Austausch-Log Mexiko: Mein Haus ist dein Haus - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Austausch-Log Mexiko: "Alles ist anders"

Foto: Katharina Othmer

Austausch-Log Mexiko Mein Haus ist dein Haus

Austauschschülerin Katharina Othmer, 16, steigt in Mexiko aus dem Flieger und hat vier Millionen neue Nachbarn. Die Mexikaner begrüßen sie mit Luftkuss und laden sie nach Hause ein. Nur Katharina muss noch lernen, wie sie Mexikaner richtig einlädt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Um acht Uhr morgens habe ich es geschafft. Ich steige aus dem Flugzeug, suche meinen Koffer und gehe in die Empfangshalle. Dort steht sie, meine neue mexikanische Familie. Vater, Mutter, Bruder, Schwester. Mein Gastvater Antonio hält ein Schild in der Hand: "Herzlich Willkommen Katharina". Endlich in Mexiko. Ich grinse und höre gar nicht mehr auf. Ich brauche nicht viel Zeit, um Mexiko in mein Herz zu schließen.

"Ich bin Katharina, Austauschschülerin aus Deutschland und lebe jetzt für ein Jahr in Guadalajara." Immer wieder habe ich mich in der neuen Schule und Nachbarschaft mit diesem Satz vorgestellt und erklärt, wo meine Stadt liegt, und dass es kein Wunder ist, dass kein Mexikaner sie kennt. Schließlich hat sie nur 25.000 Einwohner.

Daraufhin fragten sie immer wieder: "Wie war noch der Name deines Dorfes?" Ja, mein Dorf! Alles unter eine Million Einwohner ist in Mexiko ein Dorf, erklärte mir mein Gastbruder. Guadalajara ist die Hauptstadt des Bundesstaates Jalisco und die zweitgrößte Stadt Mexikos. Ich habe jetzt ungefähr vier Millionen Nachbarn.

Alles sieht anders aus, schmeckt anders, riecht anders

In Deutschland habe ich mal eine mexikanische Austauschschülerin gefragt, was die größten Unterschiede zwischen Mexiko und Deutschland sind. "Alles!", sagte sie. "Jaja, klar", dachte ich damals. "Geht es noch etwas ungenauer?" Doch sie hatte Recht. "Alles ist anders", ist eine ziemlich treffende Beschreibung. Alles sieht anders aus, schmeckt anders, riecht anders. Die Straßen sind größer, voller und huckeliger. Das Essen ist schärfer. Die Häuser sind kleiner, bunter und haben flache Dächer.

Und die Menschen sind auch anders. Sie empfangen mich hier sehr herzlich - herzlicher als ich es aus Deutschland kenne. Begrüßt werde ich mit einem "Beso", wobei die Wangen sich berühren und man in die Luft küsst. Und ich werde auch schneller eingeladen als in Deutschland. "Mi casa es tu casa" ("Mein Haus ist dein Haus"), höre ich hier oft. Nur mit der Pünktlichkeit nehmen es die Mexikaner nicht so genau. Zu offiziellen Einladungen und in die Schule kommen sie zwar rechtzeitig, aber wenn sie sich mit Freunden treffen, treffen sie gern eine halbe Stunde zu spät ein. Und wenn sie abends zu einer Feier oder einem Treffen eingeladen sind, ist es Pflicht, zu spät zu kommen. Wenn sie den überhaupt kommen.

"Hast Du sie nicht nochmal angerufen?"

Ich war zu der Abschiedsfeier eines Mexikaners eingeladen, der als Austauschschüler für ein Jahr nach Island geht. Sein Vater sagte, ich solle ruhig zwei Freundinnen einladen. Drei Tage vor der Party habe ich also zwei Mädchen aus der Schule gefragt. Die Eine war sich nicht sicher, ob sie kann. Die Andere sagte, sie würde kommen. Als ich mich am Freitagabend mit meinem Gastbruder und einer brasilianischen Austauschschülerin auf den Weg machen wollte, fragte mich mein Gastbruder:

"Hast Du die Mädchen noch mal gefragt, ob sie kommen?"

"Ja, heute in der Schule."

"Aber du hast sie nicht noch mal angerufen?"

"Nein, sie sagten doch in der Schule, sie würden kommen."

"Aber", erklärte mir mein Bruder, "das ist doch schon mindestens fünf Stunden her, ihre Pläne für heute Abend haben sich vielleicht schon längst geändert."

Aha. Ich habe sie also angerufen, aber es hat niemand geantwortet. Akku alle. Das Mädchen, das sagte, es würde kommen, hat ihr Handy verbaselt und ist deshalb nicht gekommen. Sie wusste wohl nicht, ob ich wirklich zu der Feier gehe. Vielleicht hatte ich es mir anders überlegt. Ach, und natürlich waren wir eineinhalb Stunden "zu spät" da - und gehörten zu den ersten, die kamen.