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Was reitet den Kanzler?

Machtmaschine mit Aussetzern: Der gefürchtete Wahlkämpfer Helmut Kohl leistet sich schwere Fehler. Dabei wird der Abstand zwischen Union und SPD in den Meinungsumfragen langsam kleiner. Noch nie war eine Bundestagswahl kurz vor Toresschluß so offen wie diesmal.
• aus DER SPIEGEL 39/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es sollte eine vergnügliche Reise in die Zukunft werden. An Bord des neuen ICE »Claus Graf Stauffenberg« wollte Helmut Kohl dem Volk zeigen, daß der deutsche Osten, Kohl sei Dank, den Anschluß an das europäische Schienennetz gefunden hat.

Die Show ging - wieder mal - daneben. Anstatt in heiterer Champagnerlaune präsentierte sich Kohl gegenüber den mitreisenden Journalisten als übellauniger Griesgram. Denn die interessierten sich am vergangenen Dienstag weniger für die strahlende Zukunft der Deutschen Bahn AG. Sie wollten vielmehr wissen, was es mit der Mehrwertsteuer auf sich habe, deren Erhöhung Kohls Jugendministerin Claudia Nolte für die Zeit gleich nach der gewonnenen Wahl in Aussicht gestellt hatte.

Ausgerechnet Nolte, das Nesthäkchen aus dem Osten, mischte sich vorwitzig in die große Politik ein und verstieß gegen ein Überlebensprinzip des Dauerkanzlers aus der Pfalz. Die Wahrheit, so lautet seine Maxime, ist ein so kostbares Gut, daß man im Wahlkampf besonders sparsam damit umgehen muß.

»Ich denke nicht daran, daß ich irgendeinen Grund habe, mich hier über Steuerfragen vor der Wahl zu äußern«, versuchte der Kanzler die fatale Debatte zu ersticken, »und ich rate es auch keinem Kabinettsmitglied.«

Hätte er nur selbst geschwiegen. Denn kurz darauf hielt Kohl es für angebracht, ein neues Faß aufzumachen. In einem Interview mit der Dresdner »Sächsischen Zeitung« verkündete er zum Erstaunen seiner Parteifreunde, er gedenke nach der Wahl die gesetzlichen Beschränkungen für den Lauschangriff aufzuheben.

Die Machtmaschine Helmut Kohl hat Aussetzer, der professionellste aller Wahlkämpfer leistet sich diesmal Blackouts und Fehler in Serie. Der Kanzler, der ein fast schon legendäres Gespür für die Wünsche und Erwartungen des Volkes besitzt, verliert die Orientierung. Er gerät in Panik.

Auf der Zielgeraden bestimmen Pannen und Peinlichkeiten den Wahlkampf der Koalition. Für Aufregung und helles Entsetzen in den eigenen Reihen sorgte zusätzlich Wolfgang Schäuble, der auf Distanz zum Kanzler ging, ausgerechnet in einem »Playboy«-Interview.

Was passiert da? Geben erfahrene Kämpen die Wahl schon verloren, oder wollen sie das Blatt gewaltsam wenden, nicht wissend, wie?

Verkehrte Welt: Eigentlich müßten die Sozialdemokraten in Panik verfallen, denn der Vorsprung, den sie seit Monaten innehaben, schmilzt bedenklich. »40 + x« erhofft sich Kandidat Schröder - ein zusehends anspruchsvolles Vorhaben.

Eigentlich könnte Kanzler Kohl sich bestätigt fühlen, weil er und die Union langsam aufholen. Daß aber die Wende im Wahlkampf noch immer nicht eingetreten ist, löst Nervosität aus. Die Folge sind selbstverschuldete Fehler.

Nie zuvor in der Nachkriegsrepublik war die Bundestagswahl kurz vor Toresschluß so offen wie diesmal. Vieles scheint möglich dank des vertrackten deutschen Wahlsystems. Welche Partei am Ende den Kanzler stellen darf, welche Regierungskoalition möglich ist oder nötig wird, hängt von allerlei Faktoren ab, auch vom Abschneiden der kleinen Parteien.

In einer Umfrage des Bielefelder Emnid-Instituts im Auftrag des SPIEGEL liegt die SPD (41 Prozent) eine Woche vor der Wahl nur noch zwei Punkte vor der Union (39 Prozent). Die Grünen stagnieren bei 6, PDS und FDP jeweils bei 5 Prozent - keine sichere Bank, denn die Demoskopen rechnen bei derlei Umfragen mit einer Fehlerquote von mindestens einem Prozentpunkt nach oben und unten.

