Letzte Langzeitstudenten: Endspurt der Dinosaurier - DER SPIEGEL
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Letzte Langzeitstudenten Endspurt der Dinosaurier

16, 18, 26 Semester, aber nicht mehr lange: Durch den Bachelor stirbt eine Spezies aus - die Langzeitstudenten. Kurvige Lebensläufe sind nicht mehr vorgesehen. Im UniSPIEGEL erzählen vier Campus-Dinosaurier, warum ein Skateboard sie ablenkte und jüngere Kommilitonen sie für Klugscheißer halten.
Von Nora Gantenbrink und Caterina Lobenstein
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
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Langzeitstudenten: Wir sind die Letzten

Foto: Markus Milde

Am Tag, an dem sich Gerhard Holm auf den Weg zu seiner Erstsemester-Vorlesung machte, wurde John Lennon erschossen. Es war im Dezember 1980, Holm hatte gerade sein Magisterstudium an der Uni Münster begonnen. Heute verdient er sein Geld als Musiker, das Studium hat er nie beendet. Als er abbrach, 2004, hatte er fast ein Vierteljahrhundert an der Uni verbracht. Er zählte mehr Semester als Lebensjahre: 48.

Je mehr Bachelor-Studierende an Deutschlands Unis ihren Abschluss machen, desto exotischer werden Langzeitstudenten wie Holm. In einer Welt, in der das Studium nach drei Jahren enden soll und die Note entscheidet, wer weiterstudieren darf, werden sie zu einer aussterbenden Spezies.

Knapp 40.000 Männer und Frauen sind in Deutschland seit 20 Semestern oder länger an einer Universität eingeschrieben - das sind etwa drei Prozent aller Studenten. Weil die alten Magister- und Diplomstudiengänge auslaufen, müssen nun auch die Dinosaurier zum Ende kommen, viele bis spätestens 2012.

Einige Unis bieten deshalb neuerdings sogenannte Endspurt-Programme an. Sie sollen Dauerstudierenden den Weg zum Abschluss erleichtern - eine Art Gehhilfe für die letzten Meter.

Die Nachfrage ist groß: Für ihre Sprechstunde gebe es mittlerweile Wartezeiten, sagt Amrit Malhotra, Endspurt-Betreuerin an der Uni Münster. Sie erstellt mit den verbliebenen Magister- und Diplomanwärtern persönliche Zeitpläne, gibt Motivationstrainings und Gruppensitzungen. Die Studenten, die ihr gegenübersitzen, sind oft älter als die 29-jährige Sozialpädagogin selbst.

Nebenjobs sind die größte Hürde auf dem Weg zum Abschluss

"Die meisten, die zu mir kommen, haben nebenbei zu viel gearbeitet", sagt Malhotra. Nebenjobs sind die größte Hürde auf dem Weg zum Abschluss. Von den gut zwei Dritteln aller Studenten, die neben dem Studium jobben, arbeitet die Hälfte mehr als einen vollen Tag pro Woche. Ein Pensum, das Wissenschaftler der Arbeitsgruppe Hochschulforschung an der Uni Konstanz für problematisch halten: Bereits acht Stunden pro Semesterwoche könnten das Studium verzögern.

Der Marburger Student Mikheil Peradze kommt auf mehr als 50 Stunden Arbeit plus Studium pro Woche. Peradze ist Georgier und zog 2003 von Tiflis nach Deutschland, er wollte hier Politologie studieren. Mittlerweile ist er im 16. Semester und hat noch immer keinen Abschluss. Peradze bekommt kein Bafög, kein Stipendium, kein Geld von den Eltern. Um sich sein Studentenleben zu finanzieren, hangelt er sich von einem Job zum nächsten. Für Referate, Hausarbeiten und Prüfungen bleibt wenig Zeit. Seine Dozenten registrieren nur, dass er oft schlechte Noten schreibt. Dass nicht Faulheit, sondern Zeitnot dahintersteckt, sehen sie nicht.

Der schlechte Ruf der Bummel- und Scheinstudenten, die eingeschrieben sind, um ein Semesterticket und günstige Versicherungstarife abzugreifen, färbe auf ihn ab, klagt Peradze. Und auf viele andere Kommilitonen, die länger für ihr Studium brauchen als der Durchschnitt.

