Trauer, Wut und Verzweiflung treiben diese Menschen auf die Straßen. Auf einigen Schildern steht das Wort »Vergebung«. Sie fühlen sich schuldig, nicht genug Druck auf die israelische Regierung ausgeübt zu haben, um ihre Familien aus den Händen der Hamas nach Hause zu holen. Am Dienstag waren laut israelischer Armee erneut sechs Geiseln nur noch tot aus dem Gazastreifen geholt worden.
Adi Gilboa, Demonstrantin:
»Wir sind heute Abend gekommen, weil Benjamin Netanyahu und die Regierung die Geiseln töten, eine nach der anderen. Es ist ihnen egal. Es geht ihnen nur um die Regierung und die Politik. (…) Wir wollen nicht, dass noch mehr tote Geiseln nach Hause kommen. Wir wollen die lebenden Geiseln.«
Diese sechs Männer haben die Geiselhaft in Händen der Hamas nicht überlebt. Die Familien erheben schwere Vorwürfe.
Zahiro Shahar Mor, Neffe von Abraham Munder:
»Mein Onkel wurde von Hamas-Terroristen aus seinem Haus im Kibbuz Nir Oz entführt. Das geschah am 7. Oktober. Am 8. Oktober wurde er von seiner Regierung im Stich gelassen. Am 9. Oktober wurde er von seiner Regierung im Stich gelassen. Und am 10. Oktober – und das ging so weiter bis zu seinem Todestag. Er hat Fernsehen geschaut und Radio gehört. Ich bin sicher, dass er gehört hat, was in Israel vor sich geht. Es muss ihm das Herz gebrochen haben, zu sehen, dass Leute aus seiner eigenen Regierung sich weigern, ein Abkommen zu unterzeichnen, das ihn zurück nach Hause bringen würde. Ja, die Hamas hat ihn entführt. Aber die israelische Regierung hat ihn im Stich gelassen.«
Auch Rami Metzger ist wütend auf die Regierung. Sein Vater, Yoram Metzger, ist tot: Verschleppt von der Terrorgruppe Hamas, getötet in Geiselhaft.
Rami Metzger, Sohn von Yoram Metzger:
»Mein Vater wurde ermordet, mit einer Kugel in den Kopf, ungefähr Ende Februar. Meine Mutter wurde am 28. November freigelassen. Da liegen drei Monate zwischen. Ich habe erwartet, dass Benjamin Netanyahu den Deal macht oder den Deal am Laufen hält, bis er alle rausgeholt hat. Aber indem er es hinauszögert, während wir eine Art ›Wer sagt was‹-Spiel spielen – was soll das bewirken? Wem hilft das?«
Der Vorwurf der Familien: Netanyahus Regierung gehe es mit dem Krieg in Gaza nur darum, die eigene Macht zu erhalten. Die Befreiung der Geiseln sei zweitrangig. Bei einem Treffen mit Angehörigen der Geiseln bekräftigte der Regierungschef jedoch seine Bemühungen.
Benjamin Netanyahu, Premierminister Israel:
»Wir arbeiten daran, die Rückkehr der Geiseln unter Bedingungen zu erreichen, die es ermöglichen, in der ersten Phase des Abkommens die größtmögliche Anzahl von Geiseln freizulassen. Lassen Sie es mich klar sagen: Das ist ein Ziel, das ich mir fest vorgenommen habe. Wir sind jedoch auch verpflichtet, unsere strategische Sicherheit trotz des erheblichen nationalen und internationalen Drucks zu bewahren, und da sind wir standhaft.«
Die israelischen Streitkräfte hatten am Dienstag bekannt gegeben, in einer nächtlichen Operation die Leichen von sechs Geiseln in der Stadt Chan Junis geborgen zu haben. Diese Aufnahmen sollen den Einsatz zeigen.
Herzi Halevi, Generalstabschef der israelischen Armee:
»In einer Operation, die nicht zufällig stattfand, sondern auf nachrichtendienstlichen Erkenntnissen beruhte, die sehr lange gesammelt wurden, hatten wir Informationen über einen Ort, an dem sich unsere verstorbenen Geiseln befanden. Wir gingen hin, um sie aus einem zehn Meter tiefen Tunnel herauszuholen. Wir haben gegraben, gesucht, sind hineingegangen, um unsere Leute zu holen, die wir sehr gern lebend zurückgebracht hätten. Aber auch die Überführung eines Leichnams zur Bestattung in Israel ist eine sehr, sehr wichtige Aufgabe.«
Israel vermutet noch 109 Geiseln im Gazastreifen. Etwa ein Drittel davon soll nicht mehr am Leben sein.