Finnisch-russische Grenze Wie lebt es sich zwischen Sperrgebiet und Überwachungskamera?
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Virolahti, Finnland
Bootsfahrt zu einer Sommerhütte in besonderer Lage. Veli Vartiala nimmt uns mit auf die Insel seiner Familie im östlichsten Finnischen Meerbusen, knapp 200 Kilometer von der Hauptstadt Helsinki entfernt.
Veli Vartiala, Inselbewohner:
»Da drüben ist schon Russland!«
In diesen Gewässern gelten besondere Auflagen: Die gelben Seezeichen markieren die Grenzzone, die eigentliche Staatsgrenze liegt davon in nur etwa 100 Meter Entfernung. Boote dürfen nur bei Tageslicht unterwegs sein – und die Flagge muss gehisst sein, damit die Grenzschützer direkt erkennen, wer unterwegs ist.
Veli Vartiala, Inselbewohner:
»Natürlich hofft man vor allem bei Westwind, dass es keine Motorpanne gibt. Sonst ist man nämlich in unter einer Minute auf russischer Seite.«
Seit kurzem verläuft hier auch die Nato-Außengrenze. Ob der kriegsführende Nachbar das hiesige Leben beeinflusst, das wollen wir hier herausfinden: Wir fahren auf die Insel Vanhasaari.
Animation:
Früher gehörte sie samt der Nachbarinsel zu Finnland, heute teilt eine Grenze die beiden Seiten. Jetzt gehört Vanhasaari zu Finnland, die andere Hälfte der Doppelinsel, Martinsaari, zu Russland. Es ist die einzige Insel im Finnischen Meerbusen, die von einer Staatsgrenze durchquert wird. Entsprechend streng sind die Auflagen.
Veli Vartiala, Inselbewohner:
»Der Besuch muss immer ordentlich begründet sein.«
Reporterin: »Etwas einsam hier, oder?«
Veli Vartiala, Inselbewohner:
»Viel los ist hier nicht. Es darf ja niemand her ohne Genehmigung. Man muss immer den Antrag für die Grenzzone machen, so ist das…«
Um nur einen Fuß auf die idyllische Insel zu setzen und Vartiala begleiten zu dürfen, brauchten auch wir eine Genehmigung fürs Betreten der Grenzzone. Besuch aus dem Ausland wird noch einmal genauer geprüft. Wer denkt, hier unauffällig durchs Dickicht laufen zu können – Fehlanzeige. Der finnische Grenzschutz ist auch hier präsent.
Veli Vartiala, Inselbewohner:
»Die Kamera zeigt gerade ziemlich nach unten. Die schauen wahrscheinlich, dass wir nicht übern Zaun steigen…Sie ist ferngesteuert, das geht wie eine Live-Sendung in den Kontrollraum. Die Kamera wurde 1997 installiert, als der Grenzschutz die Insel an das Stromnetz anschloss. So brachte uns der Staat also Elektrizität auf die Hütte.«
Reporterin: »Fühlt man sich nicht dadurch arg unter Kontrolle?«
Veli Vartiala, Inselbewohner:
»Nein, das nicht. Bis zur Hütte reicht der Zoom kaum. Außerdem gibt es hier in der Grenzzone ja ohnehin überall Kameras.«
Und hier steht das einzige Haus der Insel. Es gehört Veli Vartiala und seinen drei Geschwistern, heute ist Schwester Minna da und schaut nach dem Rechten. Gerade sorgen die Schwalben für etwas Unruhe.
Das Sommerhäuschen bauten die Vartialas erst Anfang der 1990er Jahre. Um überhaupt im Grenzgebiet bauen zu dürfen, musste die Familie viele bürokratische Hürden überwinden. Da die gesamte Insel früher der Familie gehörte, erkämpfte sich Velis Vater vor dem Obersten Gericht eine Baugenehmigung.
Das Geburtshaus des Vaters war nach dem Winterkrieg auf der anderen Inselhälfte geblieben.
Veli Vartiala, Inselbewohner:
»Etwa einen halben Kilometer entfernt war das Heimatdorf meines Vaters, mit etwa zehn Häusern. Hier ist sein Geburtshaus, aufgenommen 1940. Nach den Bombardierungen hatten sie offenbar das Dach repariert. Und hier sitzt mein Vater am Grenzpfosten in den 1940ern.«
Animation:
Nach dem russischen Angriffskrieg auf Finnland, dem Winterkrieg, musste Finnland mit dem sogenannten »Frieden von Moskau« Gebiete an die Sowjetunion abtreten. Neben Karelien und Gebieten im Norden gingen damals auch die äußeren Inseln im Finnischen Meerbusen an die Sowjets. Familie Vartiala blieb immerhin die Hälfte ihrer Insel.