Kommen alle sechs Parteien in den Bundestag, ist die Große Koalition unausweichlich. Bleibt die PDS (oder auch die FDP) draußen, hat Rot-Grün wohl eine funktionsfähige Mehrheit.

Herausforderer Schröder strahlt die Zuversicht und Gelassenheit eines Siegers aus - sein demoskopischer Vorsprung vor Kohl indes bröckelt: Im August waren es 18 Prozentpunkte, jetzt sind es noch 12. Die Zahl der Anhänger der regierenden Koalition wuchs von 16 auf 21 Prozent - gleichauf liegen die Freunde für Rot-Grün. 35 Prozent (August: 54 Prozent) der Deutschen wollen jetzt wieder eine Große Koalition.

Das Duell zwischen dem ewigen Kanzler Kohl und seinem Herausforderer Schröder ist noch keineswegs entschieden. Der Endspurt könnte in einem toten Rennen enden - und ein lachender Dritter Kanzler einer Großen Koalition unter CDU-Führung werden: Wolfgang Schäuble.

Soviel Spannung in so einem seltsamen Wahlkampf. Er dürfte eingehen in die Geschichte als eine Ansammlung von Kapriolen und Grotesken, mehrheitlich dargeboten von der CDU.

Dabei verlief der Auftakt zur letzten Etappe für Kanzler Kohl ganz nach Wunsch: Die CSU hatte bei der bayerischen Landtagswahl mit 52,9 Prozent einen grandiosen Erfolg eingeheimst und damit der CDU die ersehnte »Steilvorlage« geliefert.

Befeuert von neuem Optimismus, rüstete die Truppe des Kanzlers zur dramatischen Aufholjagd. Die Union werde einen »Wahlkampf al dente« führen, versprach CDU-Generalsekretär Peter Hintze. Am 27. September werde sie »den Stimmungshöhepunkt erreichen und Rot-Grün weich- gekocht haben«.

Doch dann kam Claudia. Kohls ostdeutsche Lieblingsschülerin plauderte neues Unheil herbei. Während einer Podiumsdiskussion im thüringischen Suhl versicherte die Familienministerin am Tag nach der Bayern-Wahl treuherzig, die Regierung Kohl wolle nach der gewonnenen Bundestagswahl die Mehrwertsteuer um einen weiteren Punkt anheben - von 16 auf 17 Prozent.

Das war eine Bemerkung mit Bekennermut: »Wir müssen im Wahlkampf ehrlich sein.« Auf Nachfrage versicherte Nolte dem Auditorium: »Ja«, eine Mehrwertsteuererhöhung sei von der Regierung geplant, so stehe es schließlich im Reformkonzept von Finanzminister Theo Waigel.

Das Unwort war gefallen: Steuererhöhung. Monatelang war der Kanzler über die Straßen und Plätze dieser Republik gezogen und hatte damit geworben, daß er - einen Wahlsieg vorausgesetzt - die Steuerlast der Bürger um netto 30 Milliarden Mark senken werde.

Obwohl die unglückliche Familienministerin beteuerte, »in der Hitze des Gefechts« sei ihr »ein Versehen unterlaufen«, setzte es derbe »Wahlprügel«, wie »Bild« titelte. »Töricht«, schäumte der Kanzler, und die FDP-Granden schüttelten die Köpfe. Vergeblich versuchte der entnervte Finanzminister Theo Waigel, das lästige Thema beiseite zu schieben. Er plane keine Erhöhung der Mehrwertsteuer, ganz bestimmt nicht.

Die Opposition stürzte sich auf die »neue Steuerlüge« der Kohl-Regierung. Für ihre Wahrhaftigkeit müßte man der Frau Nolte »einen Orden verleihen«, höhnte SPD-Chef Oskar Lafontaine. Und die SPD-Wahlkampfzentrale »Kampa«, Abteilung Gegnerbeobachtung, ernannte die Ministerin zu »unserer Mitarbeiterin der Woche«.

