Studiengebühren in Holland: 3000-Euro-Keule gegen Bummelanten - DER SPIEGEL
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Holland in Not: 3000-Euro-Gebühr gegen Langzeitstudenten

Foto: ROBIN UTRECHT/ AFP

Studiengebühren in Holland 3000-Euro-Keule gegen Bummelanten

Wer seine Regelstudienzeit in Holland überzieht, den will die konservative Regierung künftig empfindlich strafen. Dagegen gingen Professoren und Studenten nun erstmals gemeinsam auf die Straße. Auch deutschen Gaststudenten bliebe der happige 3000-Euro-Aufschlag nicht erspart.
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In schwarzen Talaren und mit schweren Halsketten schritten rund 800 holländischen Professoren durch die Den Haager Innenstadt. Die Hände vor dem Bauch gefaltet, wie Priester, die am Grab ein Gebet sprechen.

Der akademische Betrieb stand nahezu still am vergangenen Freitag, die meisten Hochschulen in den Niederlanden hatten Vorlesungen, Prüfungen und Kurse ausfallen lassen. Viele waren gekommen, um den langen Treck der Professoren zu empfangen: Studenten, Rektoren, ehemalige Bildungsminister und Unternehmenschefs.

Es war das erste Mal in den Niederlanden, dass zehntausende Studenten und hunderte Hochschullehrer gemeinsam demonstrierten. Sie kämpfen gegen Sparpläne der konservativen Regierung, die Langzeit-Studenten mit einer erhöhten Studiengebühr bestrafen und bei den Hochschulen den Rotstift ansetzen will. Und sie warnen: Entweder das Land investiere in Bildung - oder Holland verliere an Wohlstand und Wirtschaftskraft.

Im plüschig ausgestatteten Konzerthaus Philips-Saal sprach Professor Sijbolt Noorda, Vorsitzender des holländischen Hochschulverbands vereiniging van universiteiten: "Premier Mark Rutte will zu den Top Fünf der Wissens-Ökonomien gehören - das geht nicht mit Kürzungen an Universitäten."

3000 Euro Strafgebühr pro Jahr, Bahnfahrtkarte gestrichen

Bei Twitter schreiben die Gebührengegner bereits von einer "Kenniscrisis", einer Wissens-Krise. "Wir müssen zeigen, dass wir mit dieser Politik nicht einverstanden sind", sagt Layla de Jong, 23, Studentin aus Utrecht. "Kürzungen bei der Bildung sind asozial", schimpft sie. Das sahen auch die 20.000 Studenten so, die aus ganz Holland zur Abschlusskundgebung auf das Malieveld in Den Haag kamen.

Rund 370 Millionen Euro jährlich will die rechts-konservative Minderheitsregierung, die sich vom Rechtspopulisten Geert Wilders tolerieren lässt, in den Niederlanden ab 2012 sparen - und gleichzeitig eine neue Geld-Quelle anzapfen: 3000 Euro soll jeder Student zahlen, der mehr als ein Jahr über der Regelstudienzeit liegt. Wer also für ein dreijähriges Bachelor-Studium mehr als vier Jahre braucht, bekommt dann eine Rechnung über die regulären Studiengebühren von knapp 1700 Euro pro Jahr - und zusätzlich über 3000 Euro als jährliche "Bummelgebühr".

Dass auch die Professoren bei den Protesten mitmarschieren hat, einen einfachen Grund: Auch die Hochschulen sollen pro Langzeitstudent und Jahr je 3000 Euro abgeben. Die zusätzliche Campusmaut träfe also auch die Lehranstalten hart. Zusätzlich soll für Bummelstudenten ein gern genutztes Privileg fallen: Wer bislang Studienbeihilfen bekommt, darf kostenlos mit der Bahn fahren. Damit soll ab 2012 Schluss sein.

Journalistik-Studentin Emma Wijninga sagt, die neue Gebühr würde alle Studenten in Holland über einen Kamm scheren. "Ich verstehe, dass die Regierung Langzeit-Studenten treffen will." So aber strafe sie auch jene, die aus anderen Gründen ein Jahr dranhängen. Auch wer ein Praktikum mache, wegen einer Krankheit das Studium unterbrechen müsse, sich ehrenamtlich engagiere oder schlicht arbeiten gehe, soll ab dem zweiten Extrajahr bezahlen. "Ausnahmen", sagt Wijninga, "gibt es keine."

Entspannte Holländer: 60.000 Hochschüler sind derzeit "Bummelstudent"

Derzeit liegt laut der nationalen Studentenvertretung LSVb etwa jeder Zehnte der 630.000 Studenten im Land mehr als ein Jahr über der Regelstudienzeit. Unter den Universitätsstudenten, rund ein Drittel der niederländischen Hochschüler, ist es beinahe jeder Fünfte.