Veli Vartiala, Inselbewohner:
»Da ist also der Grenzpfosten.«
Sich den Grenzpfosten aus nächster Nähe anzuschauen, ist strikt verboten. Was die Vartiala-Kinder einst nicht ganz ernst nahmen.
Veli Vartiala, Inselbewohner:
»Da war ich wohl knapp 15, mit meinem kleinen Bruder sind wir mit Skiern um den Pfosten herum. Aus Lust am Abenteuer. Das gab Ärger: Die Russen flogen mit Hubschraubern, die Finnen kamen mit Schneemobilen. Da konnte man nix leugnen, die Spuren im Schnee waren ja recht eindeutig.«
In der Grenzzone selbst und über der Insel Vanhasaari darf keine Drohne fliegen – aber so ruhig sieht der Archipel von Virolahti aus. Doch die Idylle täuscht: Das Gewässer, das auf russischer Seite bis vor Sankt Petersburg reicht, wird ständig per Radar überwacht.
Für die Grenzsicherheit hier ist die Seewache von Hurppu zuständig. Markku Ahonen aus der Zentrale in der Hafenstadt Kotka gehört zu den Personen, die im Bereich der gesamten östlichen Seegrenze den Überblick behalten:
Markku Ahonen, Stellv. Leiter Küstenwache Kotka
»Auf der finnischen Seite kennen wir eigentlich so jeden, der hier mit einem Boot regelmäßig unterwegs ist. Und wir beobachten natürlich täglich, was auf der Nachbarseite passiert, und notieren das.«
Ob es in letzter Zeit hier mehr zu beobachten gab? Das will die Küstenwache so nicht bestätigen.
Markku Ahonen, Küstenwache Kotka
»Nun, es gab im Juni einen Vorfall, über den auch berichtet wurde: Da kamen zwei Männer mit einem Schlauchboot von Russland hierher, sie haben dann einen Asylantrag gestellt.«
Reporterin: »So etwas kommt also schon vor?«
Markku Ahonen, Küstenwache Kotka
»Ja, es sind vielleicht fünf bis zehn Fälle im Jahr, mal mehr, mal weniger. Aber insgesamt ist es ruhig. Und die russischen Kollegen sehen natürlich zu, dass niemand das Land verlässt.«
In den Gewässern arbeiten finnische und russische Grenzwache nach wie vor zusammen. Die geografische Nähe hat schon immer für eine enge Beziehung gesorgt. Hier im Archipel von Virolahti reicht sie bis ins Zarenreich.
Für Veli Vartiala ist auch das Teil der Familiengeschichte.
Veli Vartiala, Inselbewohner:
»Hier ist die Yacht von Zar Nikolai II. vor Anker: die »Standart«. Das Foto ist irgendwann um 1910 entstanden.«
Die kaiserliche Yacht diente als fahrende Sommerresidenz des letzten russischen Zars. Nikolai II. und seine Familie verbrachten ganze Sommer auf den kleinen Inseln.
Vartialas Großtante Naimi hatte die Besuche als Zeitzeugin miterlebt. Sie berichtete der Familie davon in privaten Tonaufnahmen:
Audio/Naimi Vanhala, Zeitzeugin
»Sie kamen oft schon im Juni. Für die Kinder wurden Spielplätze am Strand hergerichtet. Sie bewegten sich frei im gesamten Archipel. Der Kaiser stieg aus und hat die Menschen gegrüßt. 1914 kam dann auch noch der deutsche Kaiser zu Besuch.«
Es waren bewegte Zeiten hier auf der Insel – kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges. Noch zeugen einzelne Keramikisolatoren an den Bäumen von reger Kommunikation:
Veli Vartiala, Inselbewohner:
»Die Nachrichten von den Zarenbesuchen liefen in den 1910er Jahren über das Haus meines Vaters. Dort war die kaiserliche Telegrafenstation aufgebaut. Die Leitungen wurden über die Insel und durch das Meer gezogen.«
Es scheint, dass die Insel Vanhasaari schon IMMER beides war: fernab der ganz großen Politik – und doch ganz nah dran.
Reporterin: Das hier ist ja jetzt auch die Nato-Grenze – wie fühlt sich das denn an?
Veli Vartiala, Inselbewohner:
»Na, ganz gut würde ich sagen. Das haben ja die Klügeren entschieden. Aber war wohl nur eine Frage der Zeit. «
Heute stimmt ihn die Nähe zu Russland nachdenklich.
Veli Vartiala, Inselbewohner:
»Konkret merken wir hier nichts vom Krieg. Aber es ist halt ein unberechenbares Land – und das war es immer schon.«
In letzter Zeit patrouillieren in der Nähe wieder mehr russische Boote, sagt Vartiala. Heute sind keine in Sicht.