Wahlkämpfer Waigel bekam den Frust, der über den Nolte-GAU bei der eigentlich zuversichtlichen CSU-Basis herrscht, zu spüren. Im Technologiepark Rimpar bei Würzburg schimpfte ein örtlicher CSU-Funktionär, Claudia Nolte könne »alles noch richtig versauen«. Und ein anderer forderte: »Ihr sollt sie einsperren bis zur Wahl, dieses, dieses ... Frollein.«

Aber wer hält den redseligen Kanzler unter Kuratel?

Ein Interview mit Kanzler Kohl wollte die »Sächsische Zeitung« schon lange haben. Sie ist in Dresden eine Macht - Auflage: 390 000 Exemplare. Deshalb schlug das Kanzleramt einen Kompromiß vor, den sich vorzugsweise Diktatoren vorbehalten: schriftlich eingereichte Fragen, schriftliche Antworten. Chefredaktion und Politikchef Dietmar Seher ließen sich auf das ungewöhnliche Verfahren ein: besser so ein Kanzler-Interview als keines.

Die Fragen kreisten um den Osten, um Arbeitslosigkeit und die bekannten Standortprobleme in Ostdeutschland. Innere Sicherheit kam eigentlich nicht vor. Warum sich Kohl, 16 Jahre im Amt, noch einmal vier Jahre antun wolle, lautete die Schlußfrage. Die Antwort enthielt neben der üblichen weihevollen Passage - Europa vollenden! - unvermittelt eine spektakuläre Passage zum Lauschangriff: »Im Bereich der Inneren Sicherheit geht es mir darum, sofort nach der Wahl die Hürden zu beseitigen, die SPD, Grüne und PDS gemeinsam gegen das Abhören von Gangsterwohnungen errichtet haben.«

Kanzlerberater Andreas Fritzenkötter habe das Interview genehmigt, erzählt Ressortleiter Seher. Und er selbst habe sich über die unverhoffte Aussage Kohls natürlich gefreut.

Die Wirkung der Interview-Passage haben der Kanzler und seine Berater offenbar unterschätzt. Denn vor allem seine wahlkämpfenden Parteifreunde stellten die naheliegende Frage: Warum um Himmels willen hat Kohl nun wieder dieses hochheikle Thema freiwillig in den Wahlkampf gezerrt? Was reitet den Kanzler?

Der sogenannte Große Lauschangriff ist erst im Mai nach harten Kontroversen in den Parteien und in der Öffentlichkeit Gesetz geworden. Seither darf die Polizei bei der Strafverfolgung Wanzen in Privatwohnungen einsetzen. Ausnahme: Ärzte, Anwälte, Journalisten, Geistliche. Diese Ausnahmen will Kohl, so die Regierung bestätigt wird, demnächst rückgängig machen.

Für das Mai-Gesetz mußte das Grundgesetz mit Zweidrittelmehrheit geändert werden - ein höchst umstrittener Kraftakt. Für eine erneute Änderung der Strafprozeßordnung genügt jetzt die einfache Parlamentsmehrheit.

CSU-Generalsekretär Bernd Protzner gab dem Überraschungsmanöver des Kanzlers den gewünschten Dreh. Er rückte Teile der Opposition in den Dunstkreis krimineller Kumpanei: »Schröder, Schily und Trittin - das ist für die Mafia wie ein Sechser im Lotto.«

Betreten nahm FDP-Chef Wolfgang Gerhardt Stellung: Er sehe beim Lauschangriff »keinen Handlungsbedarf«. Die in ihrer Existenz bedrohten Liberalen nutzten ihre Chance, sich als Wahrer der Bürgerrechte aufzuspielen, nur halbherzig.

Nach der Bonner Binnenlogik versuchte Kanzler Kohl, die innere Sicherheit, zumal im für Rechtsradikalismus anfälligen Osten, für seine Partei zu reklamieren. Daß sich auf diesem Wege die Grünen diskreditieren lassen, kommt aus CDU-Warte erleichternd hinzu.

Joschka Fischer, so hatte Kohl zwar in der »Zeit« beinahe respektvoll angemerkt, sei ein »hochbegabter Mann und Politiker«, der einen »interessanten Weg zurückgelegt« habe. Das aber sieht er, wenn es sich anbietet, auch schon mal anders.

Bei einem Spitzentreffen der Koalition empörte der Kanzler sich darüber, daß Fischer und der ehemalige RAF-Anwalt Otto Schily (SPD) für Ministerämter in einer rot-grünen Regierung gehandelt werden. Dagegen müßten die Koalitionäre etwas unternehmen.

