Weltkrieg die Schüsse fielen. Das ist eine völlig andere Wirklichkeit! Dieses Spiel ist einfach zu extrem! Früher gab es sowas nicht, dass Jugendliche Krieg nachspielen wollten.

Die Wohnzimmertür fällt ins Schloss. Heinz hat den Raum verlassen. Unbeeindruckt zocken die drei verbliebenen Damen weiter.

Ursel: Du hast ja schon ziemlich viele um die Ecke gebracht!

Irma: Das schaut ziemlich realistisch aus. Sicher ist das da unten in Afghanistan auch so.

Gerlinde: Die ballern doch nicht die ganze Zeit durch die Gegend. Das Spiel ist überhaupt nicht echt.

Der Jugendzeitvertreib scheint bei den Rentnern nicht hoch im Kurs zu stehen.

Ursel: Also für Rentner ist das nüscht!

Irma: So ein Spiel würd ich mir nicht kaufen!

Blut bedeckt den ganzen Bildschirm. Langsam beginnt es, in Gerlinde zu brodeln.

Gerlinde: Warum will sich jemand überhaupt sowas kaufen? Die Jugendlichen sollen sich lieber Geschichtsdokus anschauen anstatt sowas hier zu spielen. Das sollte wirklich verboten werden!

Irma: Das bringt doch nichts. Die holen sich die Spiele von sonst woher, aus Polen und Tschechien vielleicht.

Gerlinde: Ach Quatsch! Das muss einfach alles verboten werden. Meine Enkel würden von mir nicht so ein Spiel geschenkt bekommen.

Irma bricht eine Lanze für die Jugend.

Irma: Die Jugend heute ist auch nicht gewaltbereiter als früher. Ich lebe in einem Haus mit acht anderen Familien. Die Jugendlichen sind alle friedlich, überhaupt nicht gewalttätig.

Der Bildschirm flackert ein letztes Mal auf. Ein dumpfer Schuss mitten ins Herz eines vermeintlichen Talibankämpfers und dann ist das Spiel vorbei.

Gerlinde: Will noch jemand einen Keks? Oder ein Tässchen Tee?

Von "Spiesser"-Autorin Louisa Winkler, 16