Generation Sarajevo: "Trotz Scharfschützen ging ich tanzen" - DER SPIEGEL
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Belagerte Jugend in Sarajevo: Aufwachsen im Ausnahmezustand

Foto: David Schelp

Generation Sarajevo "Trotz Scharfschützen ging ich tanzen"

Ihr Kunststudium fing an, als ihre Stadt bombardiert und belagert und ihr Haus beschossen wurde: Alma Telibecirivic, 32, Kulturmanagerin, erzählt, wie sie im eingekesselten Sarajevo aufwuchs - und wie sie den Tod ihres Vaters verkraftete. Teil zwei einer SPIEGEL-ONLINE-Serie über eine Jugend im Krieg.
Von Simon Hufeisen
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schule im Luftschutzkeller, Dauerbeschuss, 1425 Tage gefangen in der eigenen Stadt: Vor 15 Jahren endete in Sarajevo die längste Belagerung des 20. Jahrhunderts. Fünf junge Menschen, die mit ihr groß geworden sind, erzählen von Montag bis Freitag in einer SPIEGEL-ONLINE-Serie vom Leben im Krieg und seinen Spuren. Dieses Mal: Alma Telibecirivic, 32, Kulturmanagerin und Filmproduzentin.

"Es war damals etwas Besonderes, an die Kunsthochschule zu gehen. Ich habe mich wichtig gefühlt, weil ich mitten im Krieg malte. Manchmal denke ich, dass unsere Kunst während der Belagerung anspruchsvoller war. Wir hatten praktisch nichts, nur alte Pinsel und trockene Farbreste. Wir konnten nicht einfach in den Laden gehen neue kaufen, wir mussten improvisieren. Das hat unsere Kunst zu etwas Besonderem gemacht.

Aber ich möchte nicht malen müssen, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das ist in Bosnien fast unmöglich. Ich male nur für mich selbst. Mein Geld verdiene ich seit zehn Jahren als Kulturmanagerin in verschiedenen PR-Agenturen oder bei Theater und Filmfestivals. Außerdem habe ich immer wieder Konzerte von Stars wie Jamiroquai und James Blunt organisiert.

"Ich hatte eine enge Beziehung zu meinem Vater"

Sarajevo

Ich bin in geboren. Den gesamten Krieg über war ich hier. Erst habe ich mit meinen Eltern in einem Vorort in der Nähe des Flughafens gewohnt. Als der Ort von Serben besetzt wurde, mussten wir meinen Vater und meinen älteren Bruder im Keller verstecken.

Die serbischen Soldaten haben alle muslimischen Männer mitgenommen und viele umgebracht. Deswegen sind wir von dort in die Stadt geflüchtet. In Sarajevo hatten wir zwar kein Wasser, auch keinen Strom, aber in der belagerten Stadt fühlte ich mich frei. Ich ging trotz der Scharfschützen jeden Tag in den Tanzunterricht. Ich weiß noch, einmal im Monat hatten wir eine Aufführung. Eine davon kann man heute bei Youtube sehen. Ich bin die mit den kurzen Haaren, die als letzte von der Bühne geht.

Aber sonst war alles sehr schwer damals. Gleich im ersten Kriegsjahr, 1992, wurde mein Vater von einem Scharfschützen erschossen. Er war Soldat und hat an der Stadtgrenze gegen die Serben gekämpft. Eines Abends kam er von der Front nach Hause, um uns Brennholz zu bringen. Wir hatten damals keine Heizung, wir kochten und wärmten uns am offenen Feuer. Auf dem Weg zurück wurde er erschossen. Niemand konnte uns Bescheid geben, die Telefone funktionierten nicht. Erst am nächsten Abend kam ein Freund und erzählte, was passiert war.

Für mich war das besonders hart. Denn ich hatte eine sehr enge Beziehung zu meinem Vater. Vermutlich ist das normal. Töchter lieben ihre Väter und Söhne ihre Mütter. Ich war 13 Jahre alt, als die Belagerung begann und habe gar nicht kapiert, was da passierte, um was es ging in diesem Krieg.

Meine Eltern hatten Zuhause nie über Nationalitäten oder Religionen gesprochen. Ethnien haben bei uns keine Rolle gespielt. Mich hat der Krieg einfach nur genervt. Meine Mutter wollte mich nicht raus lassen, wegen der Scharfschützen und der Granaten. Aber mir waren die egal. Ich wollte nur Zeit mit meinen Freunden verbringen. Wenn man Wasser holen ging, war man für Stunden unterwegs. Das haben wir natürlich gemeinsam gemacht.

"Im Krieg glaubst du an etwas: Dass der Krieg bald vorbei ist"

Während der Belagerung habe ich viele neue Freunde gefunden. Damals waren die Menschen einander näher. Man schlief neben Unbekannten im Keller, wenn das Haus unter Beschuss war oder hat zusammen gekocht. Heute habe ich keine Ahnung, wer in meiner Nachbarschaft lebt. Ich könnte auch nicht mehr ohne Strom und Wasser leben. Da würde ich durchdrehen.

Wenn Krieg ist, dann glaubst du an etwas: Irgendwann wird der Krieg zu Ende sein. Das hast du immer im Kopf. Dann wird alles besser werden. Heute wissen viele in Sarajevo nicht mehr, an was sie glauben sollen. Sie haben nichts mehr, für das sie kämpfen müssten."