Auch die angebliche Verstrickung Fischers in den Waffentransport beim Mord am hessischen Wirtschaftsminister Heinz Herbert Karry im Jahre 1981 suchten Konfidenten des Kanzlers zu einer Kampagne umzumünzen. Nach der Festnahme des ehemaligen Terroristen Hans-Joachim Klein in der Normandie, der im Frankfurt der siebziger Jahre einen Wagen vom WG-Mitbewohner Fischer benutzt hatte, drängte Kohls Regierungssprecher Otto Hauser Bonner Korrespondenten, doch, bitte schön, in den Fall einzusteigen.

Die Verweildauer solcher Aufregungen in den Schlagzeilen ist kurz. Wie ein roter Faden hingegen zieht sich die weitere Verwendung des ausgerufenen Kohl-Nachfolgers Schäuble durch diesen teils faden, teils hysterischen Wahlkampf.

In der neuen Ausgabe des Herrenmagazins »Playboy« plaudert der Kronprinz, befragt von Peter Boenischs Ehefrau Julia, über sein lange schon nicht mehr spannungsfreies Verhältnis zu Kohl. »Politisch ungeschickt« habe der Kanzler gehandelt, als er ihn frühzeitig zum Wunschnachfolger im Kanzleramt ausgerufen habe. Solche Entscheidungen müßten getroffen werden, wenn sie anstünden.

Ausdrücklich verwahrte sich der Mann im Rollstuhl gegen die ständigen Belobigungen, die ihm Kohl zuteil werden läßt: »Zuviel Freundschaftsbekundung kann schaden.« Die Sozialdemokraten hätten mit dem »Rivalen-Szenario Schröder/Lafontaine vorgemacht, wie es geht«. Das sei perfekte Regie gewesen.

In der Union sorgten diese Äußerungen für entsprechenden Aufruhr. Mit wenigen Worten führte Schäuble noch einmal vor, daß zwischen ihm und Kohl ein mühsam unterdrückter Konflikt schwelt.

Die ungeklärte Nachfolge verfolgt die Christdemokraten im Wahlkampf wie eine chronische Krankheit. Immer wieder brach sie hervor, stets versuchte Kohl, sie mit Macht zu unterdrücken.

Den Urfehler hatte der Kanzler begangen, als er Schäuble auf dem Leipziger Parteitag im Oktober 1997 zu seinem Erben ausrief. Das »Wann« läßt er seither unbeantwortet. Die Schwesterpartei CSU war damals nicht informiert. Sie läßt ihren Ärger darüber und ihre Distanz zu dem protestantischen Badener nachhaltig spüren.

Einen langen Sommer hindurch interpretierten CDU und CSU die Erbfolge-Regelung unterschiedlich. Je länger die demoskopische Talfahrt der Union anhielt, desto größer wurde das Verlangen nach einer verbindlichen Klärung, wann denn Kohl seine Tage im Kanzleramt beschließen werde.

Ende August versuchte Kohl nochmals, ein Machtwort zu sprechen: »Ich kandidiere für diese Legislaturperiode«, erklärte er. »Punkt. Aus. Feierabend.« Aber am selben Tag gab auch Schäuble kund, der Kanzler habe mit seiner Ankündigung doch »ein Stück weit offengelassen, was innerhalb dieser vier Jahre sein kann«.

Schäuble ist ein Rationalist, dem ein inhaltlich bestimmter Wahlkampf gegen den geschmeidigen Kanzlerkandidaten Schröder vorschwebte. Aus dieser Sicht sind die pausenlosen Querelen und Kursdebatten

* Ende Juni auf dem FDP-Parteitag in Leipzig.

in der Union die zwangsläufige Folge eines falschen Kampagnenkonzepts.

Schon mit der Kür Gerhard Schröders zum Kanzlerkandidaten nach der Niedersachsen-Wahl im März wurde die CDU auf dem falschen Fuß erwischt. Kohl hatte fest mit Lafontaine gerechnet. Die CDU-Spitze, ganz auf einen Links-Rechts-Lagerkampf alter Couleur eingestimmt, versucht seitdem vergeblich, Schröder »zu stellen«.

