Es war ein Besuch mit hoher Symbolkraft: Wolodymyr Selenskyj ist am Sonntag in die Region von Charkiw gereist. Erstmals seit Kriegsbeginn verließ der ukrainische Präsident offiziell die Hauptstadt Kiew. Das Präsidialamt hat diese Aufnahmen des Frontbesuchs veröffentlicht.
Vielerorts im Donbass dürften die Schäden mindestens so groß sein wie hier, im Südosten gab es zum Zeitpunkt von Selenskyjs Besuch schwere Gefechte, besonders umkämpft war die Ortschaft Sjewjerodonezk. Selenskyj dazu in seiner Videobotschaft in der Nacht zu Montag:
Wolodymyr Selenskyj, Präsident Ukraine
»Durch die russischen Angriffe auf Sjewjerodonezk wurde die gesamte kritische Infrastruktur der Stadt zerstört. 90 Prozent der Gebäude sind beschädigt, mehr als zwei Drittel der Wohngebäude sind komplett zerstört.«
Die Stadt werde ohne Pause beschossen, so Selenskyj weiter. Die Besatzer würden sich nicht darum scheren, wie viele Menschen sterben müssten, damit die russische Flagge über der Stadt wehe. Am Montagmorgen meldete der Gouverneur der Region Luhansk, dass russische Truppen tiefer in die Stadt eingedrungen seien. Aus der Gegend um Cherson wiederum wurden Rückeroberungen durch die ukrainische Armee gemeldet.
Der Präsident persönlich verleiht Tapferkeitsorden – Wertschätzung für die ukrainischen Truppen. Die Moral vieler Soldaten ist weiterhin hoch, auch bei Dmytro, einem ehemaligen Englisch-Lehrer, der nun im Schützengraben Patrouille läuft. Seine größte Angst: ein vorschneller Waffenstillstand.
Dmytro, ukrainischer Soldat
»So etwas hat es in unserer Geschichte schon gegeben und ich habe Angst, dass dies jetzt erneut passieren könnte, weil die Lage so hart ist für unser Land. Ein Abkommen darf es nur zu den Bedingungen der Ukraine geben.«
Die Angst von Dmytro scheint unbegründet, Selenskyj forderte in seiner Videobotschaft erneut mehr Waffen – auch auf seinem Frontbesuch war keine Rede von Verhandlungen, vielmehr ging es um den Wiederaufbau.
Wolodymyr Selenskyj, Präsident Ukraine
»Der Staat muss mit Garantien helfen. Und die Städte selbst sollten coole Projekte und Geld dafür finden. Das können die Städte, die Gouverneure und Bürgermeister schneller, außerdem gibt es europäische Programme für den Wohnungsbau.«
Ein Blick in eine, so scheint es, noch ferne Zukunft. Zumindest in Teilen des Donbass wird es vor dem Wiederaufbau noch viele Kampfhandlungen und Zerstörungen geben – so bereitet Russland offenbar derzeit eine Großoffensive auf die Region Slowjansk vor.