So wie Heike Bathke, die 25 Semester Biologie studiert hat und sich zwischen Hörsaal und Labor um ihre Kinder kümmerte, alleinerziehend. So wie der Musikwissenschaftsstudent Niko Dörr, der aus Interesse am Fach Seminare besucht, für die er keine Scheine bekommt, und damit wirkt wie das Relikt eines längst vergessenen Bildungsideals.

Warum ein längeres Studium prinzipiell kein Problem sei

So wie der Skateboarder Christian Keil, der neben dem Studium fast täglich trainiert und lange Zeit Sport-Camps für Kinder organisiert hat. Er begann sein Magisterstudium 1998 - in dem Jahr, in dem Gerhard Schröder Bundeskanzler wurde und Bill Clintons Affäre mit Monica Lewinsky aufflog. Dass Keil bis heute keinen Abschluss hat, bereut er nicht. "Ich finde es wichtig, auch außerhalb des Hörsaals für eine Sache zu brennen, seinen Horizont zu erweitern."

Während vor allem Unternehmensberater und Anwaltskanzleien in ihren Stellenanzeigen ein zügig absolviertes Studium fordern, plädieren andere für den Müßiggang. "Ich bin dafür, ein paar Jahre des Lebens nicht unter den üblichen Maßstäben einer leistungsorientierten Verwertungsgesellschaft zu betrachten", sagt Philipp Köster, Chefredakteur der Fußballzeitschrift "11Freunde" und einer der erfolgreichsten jungen Magazingründer Deutschlands. "Ich habe jahrelang nur 'Simpsons' geguckt. Das hat meinen popkulturellen Kosmos erweitert."

Prinzipiell sei ein längeres Studium in den meisten Branchen kein Problem, sagt Frauke Narjes vom Career Center der Uni Hamburg. Vom Credo des schnellen Durchstudierens hätten sich viele Unternehmen verabschiedet - solange es für die hohe Semesterzahl gute Gründe gibt. "Manche Berufswege verlaufen halt im Zickzack, und das ist auch in Ordnung so", findet Narjes.

Weil Langzeitstudenten Bund und Länder Geld kosten und Deutschlands Absolventen noch immer zu den ältesten in Europa zählen, soll die Bologna-Reform das Studium raffen: durch straffere Lehrpläne, strengere Prüfungen, kürzere Regelstudienzeiten. Doch ob Bachelor- und Masterstudiengänge tatsächlich kürzere Studienzeiten bringen, ist ungewiss.

Rund die Hälfte aller Studenten beenden ihr Studium später als geplant

"Auch bei Bachelorstudierenden zeichnen sich Verzögerungen gegenüber der geplanten Studiendauer ab", warnten unlängst Konstanzer Hochschulforscher. Weil Seminare und Vorlesungen oft ausfallen oder zeitgleich angeboten werden, verlängert sich ein modularisiertes Studium gern mal um mehrere Semester. Rund die Hälfte aller Studenten beenden ihr Studium später als geplant. Würden sich die Veranstaltungen an den Unis nicht mehr überschneiden, sänke diese Quote auf knapp 30 Prozent, schätzen die Wissenschaftler aus Konstanz.

Doch viele Hürden, die auch motivierte Studenten bremsen, bleiben bestehen. Auch Bachelor- und Masteranwärter bekommen Kinder, müssen Angehörige pflegen und arbeiten, um ihr Studium zu finanzieren. Ein Stipendium bekommen nur rund drei Prozent aller Studenten in Deutschland.

Die Oldenburger Biologiestudentin Heike Bathke hatte Glück: Sie konnte dank eines Stipendiums im vergangenen Jahr ihre Diplomarbeit beenden und bereitet sich nun - zwischen Job und Mutterpflichten - auf die letzten mündlichen Prüfungen vor. Mikheil Peradze steckt nach 16 Semestern Politikstudium in den letzten Zügen seiner Abschlussprüfung und bewirbt sich um einen Masterplatz. Sein Marburger Kommilitone Niko Dörr hat sich vorgenommen, spätestens im kommenden Jahr sein Musikwissenschaftsstudium zu beenden. Und Christian Keil aus Münster prüft, für welche Seminare ihm noch Scheine fehlen.

An seiner Uni treffen sich jetzt jede Woche Langzeitstudenten, die sich im Endspurt-Programm von Amrit Malhotra kennengelernt haben. Gemeinsam pauken sie für eine Zukunft außerhalb der Uni.