Treffen soll die Gebühr für Bummler ab kommenden Herbst auch die knapp 19.000 deutschen Studenten in den Niederlanden, wenn sie länger studieren als von der Politik gewünscht. Die Niederlande liefern sich mit Österreich seit Jahren ein Kopf-an-Kopf-Rennen darum, welches Land bei deutschen Studenten beliebter ist. Seit Österreich die Studiengebühren abschaffte, hat der südliche Nachbar wieder leicht die Nase vorn.

Einen Namen hat die Gebühr schon, bevor sie überhaupt beschlossen ist: Halbe-Abgabe, benannt nach ihrem Erfinder, dem Bildungs-Staatssekretär Halbe Zijlstra. Als er am Freitag auf die Bühne trat, zündeten Demonstranten Rauchbomben und Leuchtfeuer; Buh-Rufe übertönten seine kurze Ansprache.

Zijlstra sprach trotzdem ruhig. Er könne die Aufregung verstehen, sagte er, aber an den Gebührenplänen werde nicht gerüttelt: "Ich will nicht, dass ihr in Zukunft noch viel mehr Geld zahlen müsst, um die Staatsschulden abzubauen."

Premier Rutte und Finanzminister de Jager hatten es selbst nicht eilig

Staatssekretär Zijlstra spricht - wie auch Premierminister Rutte - nicht von einer Strafe, sondern von einem Beitrag. Dass nach den Kürzungen fünftausend wissenschaftliche Mitarbeiter entlassen werden müssten, wie die Hochschulen warnen, hält er für unwahr.

Im Parlament sagte er, Universitäten könnten durch weniger Bürokratie und Zusammenarbeit viel Geld sparen. Während der Rede sprangen auf der Zuschauertribüne dutzende Studenten auf, rissen sich Klamotten vom Leib und zeigten T-Shirts mit dem Spruch "Zieht uns nicht aus!" Neben den halbnackten Demonstranten hatten sich bis dahin nur die oppositionellen Grünen und die sozial-liberale D66 gegen die Campusmaut gestellt. Job Slok, Sprecher des Bildungsministeriums, bleibt darum optimistisch: "Zum neuen Studienjahr sollen die Beiträge in Kraft sein", sagte Slok SPIEGEL ONLINE. Der Kern der Pläne bleibe auch nach den Protesten unverändert.

Der Ärger an Hollands Hochschulen ist groß. Im Internet haben Studenten einen virtuellen Protestmarsch organisiert , bei dem hunderte grüne Männchen als elektronische Demonstrantenstellvertreter über den Bildschirm laufen. Student Mark de Vries und drei Kommilitonen haben spontan einen T-Shirt-Shop "Ich bin ein Langzeitstudierder"  gegründet. Der radebrechend-deutsche Satz bezieht sich auf das Zitat von John F. Kennedy: "Ich bin ein Berliner." Mit dem Spruch "Ich bin ein 'Langstudierder'" hatte sich am Freitag der Oppositionspolitiker Alexander Pechtold mit den Studenten in Den Haag solidarisiert.

"Die Politiker haben uns wahrgenommen"

Am Wochenende nach der Demo wollen Mark und Mitstundenten bereits über hundert T-Shirts verkauft haben - versehen auch mit einem Foto von Premier Rutte und Finanzminister Jan Kees de Jager: "Rutte lag sieben Jahre über der Regelstudienzeit, der Finanzminister sogar elf Jahre", sagt T-Shirt-Vertreiber Mark. Komme die Gebühr, könnte sich keiner mehr ein solch langes Studium leisten.

Nach der Kundgebung am Freitag stromerten die Studenten zurück zum Hauptbahnhof. Im Binnenhof, dem Sitz der Regierung, sagte derweil Regierungschef Rutte, er bewundere zwar die Studenten für ihre Tatkraft. Änderungen an den Plänen werde es aber nicht geben. Das Ziel sei, so Rutte, "die Qualität der Hochschulen zu verbessern".

Er verstehe nicht, "wie die Qualität besser werden soll, wenn man Geld wegnimmt", sagt Maarten Frens, Professor an der Erasmus-Universität Rotterdam. Er war am Morgen mitmarschiert und fürchtet, das Bildungswesen in den Niederlanden werde "in den kommenden Jahren schwer beschädigt". Gerade ausländischer Studenten und Mitarbeiter würden durch Kürzungen und "Bummelgebühren" abgeschreckt.

Journalistik-Studentin Wijninga hofft, dass nun der Druck auf die Parlamentarier weiter steigt. "Die Politiker haben uns als mächtige Gruppe wahrgenommen." Und am 2. März wählen die Niederländer ihre Provinzregierungen, vergleichbar mit den Landtagswahlen in Deutschland. "Dann werden Studenten hoffentlich für Parteien stimmen, die Bildung ernst nehmen."