Am Morgen nach den türkischen Präsidentschaftswahlen ist die Stimmung verhalten – entschieden ist schließlich noch nichts, am 28. Mai kommt es zur Stichwahl. Doch gerade die Anhänger der Opposition hätten sich mehr versprochen.
»Natürlich sind wir traurig, wir sind deprimiert über die ganze Situation. Wir haben andere Ergebnisse erwartet. Hoffentlich und so Gott will, werden wir diesen Sieg in der zweiten Runde erringen.«
»Ich glaube nicht, dass irgendeine politische Partei mit der dieser Situation zufrieden ist. Wir befinden uns in der gleichen Situation. Natürlich möchte jeder, dass seine Partei oder sein Kandidat gewinnt. Wir werden es sehen, wenn wir in 15 Tagen wieder wählen. Ich sage auch, dass man den Menschen Zeit zum Nachdenken gegeben hat.«
Das vorläufige Ergebnis ist knapp: Erdoğan liegt laut Angaben der türkischen Wahlbehörde bei rund 49,5 Prozent der Stimmen, Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu bei 44,8 Prozent. Beide verfehlten damit die absolute Mehrheit von 50 Prozent.
Dennoch feierten die Anhänger des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğans am späten Wahlabend, als hätte ihr Kandidat bereits gewonnen. Und auch dieser gibt sich auf dem Balkon des Parteigebäudes in Ankara wie der Gewinner.
Recep Tayyip Erdoğan, türkischer Präsident
»Wir haben unseren engsten Konkurrenten bei den Wahlen bereits um 2,6 Millionen Stimmen übertroffen. Ich glaube, dass diese Zahl mit den endgültigen Ergebnissen noch viel höher sein wird.«
Dabei wird Erdoğan sich nach 20 Jahren an der Macht voraussichtlich erstmals in einer Stichwahl gegen seinen Kontrahenten behaupten müssen. Der 74-jährige Kemal Kilicdaroglu reagierte in der Nacht auf Erdogans Verkündung:
Kemal Kılıçdaroğlu, Oppositionsführer
»Trotz all seiner Hetzkampagnen und Beleidigungen hat Erdogan nicht das Ergebnis erzielt, das er erwartet hat. Niemand sollte sich über vollendete Tatsachen aufregen. Wahlen werden nicht auf dem Balkon gewonnen.«
In der im Februar vom verheerenden Erdbeben betroffenen Provinz Hatay im Süden des Landes, kehrten Bewohner für den Gang zur Urne in ihre Heimat zurück. Viele hatten ihre Häuser und Wohnungen verloren und leben nun oft provisorisch in anderen Teilen des Landes – und fordern eine größere Unterstützung durch die Regierung ein.
»Wir befinden uns in einer sehr verzweifelten Situation und es ist nicht klar, was passieren wird. Ich hoffe, dass nach dieser Wahl ein positives Ergebnis für uns eintritt. Wir sind hier, wir sind Einwohner von Hatay und wir werden unsere Stadt nicht verlassen. So Gott will, wird alles gut werden.«
Trotz einiger Unregelmäßigkeiten verlief der Wahlabend überwiegend ohne schwerwiegende Vorkommnisse. Alle Augen schauen nun auf die Große Nationalversammlung in Ankara sowie den Drittplatzierten Sinan Ogan von der ultranationalistischen Ata-Allianz. Der wird bei der Stichwahl eine wichtige Rolle spielen, sollte er eine Wahlempfehlung abgeben. Denn seine Anhänger könnten das Zünglein an der Waage sein