Zunächst glaubte Kohl, dem Landespolitiker Schröder mit einer großen Euro-Inszenierung die Schau stehlen zu können. Der Kanzler als großer Staatsmann, der die Deutschen und ihre stabile Mark in ein glücklich vereintes Europa führt - Bilder und Szenen vom erfahrenen Weltpolitiker sollten das Wahlvolk bei Laune halten, sanfte Verheißungen einer rosigen Konjunktur Optimismus erzeugen.

Der Brüsseler Euro-Gipfel im Mai ging daneben. Das Gezänk um die Bestallung des ersten europäischen Zentralbankchefs überschattete alles. Seitdem wollte Kohl vom Euro als Wahlkampfthema nicht mehr viel wissen.

Wie aber sollte der smarte Schröder in die Defensive gebracht werden? Schäuble empfahl immer wieder einen argumentativen Wahlkampf, Generalsekretär Hintze verlangte nach scharfer »Polarisierung«. Entscheiden konnte sich die Union bis zum Finale für keine der beiden Strategien.

Das Konrad-Adenauer-Haus zog eine Kampagne gegen den »grünen Wahn« auf, malte das Schreckbild einer rot-grünen Bundesregierung mit kräftigen Farben aus. Bis Kohl die Zuspitzung höchstpersönlich ad absurdum führte, indem er in der »Zeit« eine schwarz-grüne Zusammenarbeit eines fernen Tages vorhersah.

Die Zuspitzer um Hintze waren wie vom Donner gerührt. Ihre schwungvolle Attacke ("Laß Dich nicht anzapfen") gegen den 5-Mark-Benzin-Beschluß der Grünen, zunächst bei der Union gefeiert, erwies sich schnell als Bumerang. Schäuble, in die Kampagne nicht eingeweiht, stellte seinen Entwurf für ein CDU-Zukunftsprogramm vor - mit Vorschlägen für eine höhere Besteuerung von Energie.

Es folgte ein wochenlanger Steuerstreit innerhalb der Union. Grüne wie Sozialdemokraten feixten, das Publikum wunderte sich, die Anhänger der Union nahmen übel.

Nicht viel mehr Glück hatte Hintze mit der neu aufgelegten Rote-Socken-Kampagne. Sein altfränkisch wirkendes Plakat mit den roten Händen, Symbol für die Nähe von PDS und SPD, sorgte bestenfalls für etwas Mobilisierung im Westen. Und mit Sicherheit für erheblichen Ärger im Osten, wo die Wahl am 27. September voraussichtlich entschieden wird.

Der Dresdner Ministerpräsident Kurt Biedenkopf rühmt sich bis heute, gemeinsam mit Thüringens Regierungschef Bernhard Vogel und anderen die Hintze-Idee »sehr schnell« beerdigt zu haben: »Diese Kampagne bringt nichts. Davon hören wir ja auch nichts mehr.« Tatsächlich tauchte das Plakat im Osten nicht auf.

Erst später verfiel die CDU darauf, die Ostwähler mit guten Botschaften denn mit alten Vorwürfen zu umwerben. So begann sie, die neuen Länder mit Großplakaten zu verzieren, die unter einer roten Rose farbig-fröhliche Aufnahmen von vier Vorzeigeobjekten des Aufbaus Ost zeigen. Motto der Kampagne: »Blühende Landschaften wählen! - CDU«. Aber auch im Westen, so propagierte sie plötzlich, gebe es gute Neuigkeiten. Der Aufschwung sei da - »unser Aufschwung«, wie die CDU nicht zu sagen vergaß - und die Trendwende am Arbeitsmarkt mit ihm. Diese Botschaft verfing beim Publikum jedoch nicht recht: Republikweit sind noch immer rund vier Millionen Menschen ohne Arbeit. Die statistisch erfaßte »Trendwende« im Osten wurde nur durch massives Nachbessern mit ABM-Stellen erreicht.

Je länger die unverdrossen prophezeite Wende im Wahlkampf zum Guten der Union ausblieb, desto hektischer zogen die Matadore neue Themen herbei.

Fast dankbar reagierte Generalsekretär Hintze, als sich im August die Lage im Kosovo und die Krise in Rußland zuspitzten. Endlich, so jubilierte der Kampagnen-Prediger der Union, habe der Wahlkampf »ein neues Thema« erhalten. Nun wurde Kohl als »Garant für Stabilität« in Szene gesetzt, der Deutschland vor rot-grünem Dilettantismus in der Außenpolitik bewahrt.

Nie zuvor, mokiert sich ein Intimus von Verteidigungsminister Volker Rühe, habe es in der Wahlkampfführung der CDU »eine solche Konfusion gegeben«.

