Teilen von Geheimdienstinformationen Selenskyj deutet an, dass die USA die Ukraine nicht mehr vor russischen Angriffen warnen
Ukrainischer Präsident Selenskyj: »Aufklärungsdaten über den Abschuss russischer ballistischer Raketen helfen dabei, Menschenleben zu retten«
Foto: PRESIDENT OF UKRAINE \ apaimages / APAimages / IMAGOWenn Russland Raketen schickt, dann erhält die Ukraine mitunter Hilfe westlicher Partner – in Form von Vorwarnungen. Doch der Austausch von Geheimdienstinformationen ist laut dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj jüngst zum Erliegen gekommen. Explizit nennt er russische Raketenangriffe auf die Hauptstadt Kyjiw als Beispiel.
»Zu diesem Angriff gab es leider keine Vorwarnung von unseren Partnern«, teilte Selenskyj bei Telegram mit. »Aufklärungsdaten über den Abschuss russischer ballistischer Raketen helfen dabei, Menschenleben zu retten, und das ist eine der kritischsten Fragen«, sagte er. »Aber direkte oder indirekte Unterstützung Russlands, die Behinderung der Hilfe für die Ukraine und die Erschwerung des Schutzes vor ballistischen Angriffen – all das trägt definitiv nicht zum Frieden bei«, sagte Selenskyj weiter.
Der Präsident nannte keinen Partner namentlich, betonte aber, das Land brauche ein starkes Amerika, ein starkes Europa und Partner, »die wirklich helfen«. Er forderte wirksamen Druck auf Russland.
Offenbar technisches Problem
Die Ukraine verlässt sich in ihrem Abwehrkampf gegen den russischen Angriffskrieg traditionell vor allem auf Aufklärungsdaten des US-Militärs, aber auch auf die anderer Nato-Mitgliedstaaten. Die ukrainischen Luftstreitkräfte hatten nach dem Angriff mitgeteilt, dass aufgeklärt werden müsse, warum es diesmal keine Warnung vor der russischen Attacke gegeben habe.
Wie der SPIEGEL inzwischen aus Sicherheitskreisen erfuhr, gab es ein technisches Problem, das dazu führte, dass die ukrainische Seite in der Nacht zum Dienstag keine Warnmeldungen erhielt. Demnach war eine Empfangsstation, über die die Warnungen normalerweise eintreffen, defekt und soll nun schnellstmöglich repariert werden. Die Ukraine erhalte aber weiter Geheimdienstinformationen der USA, hieß es weiter.
Auch der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha betonte, dass es weiterhin einen Austausch von Geheimdienstdaten mit den USA gebe. Der Luftalarm sei in der Nacht tatsächlich verspätet ausgelöst worden. »Dies hängt jedoch mit einer speziellen Art von Waffen zusammen, die die russische Seite eingesetzt hat«, sagte er auf dem Warschauer Sicherheitsforum. Zur Art der Waffen machte er keine Angaben.
Auch in der Vergangenheit war die ukrainische Hauptstadt schon von den schnellen ballistischen Raketen überrascht worden. Bürger hatten beklagt, dass kein Luftalarm ausgelöst worden sei. Selenskyj sprach nun von einem »hinterhältigen ballistischen Angriff auf Kyjiw – fünf Raketen, die zivile Infrastruktur trafen«.
Selenskyj beklagte zudem erneut, dass sich Russland nicht an die Aufforderung von US-Präsident Donald Trump zu einer Waffenruhe für Angriffe auf Energieanlagen halte. Kyjiw habe seit der Ankündigung der Feuerpause keine russischen Ölraffinerien oder andere Ziele im russischen Energiesektor angegriffen. »In dieser Zeit haben die Russen sowohl unsere Energieanlagen als auch unsere kritische Infrastruktur angegriffen«, sagte Selenskyj. 19 Regionen seien betroffen.
Die Beziehung zwischen Selenskyj und Trump hatte sich zuletzt wieder deutlich abgekühlt. Mit Russland hatte Trump am Freitag einen Deal über Dieselimporte ausgehandelt und dafür Sanktionen gegen russische Kraftstofflieferungen vorübergehend ausgesetzt. Einen Tag später erklärte er, die Ukraine benötige einen neuen Präsidenten. Selenskyj signalisierte seinerseits die Bereitschaft, Wahlen abzuhalten, sofern Russland einer 60-tägigen Waffenruhe zustimme.
Anmerkung der Redaktion: Wir haben die Meldung um neue Erkenntnisse in Zusammenhang mit dem Vorgang aktualisiert.