Heike Bathke, 36: 25 Semester Biologie, Uni Oldenburg

"Als mein ältester Sohn geboren wurde, war ich im achten Semester und fast scheinfrei. Er war ein Wunschkind, genau wie der zweite, der anderthalb Jahre später kam. Ich wusste immer, dass ich Kinder haben will, und ich wollte nach dem Diplom in der Wissenschaft arbeiten.

Nach vier Jahren Hörsaalpause waren meine beiden Söhne alt genug für den Kindergarten, und ich war bereit für den Wiedereinstieg. Fachlich habe ich mich schnell wieder zurechtgefunden, das Diplom rückte in erreichbare Nähe. Doch 2005 trennten mein Mann und ich uns. Die Zeit danach forderte mich als Mutter noch mehr als sonst. Also wieder: Familie statt Labor. Zur selben Zeit lief mein Bafög aus, seitdem arbeite ich auf einer halben Stelle als Sozialberaterin im Asta. Das Einkommen reicht gerade so zum Leben. Trotzdem mache ich diesen Job gern, weil er sehr flexibel ist.

Von meinen Dozenten und Kommilitonen fühle ich mich akzeptiert, auch wenn ich mich dem Studium nicht voll widmen kann. Trotzdem spüre ich oft, dass ihre Lebenswirklichkeit eine ganz andere ist als meine. Leider wird es nicht leichter, je älter die Kinder werden. Im Gegenteil. Als sie noch im Kindergarten waren, habe ich mit befreundeten Eltern manchmal nachmittags abwechselnd auf sie aufgepasst. Heute muss ich den Ansprüchen gerecht werden, die die Schule an Eltern stellt. Auch das kostet Zeit, die mir zum Studieren fehlt.

Im vergangenen Jahr habe ich in der Biochemie meine Abschlussarbeit geschrieben, über ein Enzym aus der Netzhaut von Zebrafischen. Eine experimentelle Arbeit, für die ich jede freie Minute im Labor stand. Ich habe ein Stipendium dafür bekommen, anders hätte ich diese Zeit nicht finanzieren können. Zwei Prüfungen stehen jetzt noch an. Dann bin ich fertig. Dass ich meinen Abschluss mache, daran habe ich nie gezweifelt."

Christian Keil, 33: 26 Semester Kulturanthropologie, Sportwissenschaften und Philosophie, Uni Münster

"Mein Skateboard hat mindestens 18 Semester Studienzeit auf dem Gewissen. Es gab Zeiten, da bin ich aufgestanden und dann skaten gegangen, bis es dunkel wurde. Abends dann nach Hause, Skate-Videos schauen oder mit Kollegen über die Tricks des Tages fachsimpeln. Und am nächsten Morgen dann die Repeat-Taste drücken: aufstehen, skaten, Après-Skate, schlafen gehen.

Mit dem Studium habe ich 1998 angefangen, erst Pädagogik in Mainz, später bin ich dann meiner großen Liebe nach Münster gefolgt. Ich war damals Anfang 20, und zur selben Zeit kamen die ersten Sponsoren auf mich zu. Für eine Profikarriere war ich da aber schon zu alt und irgendwie auch zu vernünftig. Trotzdem habe ich viel Zeit in meine Leidenschaft investiert.

Ich habe auf viele Arten versucht, mir neben dem Studium eine Existenz als Skateboarder aufzubauen, weil ich jede Chance nutzen wollte. Darum habe ich Skate-Camps und Touren geleitet, Unterricht gegeben, für Skate-Magazine geschrieben und Skate-Parks entworfen.

Diese Zeit fehlte dann natürlich bei Hausarbeiten und Seminaren, obwohl ich fast jedes Semester mit voller Motivation angefangen habe. Wenn man mich heute fragt, ob ich es bereue, so lange studiert zu haben, dann sage ich nein.

Ein guter Abschluss bedeutet noch lange keinen guten Job, und vor allem verheißen auch der gute Job und das gute Einkommen nicht unbedingt Glück und Zufriedenheit - Werte, die mir für mein Leben wichtiger sind als Haus und Auto. Mein Studium will ich jetzt auf jeden Fall beenden."