Um ein bißchen Glanz um sich herum aufschimmern zu lassen, griff Kohl auf alte Widersacher zurück: Querdenker Kurt Biedenkopf wurde für Partei-Einsätze reaktiviert, und auch der beim Bremer Parteitag 1989 gescheiterte Rebell Lothar Späth kam wieder zu Gnaden. Fünf Wochen vor dem Wahlgang berief Kohl den Chef der Jenoptik zum Berater für »Zukunft und Innovation« - Dienstantritt nach dem 27. September. Eine Woche lang gab Späth Interviews mit wohlwollenden Bemerkungen über die Große Koalition - und zog sich alsbald wieder nach Jena zurück.

Während Kohl mehrmals apodiktisch verkündete, mit ihm als Regierungschef sei im Falle einer Großen Koalition keinesfalls zu rechnen ("Das mache ich nicht! Das ist mein letztes Wort!"), waren vom hingehaltenen Nachfolger Schäuble solche Töne nicht zu hören. Er stellt sich offenbar darauf ein, daß am kommenden Sonntag seine Zeit im Wartestand womöglich ein Ende finden könnte.

Nur wenig mehr als einen Prozentpunkt müßte die Union nach derzeitigem Stand noch zulegen und die SPD einbüßen, schon stünde Schäuble da mit dem Kelch, von dem er sich öffentlich immer gewünscht hat, er möge an ihm vorbeigehen: der Kanzlerjob.

Kein Wort dazu von Schäuble bei Auftritten in seiner badischen Heimat am vorigen Donnerstag. »Wenn wir die Wahl gewinnen, setzen wir die Regierung unter der Führung von Helmut Kohl fort«, sagt er, als sei dies die einzige Option. Wer mehr heraushören will, muß eingestreute Halbsätze abklopfen: »Mit der Zweitstimme wählen Sie Helmut Kohl und, in gewissem Sinne, natürlich auch mich.«

Schröder, »die Plakatfigur«, erwähnt Schäuble kaum. Ziel programmatischer Attacken ist Lafontaine, denn in ihm sieht er den kongenialen Gegner - und Partner. Beide verbindet die Fähigkeit, Kompliziertes demagogisch zu verknappen und strukturell zu denken - auch die Attentate im gleichen Jahr 1990 und natürlich der Wille zur Macht.

Schäuble würde, so heißt es in der CDU, keine Sekunde zögern, mit Lafontaine als Juniorpartner anzutreten.

Unüberhörbar hat sich auch Lafontaine in Position gebracht. Ausdrücklich zollte er dem Querschnittgelähmten »großen Respekt« für seine Lebensleistung. Er halte Schäuble sehr wohl für fähig, so der gewiefte Saarländer, jedes politische Amt in Deutschland zu übernehmen. Daß sich die SPD nicht zieren würde, als Juniorpartner unter einem CDU-Kanzler in die Regierung zu gehen, vergaß er nicht hinzuzufügen, zum Erstaunen des Kanzlerkandidaten Schröder.

Für den Wahlabend hat Lafontaine sichergestellt, daß eines deutlich wird: Die SPD hat zwei Chefs - den Kanzlerkandidaten und den Parteichef. In der Bonner Baracke, im freigeräumten Büro des Geschäftsführers, werden die beiden warten, bis sich die Hochrechnungen stabilisieren. Dann werden sie vor die Fernsehkameras treten und die Konsequenzen aus der Wahl ziehen - Seit'' an Seit''.

[Grafiktext]

Bundestagswahl - Sonntagsfrage

Mögliche Sitzverteilung im künftigen Bundestag

Politische Stimmung günstig für welche Partei

Wer wird die Bundestagswahl gewinnen und den Bundeskanzler stellen?

Welcher Koalition trauen Sie am ehesten eine Lösung der

gegenwärtigen Probleme zu?

[GrafiktextEnde]

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Bundestagswahl - Sonntagsfrage

Mögliche Sitzverteilung im künftigen Bundestag

Politische Stimmung günstig für welche Partei

Wer wird die Bundestagswahl gewinnen und den Bundeskanzler stellen?

Welcher Koalition trauen Sie am ehesten eine Lösung der

gegenwärtigen Probleme zu?

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* Ende Juni auf dem FDP-Parteitag in Leipzig.

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