Vor kurzem patrouillierten hier noch Putins Truppen. Zerstörte Gebäude zeugen von heftigem Beschuss und schweren Gefechten: Irpin, die Kleinstadt nordwestlich von Kiew. Ukrainische Soldaten haben den Ort Anfang der Woche zurückerobert. Die Lage ist nach wie vor angespannt.
Leonid Menkivskiy Einwohner Irpins
»Gestern gab es eine Schießerei«
Stimme eines Mannes im Hintergrund
»Den ganzen Tag gab es Explosionen.«
Leonid Menkivskiy »Es wurde viel geschossen. Gestern waren es hauptsächlich Panzer, ja, im Grunde Panzer von hier, von diesem Parkplatz. Nun, was soll ich sagen? Es ist Krieg.«
Mindestens 200 Einwohner sollen in Irpin getötet worden sein. Die Uno-Hochkommissarin für Menschenrechte spricht von möglichen Kriegsverbrechen.
Lilia Ristich Einwohnerin Irpins
»Es war sehr beängstigend.
Ich hatte große Angst, als die Russen kamen, um alles zu überprüfen.«
Ich dachte, sie würden uns hinrichten.«
Lilia Ristich
»Wir hatten Angst, das Haus zu verlassen,
weil sie die ganze Zeit schossen, vom ersten Tag an.
Es war furchtbar, als unser Haus getroffen wurde. Es war furchtbar.«
Vier Wochen lang saß Lilia Ristich mit ihrem Sohn im Keller. Ohne Gas, ohne Strom. Ihr Versteck verließen sie nur, um Wasser zu holen oder um zu schauen, was noch intakt war. Mehrmals drangen russische Soldaten in ihr Haus ein, plünderten oder kontrollierten Papiere. Bis ukrainische Soldaten den Ort schließlich zurückeroberten.
Lilia Ristich »Wir wussten, dass sie (die Russen) vertrieben wurden, aber erst als unsere Armee kam, verstand ich richtig, dass wir befreit worden waren. Es war ein unvorstellbares Glück. Ich bete, dass das alles ein Ende hat und dass sie (die Russen) nie wieder zurückkommen. Wenn sie zurückkommen würden, wäre es schrecklich, einfach schrecklich. Nicht nur für einen selbst, sondern auch, wenn man ein Kind in den Armen hält, ist es eine ewige Angst.«
Auch in Irpin vertraut man nicht auf einen endgültigen Rückzug der Russen. Von Siegeseuphorie ist wenig spüren. Die ukrainische Polizei untersucht zurückgelassene Fahrzeuge auf Sprengfallen und prüft Dokumente von Passanten. Viele der verbliebenen Einwohner sind traumatisiert, sie berichten von Gräueltaten.
Lilia Ristich »Dort drüben wurde eine ganze Familie begraben. Als die Russen kamen, haben sie einen Mann erschossen. Ich weiß nicht genau, wie es passiert ist, also werde ich es Ihnen nicht erzählen, aber er wurde dort begraben, wo der Rasen ist. Und die Familie wurde am 5. März von einer Rakete getroffen - ein 12-jähriges Kind, eine Frau und ein Mann. Ich weiß nicht genau, wer er war. Sie wurden getötet, sie verbrannten bei lebendigem Leib, direkt hier, in der Nähe der Straße.«
Irpin – eine befreite Kleinstadt in Trümmern. Viele der rund 47.000 Einwohner sind geflüchtet. Wann und ob sie zurückkehren werden, ist unklar.