Niko Dörr, 29: 18 Semester Musikwissenschaft und Ethnologie, Uni Marburg

"Es passiert immer wieder. Ich sitze im Seminar, sage etwas, und die jüngeren Kommilitonen verdrehen die Augen. Dann weiß ich schon: Ich bin mal wieder der Klugscheißer. Meistens halte ich mich ja zurück, und es ist logisch, dass ich oft einen besseren Überblick habe als die Jüngeren: Ich studiere jetzt seit 18 Semestern Musikwissenschaft. Am Tag höre ich rund drei Stunden Musik, die Bibliothek kenne ich fast auswendig.

Effektiv bin ich dabei ganz sicher nicht. Jedes Semester halte ich ein bis zwei Referate in Seminaren, für die ich keinen Schein brauche - einfach, weil mich die Themen interessieren. Ich sitze bei den Physikern in Vorlesungen über Akustik und Schall, in Philosophie- und Geschichtsseminaren. Ich will ja nicht nur die Musik verstehen, sondern auch die Welt drumherum. Wenn ich zum Beispiel in der Oper sitze, und der Handlung liegt ein griechisches Drama zugrunde, dann will ich etwas über antike Dramentheorie wissen.

Drei Jahre war ich in der Fachschaft, habe die Einführungswochen und die Institutskonzerte mitorganisiert. Weil die Erstsemester manchmal noch nicht Noten lesen können, habe ich Tutorien angeboten, um es ihnen beizubringen - unbezahlt.

Die meiste Zeit meines Studiums habe ich nebenher gearbeitet. Ungefähr dreimal die Woche kümmere ich mich um meinen kranken Großvater. Ich kaufe für ihn ein, mache die Gartenarbeit, besorge ihm neue Sauerstoffflaschen.

In dem Dorf, in dem ich wohne, leite ich einen Laienchor und schreibe an der Dorfchronik mit. Nur für die Uni zu leben und nebenher nichts anderes zu tun würde mich unglücklich machen. Ich finde es in Ordnung, dass ich so lange an der Uni war. Alles in drei Jahren durchzupeitschen, das kann ich mir nicht vorstellen.

Manchmal frustriert es mich, wie oberflächlich Bachelorstudenten an ihrem Fach vorbeistreifen - gezwungenermaßen. Aber auch ich muss bald mal fertig werden. Danach kommt hoffentlich eine Promotion. Vielleicht über den Schlager in der DDR und dessen politische Bedeutung. Dazu wurde bislang kaum geforscht."

Mikheil Peradze, 27 : 16 Semester Politikwissenschaft, Uni Marburg

"Ein Abitur mit einem Durchschnitt von 1,0, ein dritter Platz beim Aufnahmeverfahren der staatlichen Universität, eine ausgezeichnete Zwischenprüfung. Das hört sich gut an, nur: Es interessiert niemanden. Zumindest nicht hier in Deutschland. Denn das Gymnasium und die Universität, an denen ich diese Prüfungen absolviert habe, liegen in Georgien, wo ich geboren bin.

2003 bin ich von Tiflis nach Marburg gezogen, um Politik zu studieren - meine Heimatuni war so schlecht ausgestattet. Die meisten Bücher dort stammten noch aus der Sowjetunion. Hier in Deutschland bekomme ich kein Geld von meinen Eltern, kein Bafög, kein Stipendium. Manchmal habe ich vier Jobs gleichzeitig. Ich habe in Restaurantküchen gejobbt, als Kellner und nachts als Türsteher. Tagsüber arbeite ich für ein Marktforschungsunternehmen.

Weil ich so viel jobben muss, blieb von Anfang an kaum Zeit zum Lernen. Pflichtseminare kann ich oft nicht besuchen, weil die Arbeit mir in die Quere kommt. Manchmal standen direkt nach einer Türsteherschicht wichtige Vorlesungen auf dem Plan. Einmal bin ich dabei eingeschlafen. Die Professorin hat mich zu sich zitiert und mir nicht geglaubt, dass ich wegen des Jobs so übermüdet war.

Vor ein paar Wochen habe ich meine Bachelorarbeit abgegeben, jetzt fehlen nur noch zwei Module. In die Bewerbungsmappen für den Master habe ich auch meine georgischen Zeugnisse gelegt. Aber dass ich in Tiflis zu den Besten gehört habe, scheint nicht zu zählen. Auch nicht, dass ich vier Sprachen fließend spreche, dass ich durch die vielen Jobs ein echtes Organisationstalent geworden bin. Ich will unbedingt den Master machen. Aber vom Zulassungsbüro höre ich nur, dass mein Notenspiegel nicht so glänzend sei."