Fawas Adeosun macht sich fertig für den Unterricht. Für ihn ist das nicht selbstverständlich, denn früher wurde er häufig der Schule verwiesen. Nicht etwa, weil er sich schlecht benommen hatte, sondern weil seine Mutter das Schulgeld nicht bezahlen konnte. Die Friseurin aus Nigerias Millionenmetropole Lagos ist alleinerziehend und kümmert sich um sechs Kinder.
Mit großen Säcken voller Plastikflaschen laufen die beiden heute zur »My Dream Stead«-Schule. Sie ist eine von 40 Schulen in Lagos, die neben dem Schulgeld in Höhe von 130 Dollar im Jahr auch wiederverwertbare Abfälle als Zahlungsmittel akzeptieren.
Fatimoh Adeosun, Friseurin:
»Immer, wenn ich Müll zur Schule bringe, wiegen sie ihn und schreiben es auf. Wenn es genug ist, um das Schulgeld zu bezahlen, sagen sie mir Bescheid. Manchmal, wenn er noch Sportsachen oder Bücher braucht, nennt mir die Schule die Höhe der Summe, die ich noch sammeln muss.«
Bildung ist ein Menschenrecht, für alle – eigentlich. Weltweit gehen rund 240 Millionen Kinder nicht zur Schule, vor allem in Indien, Pakistan und Nigeria. In Afrikas bevölkerungsreichstem Land haben 20 Millionen Kinder keinen geregelten Zugang zu Bildung, berichtet die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur Unesco.
Der Besuch von Grundschule und unterer Sekundarstufe ist in Nigeria kostenfrei. Schuluniform, Unterrichtsmaterialien, Mittagessen und eine weiterführende Bildung hingegen nicht – und das können sich viele Familien nicht leisten. Ihre Kinder bleiben daher zu Hause, entsprechend schlecht sind ihre Aussichten, jemals der Armut zu entkommen. Zudem leidet das nigerianische Bildungssystem an schlecht ausgestatteten Schulen und Lehrermangel.
Anders ist es an der »My Dream Stead«-Schule in Lagos. Sie arbeitet mit der »African Clean Up Initiative« zusammen, einer lokalen Umweltorganisation, die die gesammelten Flaschen an Recyclingunternehmen verkauft.
Mit dem Erlös werden die Gehälter der Lehrinnen und Lehrer, Schuluniformen, Bücher und Stifte bezahlt. Vor ein paar Jahren ist das Projekt gestartet, damals mit nur sieben Kindern – heute sind es 120.
Isaac Success Omoyele, Gründer der »Dreams From The Slum Empowerment Initiative«:
»Diese Lösung hilft tatsächlich dabei, dass sich mehr Kinder in der Schule können. Es ist etwas Lobenswertes und wir haben auch einen enormen Schülerzuwachs erlebt. Wir mussten unsere Schule erweitern, weil immer mehr Kinder kommen.«
Omoyeles Vision: Jedes Kind soll Zugang zu einer hochwertigen Bildung bekommen. Und einen positiven Nebeneffekt hat das Projekt auch: In Gemeinden mit Recycling-Schulen ist die Umgebung sauberer.
Alexander Akhigbe, Gründer der »African Clean Up Initiative«:
»Früher sah man in einigen der Gemeinden überall Flaschen, und niemand kümmerte sich darum. Aber seit wir angefangen haben, sehen die Menschen die PET-Flaschen als Tauschmittel für das Schulgeld ihrer Kinder an und werfen sie nicht mehr weg.«
Es ist nur ein kleiner Schritt aus der Armut, und nur für wenige Kinder. Aber der Sohn von Fatimoh Adeosun hat nun die Chance auf ein besseres Leben – auch wenn seine Mutter dafür noch viele Flaschen sammeln werden muss.